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Rassismuskritische Erwachsenenbildung

Annette Sprung 2008, aktualisiert 2013

Menschen, die eine Migrationsbiographie haben bzw. als "Nicht-Weiß" kategorisiert werden, können in unterschiedlicher Weise und Intensität von Diskriminierung betroffen sein - ohne dass damit gesagt ist, dass jede Migrantin und jeder Migrant derartige Erfahrungen macht. Individuelle rassistische Handlungen, aber auch unbeabsichtigte Benachteiligungseffekte werden durch rechtliche Rahmenbedingungen, institutionelle Strukturen und etablierte Praktiken begünstigt oder zum Teil auch verursacht. Ausgrenzende gesellschaftliche Diskurse, die historische Kontinuitäten aufweisen, rahmen dieses Phänomen.


Die Erwachsenenbildung stellt Angebote bereit, um Bewusstsein für Rassismen zu schaffen und Strategien zu deren Bekämpfung zu entwickeln. In diesem Zusammenhang erwächst auch die Aufgabe, etwaige Diskriminierungspotenziale in Bildungsinstitutionen zu reflektieren und abzubauen.

 

Was ist Rassismus?

Rassismus wurzelt in der Kolonisierung weiter Teile der Welt und wurde ab dem 18. Jahrhundert durch entsprechende "Rassentheorien" wissenschaftlich fundiert. Der Nationalsozialismus erhob rassistische Ideologien bzw. den Antisemitismus zu einer Staatsdoktrin und legitimierte damit millionenfache Morde. Gerade im deutschsprachigen Raum ist aufgrund der nationalsozialistischen Vergangenheit eine Tabuisierung und Abwehr des Rassismusbegriffes zu konstatieren, weshalb dieser auch öfter durch Termini wie "Ausländer-" oder "Fremdenfeindlichkeit" ersetzt wird. Wenn heute von Ethnien oder Kulturen die Rede ist, können sich dahinter aber durchaus auch rassistische Ideologien und Diskurse verbergen, so Räthzel (2000). Deshalb finden ebenso die Bezeichnungen Neorassismus bzw. Rassismen im Plural Verwendung. Als Beispiele für aktuelle Feindbildkonstruktionen in der Migrationsgesellschaft gelten islamfeindliche und antiziganistische Diskurse.


Rassismus ist als System von Diskursen und Praxen zu verstehen. Darin werden Gruppen aufgrund (tatsächlicher oder vermeintlicher) biologischer und kultureller/sozialer Merkmale konstruiert und als minderwertig definiert. Dies geschieht - in der Regel in Form eines binären Wir/Nicht-Wir-Schemas -, indem etwa den Merkmalen bestimmte charakterliche Dispositionen zugeordnet werden.


Rassismus lässt sich Rommelspacher (2009) zufolge ebenso wie Diskriminierung nicht bloß als Ergebnis individueller Vorurteile beschreiben, sondern stellt ein Machtverhältnisse legitimierendes und reproduzierendes Verhältnis dar. Er ist auf unterschiedlichen Ebenen angesiedelt. Claus Melter (2006) unterscheidet zwischen alltäglichem Rassismus von Einzelnen bzw. Gruppen und alltäglichem strukturellen sowie institutionellen Rassismus. Als vierte Ebene fügt er Alltagsrassismus in veröffentlichten Diskursen, wie etwa in Medien, hinzu.

Institutionelle Diskriminierung

Diskriminierung verweist als allgemeinerer Begriff auf die Schlechterstellung von Gruppen/Individuen aufgrund unterschiedlicher Merkmale, wie z.B. Gender, Alter, Behinderung. Rassismuskritische Ansätze spezifizieren Erkenntnisse aus Diskriminierungstheorien, indem sie auf ganz bestimmte Differenzierungsmerkmale wie Herkunft, kulturelle Zugehörigkeit u.a. Bezug nehmen. In Migrationsgesellschaften setzen Diskriminierungsphänomene nicht nur auf einer Unterscheidung in StaatsbürgerInnen und AusländerInnen (oder EU-BürgerInnen vs. Drittstaatsangehörige) auf, sondern ebenso auf der Konstruktion sogenannter ethnischer Gruppen, so Hormel (2007).


