Ein Blick in die Praxis: Basisbildung

Sonja Muckenhuber ist eine Pionierin der Basisbildung. Im Gespräch mit Daniela Bayer-Schrott, von der Salzburger Erwachsenenbildung, erzählt sie über ihren Werdegang, wie sich Basisbildung in der österreichischen Erwachsenenbildung etabliert hat und was heute für Basisbildner*innen wichtig ist.
Der Einstieg in die Basisbildung
Frau Muckenhuber, Sie sind schon seit Jahrzehnten in der Basisbildung tätig. Wie und wann sind Sie in diesem Feld gelandet?
Mein Interesse für die Basisbildung entstand schon während meines Studiums. Ich bin Soziologin. In einem Seminar der Bildungssoziologie erwähnte ein Professor, dass das Thema Alphabetisierung – so nannte man die Basisbildung damals – erstaunlicherweise totgeschwiegen wird. So hat das Thema meine Aufmerksamkeit gewonnen: Also noch in den 80er Jahren.
In den 90er Jahren war ich dann an der Volkshochschule in Linz tätig und wir haben dort auf meine Initiative hin mit Kursen für Erwachsene begonnen, sie hießen „Alphabetisierungskurse“. Unser Motto war „Learning by Doing“ – damals waren die Kurse ja mit Kosten verbunden, und wir probierten es einfach aus. Trotz unserer stärker werdenden Öffentlichkeitsarbeit waren am Ende oft nur 5 Teilnehmende in unseren Kursen.
Mein großes Ziel ist jetzt, die Menschen zu erreichen: Alle sollen das Angebot der Basisbildung zumindest kennen. Viele wollen oder können leider gar nicht an Kursen teilnehmen. Die Gründe dafür sind unterschiedlich, häufig stecken Scham und andere Barrieren dahinter.
„Bildung ist ein Menschenrecht“
Was fasziniert Sie so an der Basisbildung, dass Sie bereits seit Jahrzehnten in diesem Bereich tätig sind?
Diese große soziale Ungerechtigkeit, die hat mich sofort gepackt. Bildung ist ein Menschenrecht. Bildung kann dafür sorgen, dass man privat und beruflich erfolgreich unterwegs ist!
Das ist ein Auftrag an die gesamte Gesellschaft, und deshalb ist es mir so wichtig. Menschen, die im System Schule nicht schreiben, lesen und rechnen gelernt haben, müssen später die Gelegenheit haben, diese Fähigkeiten zu erwerben. Ohne diese Basis ist es nahezu unmöglich, an weiteren Kursen und Ausbildungen teilzunehmen.
Was mich außerdem immer noch an der Basisbildung fasziniert, ist die Mitgestaltungsmöglichkeit. Es handelt sich ja um keine formale Ausbildung. Das verlangt zwar viel von den Trainer*innen, aber es bietet den Vorteil der ständigen Weiterentwicklung. Die Menschen kommen und bleiben nur dann, wenn das Angebot passt. Man kann und muss vieles ausprobieren und die Menschen fragen, was sie brauchen, oder was sie von den Angeboten halten, die sie schon in Anspruch genommen haben.
Da höre ich heraus, dass Sie auch deswegen so lange Zeit in diesem Bereich geblieben sind, da es in der Basisbildung einfach immer etwas Neues gibt.
Genau! Es wird nicht eintönig. Es gibt immer wieder Änderungen: Sei es, wie man auf die Menschen eingeht, weil sich die Gesellschaft immer weiterentwickelt. Aber auch auf sich ändernde Rahmenbedingungen muss man sich einstellen, denn da gibt es ebenfalls immer wieder einmal neue Vorgaben. Das Schöne ist dabei, es ist immer ein „Miteinander entwickeln“ – wir haben im Grunde ja alle das gleiche Ziel im Blick!
Menschen sollen von den Kursen erfahren und denken: Das ist auch etwas für mich! Es soll unaufgeregte Informationen darüber geben. Die Menschen sollen diese Kurse in Anspruch nehmen können, ohne fürchten zu müssen skandalisiert zu werden. Der vermeintliche Skandal ist immer noch, dass die Leute denken: „Wird mich jemand erkennen, wenn ich in den Kurs gehe?“ – Wir müssen anerkennen: Das ist ein sehr großer Schritt für sie. Die Kampagnen müssen also positiv sein, nicht defizitorientiert.
