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Pädagogische Professionalität in der Migrationsgesellschaft

Annette Sprung 2008, aktualisiert 2013

Erwachsenenbildung/Weiterbildung ist eine Profession, die sehr eng mit aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen verbunden und dementsprechend auch gefordert ist, auf veränderte Anforderungen zu reagieren. Unter anderem können damit Anpassungen der Kompetenzprofile von ErwachsenenbildnerInnen im Rahmen von Curricula sowie von Aus- und Weiterbildungsangeboten einhergehen. Dies gilt ebenso für den sozialen Wandel im Kontext von Migrationsprozessen. Ein häufig verwendetes, aber auch unter Kritik stehendes Schlagwort lautet in diesem Zusammenhang "interkulturelle Kompetenz".

 

Interkulturelle Kompetenz

Es wird zunehmend eingefordert, dass PädagogInnen Wissen über das Phänomen Migrationsgesellschaft erwerben sollten und - zumindest teilweise - spezifische Kompetenzen für die Arbeit mit heterogenen oder mehrsprachigen LernerInnengruppen benötigen. Die Frage, ob die entsprechenden Kompetenzen mit dem Attribut "interkulturell" adäquat beschrieben sind, ist jedoch umstritten. Darüber hinaus ist es problematisch, jeder Interaktion, an der MigrantInnen beteiligt sind, pauschal zu unterstellen, sie benötige eine "spezielle" Handhabung. Damit wird einmal mehr die Andersheit von Menschen mit Migrationsbiographien behauptet.


Interkulturelle Kompetenz gilt in der Literatur als Sammelbegriff für vielfältige Anforderungen in kommunikativer und sozialer Hinsicht, die unter anderem Konfliktfähigkeit, Ambiguitätstoleranz, Empathie uvm. umfassen. Inwieweit dabei länder- oder kulturkundliches Wissen relevant ist, wird unterschiedlich beurteilt und drückt sich auch dementsprechend in einer Fülle von Trainingsansätzen aus. Interkulturelle Kompetenz beschreibt keinen fixen Kanon an Kenntnissen und Verhaltensweisen. Sie muss situationsspezifisch verankert werden und kann eher als eine auf einen reflektierten Umgang mit Selbst- und Fremdverstehen basierende Orientierung gedeutet werden. Versteht man - wie hier angeregt wird - kulturelle Prägungen und Äußerungen jedoch in einem sehr allgemeinen Sinn, wird interkulturelle Kompetenz zu einer wichtigen Befähigung in allen pädagogischen Kontexten.

Interkulturelle Kompetenz: Ein kritischer Blick

Im pädagogischen Diskurs wurde mehrfach kritisch auf die Problematik der Kulturalisierung hingewiesen, welche durch einen expandierenden Marktanteil interkultureller Kompetenztrainings aktueller denn je erscheint. Die Kritik bezieht sich dabei sowohl auf die theoretischen Grundlagen als auch die Praxis mancher Bildungsveranstaltungen, in denen über vermeintliche kulturelle Eigenheiten von MigrantInnen (oder z.B. GeschäftspartnerInnen in anderen Ländern) informiert wird. Ferner steht ein instrumentelles Verständnis von interkultureller Kompetenz unter Kritik.


Ein weiterer Einwand betrifft den Umstand, dass Bildungsangebote zur Förderung interkultureller Kompetenz vorwiegend Angehörige der Mehrheitsgesellschaft ansprechen und von "einheimischen" TrainerInnen geleitet werden. MigrantInnen kommt in diesem Gefüge letztlich nur ein Objektstatus zu - über sie wird gelernt. Potenzielle neue Tätigkeitsfelder in der Migrationsgesellschaft werden in weiterer Folge von MigrationsexpertInnen aus der sogenannten Mehrheitsgesellschaft besetzt.

Pädagogische Professionalität in der Migrationsgesellschaft

Als wesentlicher Ansatzpunkt für den Umgang mit migrationsgesellschaftlichen Herausforderungen im Bildungswesen wird hier vorgeschlagen, die im Integrationsdiskurs hervorgebrachten Differenzsetzungen zunächst kritisch zu prüfen. Eine entsprechende Reflexion hätte Differenzen und Identitäten weder zu ignorieren noch unreflektiert zu bestätigen oder in vereindeutigender Weise festzuschreiben.


Anerkennung von Differenz ist einerseits zentral, andererseits meint dies keinesfalls die Akzeptanz von (sozialer) Ungleichheit. Anerkennung soll in jedem Fall in dem Bewusstsein erfolgen, dass es sich hierbei um Ergebnisse von Differenzierungspraktiken handelt. Zu einer professionellen Anerkennungspraxis zählen ferner Achtsamkeit und ein (selbst-)kritischer Umgang mit Rassismus- und Diskriminierungserfahrungen bzw. der eigenen Machtposition und Privilegien (Critical Whiteness) (Sprung 2011). Wenn die (national-)kulturelle Zugehörigkeit überhaupt als relevanter Faktor in einer Situation zu identifizieren ist, dann sollte ein prozesshaftes Kulturverständnis entwickelt werden. Der Partizipation von Lehrenden mit Migrationserfahrung sollte Priorität eingeräumt werden. Allerdings muss bei verstärktem Einbezug darauf geachtet werden, MigrantInnen nicht lediglich als MigrationsexpertInnen (und nicht beispielsweise als qualifizierte PädagogIn etc.) wahrzunehmen und sie dadurch auf eine Expertise in einem bestimmten thematischen Bereich zu reduzieren.