Institutionelle Diskriminierung resultiert aus dem "Normalvollzug" etablierter politischer und ökonomischer Strukturen. Sie erfolgt möglicherweise unbewusst und ohne an konkrete Vorurteile gebunden zu sein. Institutionelle Diskriminierung "ist von Institutionen/Organisationen (durch Gesetze, Erlasse, Verordnungen, Zugangsregeln, Arbeitsweisen, Verfahrensregelungen oder Prozessabläufe) oder durch systematisch von Mitarbeitenden der Institutionen/Organisationen ausgeübtes oder zugelassenes ausgrenzendes, benachteiligendes oder unangemessenes und somit unprofessionelles Handeln" gegenüber als nicht-zugehörig definierten Personen oder Gruppen, so Melter (2006).


Institutionelle Diskriminierung kann durchaus aus Gleichbehandlungsstrategien resultieren, wenn ignoriert wird, dass es privilegierte und benachteiligte Gruppen mit unterschiedlichen Möglichkeiten der Nutzung von Angeboten gibt. Ein Beispiel aus der Erwachsenenbildung wäre ein Aufnahmetest für ein Kursangebot, bei dem Aufgaben unter Zeitdruck gelöst werden müssen. Obwohl hier auf den ersten Blick für alle die gleichen Bedingungen gelten, wären vermutlich BewerberInnen, deren Erstsprache nicht Deutsch ist, auch bei sehr guten Deutschkenntnissen im Nachteil.

Critical Whiteness

Critical Whiteness Studies (im Deutschen zumeist "Kritische Weißseinsforschung") ist eine Forschungsrichtung, in der die - in der Regel implizite - Normsetzung des "Weiß-Seins" problematisiert wird. Weiß-Sein  ist dabei nicht biologistisch definiert, sondern wird als wirkmächtige Kategorie betrachtet, wonach das davon Abweichende (z.B. "Schwarz") als Anderes gesetzt ist.


Rassismusforschung fokussiert in der Regel stärker auf die Auswirkungen rassifizierender Zuschreibungen, etwa für die von Diskriminierung Betroffenen, bzw. auf deren Strategien des Widerstandes. Critical Whiteness Studies hingegen rücken die Frage nach dem Selbstverständlichen, der Norm in den Vordergrund. Es wird gefragt, welche Strukturen diese Norm hervorbringen und reproduzieren, sowie danach, wer in welcher Weise von Rassismen profitiert. "Weiß-Sein" wird folglich explizit zum Thema der Reflexion, damit sollen unsichtbare Privilegien sichtbar gemacht werden und Angehörige der dominanten Gruppe darüber ein kritisches Bewusstsein entwickeln, um Veränderungen einzuleiten.

Intersektionalität

Intersektionalitätsforschung macht darauf aufmerksam, dass soziale Kategorien wie Gender, Ethnizität, Nation, Klasse u.a. nicht isoliert voneinander betrachtet werden können. Es wäre auch nicht angemessen, sie einfach zu addieren. Die Analyse richtet sich vielmehr auf die Verwobenheit und Überkreuzungen (intersections) der Kategorien, die miteinander in einer Wechselwirkung stehen. Die Ursprünge dieser Perspektive liegen im Black Feminism und der Critical Race Theory.

Rassismuskritische vs. interkulturelle Bildung

Konzepte interkultureller/migrationsbezogener Pädagogik werden häufig dahingehend kritisiert, dass sie das Thema Rassismus vernachlässigen oder gar ganz aussparen. Dominanzverhältnisse würden zugunsten einer harmonisierenden Verständigungsstrategie ausgeblendet. Insbesondere in Großbritannien nahm dieser Diskursstrang in Auseinandersetzung mit der "Multicultural Education" breiten Raum ein. Antiracist Education versteht sich als expliziter Gegenentwurf zur interkulturellen Pädagogik.


VertreterInnen rassismuskritischer Ansätze machen darauf aufmerksam, dass Rassismen nicht auf die individuelle Ebene der Vorurteile reduziert werden dürfen, sondern allem voran der strukturelle und institutionelle Rassismus abgebaut werden müssten. In Großbritannien führte die Debatte in der Praxis zu zahlreichen Weiterbildungsprogrammen für BehördenmitarbeiterInnen, PolizistInnen und andere Berufsgruppen. Im deutschsprachigen Raum werden strukturelle Ausgrenzungsphänomene stärker mit dem Schlagwort der (institutionellen) Diskriminierung in Zusammenhang gebracht. Der Beitrag von Bildung zur Entwicklung von Antidiskriminierungs-Strategien wird zum Teil in Diversity-Ansätzen (Hormel/Scherr 2004) berücksichtigt.