Außerdem gibt es heute zwei bestimmte Schieflagen, diese müssten meiner Meinung nach zurechtgerückt werden: Für Menschen mit nichtdeutscher Erstsprache gibt es bereits viele Kurse. Der Anteil der Menschen mit deutscher Muttersprache mit nicht ausreichender Basisbildung ist allerdings größer, hier fehlt es an Angeboten. Die andere Schieflage ist jene, dass es für Menschen, die wirklich ganz am Anfang stehen – also zum Beispiel erst 10-15 Buchstaben gelernt haben – zu wenige Angebote gibt. Solche Kurse sind leider rar.
Tätigkeitsfelder in der Basisbildung
Sie sind Leiterin des Instituts für Bildungsentwicklung in Linz (B!LL). Welche Schwerpunkte haben Sie hier?
Ich habe B!LL mit Elke Schildberger gegründet, die jetzt in Pension ist. Das Institut leite ich nun zusammen mit Katja Burgstaller. Ein aktuelles Projekt ist „Bildung mit Weitblick“: Wir entwickeln Lernmaterialien und Tutorials für Basisbildner*innen rund um die Themen Nachhaltigkeit und Umwelt. Denn diese Themen brennen in den Menschen, sie möchten es verstehen und auch wissen, was sie beitragen können.
Mit dem Alumni-Club für Basisbildner*innen möchten wir die Trainer*innen vernetzen und professionalisieren. Für sie gibt es zum Beispiel Weiterbildungen, aber auch Job-Shadowing-Programme, um ihre Mobilität zu fördern. Das können Einzelaktivitäten als auch Gruppenreisen in andere Länder sein. Unterstützt wird das durch Erasmus+. Weiters bieten wir selbst auch Aus- und Weiterbildungen für Basisbildner*innen an. Es gibt online auch einen Bereich für die Basisbildungs-Trainer*innen – hier kann man mit einer Suche passende Materialien für den Unterricht finden.
Wir bieten auch einen „Lerntreff“ online für die Menschen an, diese haben keinen Kurscharakter, sondern sind einzelne lose Treffen. Dann geben wir seit Jahren die Buchreihe „Schriftlos heißt nicht sprachlos“ heraus. Das sind Beiträge von Kursteilnehmenden, die oft sehr eloquent sind, aber ihre Wörter nicht niederschrieben können. Wir wollen unsere Teilnehmenden wertschätzen und bieten ihnen auch die Methode des „stellvertretenden Schreibens“: Sie diktieren den Text, ein*e Stellvertreter*in schreibt, dann wird der Text gegenseitig gelesen, korrigiert – auch das führt zu einem besseren Schreiben. Und als zentrale Beratungsstelle Basisbildung betreuen wir das Alfatelefon.
Sie haben vor rund 20 Jahren das Alfatelefon in Österreich mitentwickelt ...?
Ich war in einem EQUAL-Projekt verantwortlich für die Entwicklung. Wir haben es in den Jahren 2005/2006 nach deutschem Vorbild entwickelt. Deutschland war uns damals in puncto Alphabetisierung und Grundbildung voraus. Ziel war, grundlegende Informationen zu bieten, die Menschen zu unterstützen, die richtigen Kurse zu finden und sich auch anzumelden. Manche scheiterten nämlich schlussendlich an der Anmeldung – da halfen wir weiter.
Damals hatte ich das Telefon persönlich bei mir und habe es quasi rund um die Uhr betreut. Die Menschen riefen natürlich auch abends an, und die Gespräche dauerten oft bis zu einer Stunde. Ich habe viel zugehört. Das waren Probleme wie: „Meine Kinder gehen jetzt zur Schule, sie sollen sich nicht schämen für ihren Vater, der nicht lesen kann.“ Die Anrufer*innen erzählten mir auch oft, dass sie die Nummer irgendwo in einer Zeitung gesehen oder in einem Fernsehbeitrag entdeckt hatten und sie ein Jahr lang mit sich herumgetragen hatten – bis sie sich endlich überwinden konnten, anzurufen.