Derartige Lernprozesse sollten selbstverständlicher Bestandteil in der Aus- und Weiterbildung von ErwachsenenbildnerInnen sein. Das ist bislang nur teilweise eingelöst. Diesbezüglich gilt es auch zu überlegen, inwieweit in und durch Bildungsprozesse(n) selbst zu Stereotypenbildung bzw. einer Stabilisierung (diskriminierender) gesellschaftlicher Verhältnisse beigetragen wird.


(Migrationsgesellschaftlich bedingte) pädagogische Professionalität basiert demnach nicht auf kulturkundlichen Wissensbeständen oder einem vereinnahmenden Anspruch des "Verstehens der Anderen", so Broden (2009). Sie meint die Fähigkeit, Differenz anzuerkennen und zugleich die Prozesse der Differenzproduktion kritisch zu reflektieren. In Bezug auf migrationsgesellschaftliche Phänomene basiert "Anerkennungskompetenz" (Sprung 2011) auf dem Wissen über Lebensbedingungen von MigrantInnen, über Rassismen/Diskriminierung, strukturelle/institutionelle Anerkennungsfaktoren und symbolische Ordnungen in Migrationsgesellschaften. Gemeint sind hier Ordnungen, die MigrantInnen tendenziell in untergeordnete Positionen im sozialen Raum verweisen.

 

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Literatur
  • Auernheimer, Georg (Hg.) (2013): Interkulturelle Kompetenz und pädagogische Professionalität. 4., durchg. Aufl.. VS Verlag für Sozialwissenschaften.
  • Broden, Anne/Mecheril, Paul (Hg.) (2007): Re-Präsentationen. Dynamiken der Migrationsgesellschaft. Düsseldorf: IDA-NRW.
  • Broden, Anne (2009): Verstehen der Anderen? Rassismuskritische Anmerkungen zu einem zentralen Topos interkultureller Bildung. In: Scharathow, Wiebke/Leiprecht Rudolf (Hg.): Rassismuskritische Bildungsarbeit (Rassismuskritik, Bd. 2). Schwalbach/Ts.: Wochenschau-Verlag. S. 119-134.
  • Czollek, Leah Carola/Perko, Gudrun/Weinbach, Heike (2012): Praxishandbuch Social Justice und Diversity: Theorien, Training, Methoden, Übungen. Weinheim: Beltz Juventa.
  • Fischer, Veronika (Hg.) (2006): Interkulturelle Kompetenz. Fortbildung - Transfer - Organisationsentwicklung. 2. Aufl. Schwalbach/Ts.: Wochenschau-Verlag.
  • Grünhage-Monetti, Mathilde (Hg.) (2006): Interkulturelle Kompetenz in der Zuwanderungsgesellschaft: Fortbildungskonzepte für kommunale Verwaltung und Migrantenorganisationen. Bielefeld: W. Bertelsmann.
  • Hessische Blätter für Volksbildung (2013): Perspektiven der interkulturellen Öffnung. Heft 1/2013.
  • Kalpaka, Annita (2005): Pädagogische Professionalität in der Kulturalisierungsfalle. Über den Umgang mit "Kultur" in Verhältnissen von Differenz und Dominanz. In: Leiprecht, Rudolf/Kerber, Anne (Hrsg.): Schule in der Einwanderungsgesellschaft. Ein Handbuch. Schwalbach: Wochenschau, S. 387-405.
  • Kalpaka, Annita (2009): "Parallelgesellschaften" in der Bildungsarbeit - Möglichkeiten und Dilemmata pädagogischen Handelns in "geschützten Räumen". In: Elverich, Gabriele/Kalpaka, Annita/Reindlmeier, Karin (Hg.): Spurensicherung: Reflexion von Bildungsarbeit in der Einwanderungsgesellschaft. Münster: Unrast, S. 95-165.
  • Otten, Matthias/Scheitza, Alexander/Cnyrim, Andrea (Hg.) (2007): Interkulturelle Kompetenz im Wandel. Grundlegungen, Konzepte und Diskurse. Frankfurt am Main/London: IKO Verlag für Interkulturelle Kommunikation (Beiträge zur interkulturellen Zusammenarbeit, Bd. 1).
  • Sprung, Annette (2011): Zwischen Diskriminierung und Anerkennung. Weiterbildung in der Migrationsgesellschaft. Münster, New York, München, Berlin: Waxmann.
  • Straub, Jürgen (2007): Handbuch interkulturelle Kommunikation und Kompetenz. Grundbegriffe - Theorien - Anwendungsfelder. Stuttgart: Metzler.
  • Zacharaki, Ioanna/Eppenstein, Thomas/Krummacher, Michael (Hg.) (2007): Praxishandbuch Interkulturelle Kompetenz vermitteln, vertiefen, umsetzen. 2. Aufl., Schwalbach: Wochenschau Verlag.
  • Zeuner, Christine (2007): Gerechtigkeit und Gerechtigkeitskompetenz: Diskurs und Praxis für eine kritische politische Bildung. In: Report. Zeitschrift für Weiterbildungsforschung, Jg. 30, Heft 3/2007, S. 39-48.

 

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