Einige AutorInnen halten die Opposition interkulturell - antirassistisch/rassismuskritisch, zumindest in der wissenschaftlichen Debatte, heute für obsolet, weil u.a. die interkulturelle Pädagogik kritische Einwände durchaus aufgenommen hat. Ob die Reflexion von Dominanzverhältnissen und Fremdheitskonstruktionen allerdings umfassend in Theorie und Praxis Eingang gefunden hat, darf bezweifelt werden.

 

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Weitere Informationen

Weiterführende Links

Literatur

  • Bartels, Alexandra/End, Markus/von Borcke, Tobias/Friedrich, Anna (Hg.) (2013): Antiziganistische Zustände 2. Kritische Positionen gegen gewaltvolle Verhältnisse. Münster: Unrast.
  • Eggers, Maureen Maisha/Kilamba, Grada/Piesche, Peggy/Arndt Susan (Hg.) (2005): Mythen, Masken und Subjekte. Kritische Weißseinsforschung in Deutschland. Münster: Unrast.
  • Elverich, Gabi/Kalpaka, Annita/Reindlmeier, Karin (Hg.) (2006): Spurensicherung. Reflexion von Bildungsarbeit in der Einwanderungsgesellschaft. Frankfurt am Main: IKO Verlag für Interkulturelle Kommunikation.
  • Essed, Philomena (1991): Understanding everyday racism. An interdisciplinary theory. Newbury Park: Sage.
  • Gillborn, David (1995). Racism and Antiracism in Real Schools: theory, policy, practice. Buckingham: Open University Press.
  • Hall, Stuart (1994): Rassismus und kulturelle Identität. Ausgewählte Schriften. Hamburg: Argument-Verlag.
  • Hess, Sabine (Hg.) (2011): Intersektionalität revisited. Empirische, theoretische und methodische Erkundungen. Bielefeld: Transcript-Verlag.
  • Hormel, Ulrike (2007): Diskriminierung in der Einwanderungsgesellschaft. Begründungsprobleme pädagogischer Strategien und Konzepte. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.
  • Hormel, Ulrike/Scherr, Albert (2004): Bildung für die Einwanderungsgesellschaft. Perspektiven der Auseinandersetzung mit struktureller, institutioneller und interaktioneller Diskriminierung. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.
  • Mecheril, Paul/Melter, Claus (Hg.) (2009): Rassismustheorie und -forschung (Rassismuskritik Bd.1). Schwalbach/Ts.: Wochenschau-Verlag.
  • Melter, Claus (2006): Rassismuserfahrungen in der Jugendhilfe. Eine empirische Studie zu Kommunikationspraxen in der Sozialen Arbeit. Münster: Waxmann.
  • Lund, Carol L./Colin, Scipio A.J. (Hg.) (2010): New Directions for Adult and Continuing Education. Special Issue: White Privilege and Racism: Perceptions and Actions, No. 125/2010.
  • Nduka-Agwu, Adibeli  (Hg.) (2010): Rassismus auf gut Deutsch: Ein kritisches Nachschlagewerk zu rassistischen Sprachhandlungen. Frankfurt am Main: Brandes & Apsel.
  • Räthzel, Nora (2000): Theorien über Rassismus. Hamburg: Argument-Verlag.
  • Rommelspacher, Birgit (2009): Was ist eigentlich Rassismus? In: Mecheril, Paul/Melter, Claus (Hrsg.): Rassismustheorie und -forschung (Rassismuskritik Bd.1). Schwalbach/Ts.: Wochenschau-Verlag, S. 25-38.
  • Röggla, Katharina (2012): Critical Whiteness Studies. Wien: Mandelbaum.
  • Scharathow, Wiebke/Leiprecht Rudolf (Hg.) (2009): Rassismuskritische Bildungsarbeit (Rassismuskritik, Bd. 2). Schwalbach/Ts.: Wochenschau-Verlag.
  • Sheared, Vanessa/Johnson-Bailey, Juanita/Colin, Scipio A.J./Peterson, Elizabeth/Brookfield, Stephen D. (2010): The Handbook of Race and Adult Education. A Rexource for Dialogue on Racism. San Francisco: Jossey-Bass.
  • Walgenbach, Katharina (2008). Whiteness Studies als kritisches Paradigma für die historische Gender- und Bildungsforschung. In: Gippert, Wolfgang/Götte, Petra/Kleinau, Elke (Hg.): Transkulturalität. Gender- und bildungshistorische Perspektiven. Bielefeld: Transcript-Verlag, S. 45-66.
  • Winker, Gabriele/Degele, Nina (2010): Intersektionalität. Zur Analyse sozialer Ungleichheiten. Bielefeld: Transcript-Verlag.

 

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