Mit manchen der ersten Anrufer*innen und Teilnehmenden in Kursen habe ich heute noch Kontakt. Wenn es zum Beispiel Presse-Anfragen gibt, dann vermittle ich Interviewpartner*innen und diese geben ihre Erfahrungen von damals weiter. Auch heute noch bin ich für die Organisation des Alfatelefons zuständig.
Was bietet das Alfatelefon?
Das Alfatelefon bietet den Menschen eine erste Information, eine Orientierung. Der Vorteil: Das Gespräch ist ganz entspannt, weil sie noch nicht direkt beim Kursanbieter sind. Oft ist es nur ein „Plaudern“ und Zuhören. Wenn der*die Anrufer*in einen passenden Kurs sucht, recherchieren wir diesen zusätzlich im jeweils nahen Umfeld.
Nicht nur die Betroffenen selbst können anrufen, sondern auch Berater*innen, Freund*innen, und Vermittler*innen von Betroffenen. Arbeitgeber*innen melden sich und sagen zum Beispiel, dass sie den Verdacht hätten, jemand im Team könnte nicht ausreichend lesen und schreiben, und fragen uns, wie sie das ansprechen sollten.
Ausbildung zur Basisbildner*in
Gibt es genügend Basisbildungs-Trainer*innen für das derzeitige Angebot?
Wir verzeichnen viele Anfragen. Zum Beispiel gibt es regelmäßig am bifeb eine Ausbildung zu*r Basisbildner*in, aber auch an anderen Stellen wie am BFI in Wien oder bei uns am B!LL. Leider kommen sie am Ende manchmal nicht zustande. Da steckt sicher die relative Jobunsicherheit dahinter. Die Menschen fragen sich: Wie lang werde ich wohl bei der Einrichtung arbeiten können? Dies hängt unter anderem mit unterschiedlichen Beschäftigungsverhältnissen zusammen.
Für Kurse im Rahmen von Level Up braucht man allerdings diese Ausbildung. Dafür werden immer wieder Trainer*innen gesucht.
Wer kann überhaupt Basisbildner*in werden? Was sind die Voraussetzungen für die Ausbildung?
Beim Bewerbungsverfahren für die Ausbildung muss man ein Motivationsschreiben abgeben und ein Aufnahmegespräch machen. Man muss einen höheren Schulabschluss haben, ein Studium ist nicht Voraussetzung, aber ein sicherer Umgang mit der deutschen Sprache. Die persönliche Eignung steht im Vordergrund. Die Ausbildung am bifeb wird gefördert; die Kosten liegen bei knapp 600 Euro. Dauer der Ausbildung ist ein Jahr.
Unter Aus- und Weiterbildung für Basisbildner*innen finden Sie einen Überblick zu den aktuellen Bildungsangeboten.
„Meine Arbeit ist meine Leidenschaft“
Eine persönliche Zusatzfrage zum Thema Arbeit: Sie könnten ja schon in Pension sein, arbeiten aber noch weiter. Was bedeutet Arbeit in der spätberuflichen Zeit für Sie?
Ja, ich habe schon das Pensionsalter erreicht. Aber da ich selbstständig arbeite, hat mir niemand gesagt, ich solle in Pension gehen. Wenn es meine körperliche und geistige Verfassung zulassen, ist Arbeiten schön für mich, da ich darin einen Sinn sehe.
Meine Arbeit war auch immer meine Leidenschaft. Es wäre ein großer Verlust, wenn ich diese nicht mehr in meinem Leben hätte. Ich werde es hoffentlich merken, wenn es Zeit ist aufzuhören. Aber es gibt noch viel zu lernen: Die Künstliche Intelligenz ist zum Beispiel so ein neues Thema. Solange ich das Gefühl habe, es passt für mich, arbeite ich weiter!
Daniela Bayer-Schrott ist Redakteurin und Öffentlichkeitsarbeiterin in der Arbeitsgemeinschaft Salzburger Erwachsenenbildung und Teil des Redaktionsteams des Bildungsbuch – Bildung, Beratung, Beruf.