Ein Blick in die Praxis: Bildungsmanagement

Manuela Vollmann ist Bildungswissenschafterin, Erwachsenenbildnerin und Geschäftsführerin von ABZ*AUSTRIA und setzt sich seit Jahrzehnten für die Chancengleichheit und Stärkung von Frauen im Arbeitsmarkt ein.
Die Unternehmerinnenrolle ihrer Mutter, ihre Ausbildung zur Volksschullehrerin in Graz und ihr Engagement in feministischen Hochschulgruppen während dem Studium der Erziehungswissenschaften in Wien prägten die Sichtweise von Manuela Vollmann. Die gebürtige Burgenländerin arbeitete als wissenschaftliche Assistentin am Interdisziplinären Institut für Forschung und Fortbildung und im Verein EFEU (Verein zur Erarbeitung von feministischen Erziehungsmitteln). 1992 entschloss sie sich, Pädagogik und Unternehmertum zu verbinden und gründete das ABZ*AUSTRIA, das sich bis heute der Förderung von Arbeit, Bildung und Zukunft von Frauen widmet. Im Gespräch berichtet sie über das Arbeitsmarktprojekt, aktuelle Herausforderungen für Frauen am Arbeitsmarkt und darüber, wie sie ihren feministischen Ansatz in die Arbeit einbindet.
Chancengleichheit aktiv gestalten: Manuela Vollmann im Interview
Jetzt bist du schon über 30 Jahre lang beim ABZ*AUSTRIA. Was bedeutet das ABZ*AUSTRIA für dich?
Wir stärken Frauen durch eine Vielzahl an Maßnahmen, damit sie eigenständig Geld verdienen können, das ist einfach von entscheidender Bedeutung. Ein zentraler Bestandteil unserer Arbeit war und ist das Projekt „Arbeiten und Lernen“. Eine unserer ersten Kooperationen führten wir mit Philips durch, bei der die Frauen EDV-Schulungen erhielten und auch dafür bezahlt wurden. Diese Wiedereinsteigerinnen waren aufgrund ihrer Qualifikationen sehr gefragt. Übrigens, damals waren die Wiedereinsteigerinnen nicht Frauen, die nach nur ein oder zwei Jahren Auszeit zurückkehrten. Im Durchschnitt waren diese Frauen 12 Jahre lang vom Arbeitsmarkt ausgeschlossen! Wir haben übrigens nie eine Basisfinanzierung erhalten. Seit 33 Jahren finanzieren wir uns ausschließlich durch Projektmittel.
Wie habt ihr das geschafft, euch immer über Projekte zu finanzieren?
Es war nicht einfach, denn man wusste nie, wie es nach dem Ende der Projekte weitergehen würde. Viele meiner Kolleginnen, die bei der Gründung von ABZ*AUSTRIA dabei waren, entschieden sich aufgrund dieser Unsicherheiten, den Verein wieder zu verlassen. Was ich in diesem Zusammenhang betonen möchte, ist, dass der EU-Beitritt 1995 für uns ein echter Wendepunkt war. Ursprünglich war ich mir gar nicht sicher, ob ich für den EU-Beitritt stimmen soll oder nicht. Meine damals sechsjährige Tochter hat mich in die Wahlkabine begleitet und gemeint: „Mama, sag ja!“ Und ich muss sagen, sie hat mich gut beraten!
Die EU übte sozusagen den notwendigen „Druck“ aus, um in Österreich mehr für die Gleichstellung von Frauen und Männern am Arbeitsmarkt zu tun. Nach dem EU-Beitritt bekam ich – so kam es mir zumindest vor – nahezu jede Woche Anrufe von öffentlichen Institutionen und Unternehmen, die uns darum baten, Projekte zu entwickeln, die gezielt die Gleichstellung von Frauen und Männern am Arbeitsmarkt fördern sollten.
Auch was den Fokus Erwachsenenbildung betrifft, hat sich das wunderbar seit dem EU-Beitritt entwickelt. In den 1990er und den 00er Jahren wurde viel vorangebracht.
Welche persönlichen Highlights gibt es für dich in deiner langjährigen Arbeit?
Ich schätze unsere Rolle als Vermittlerinnen sehr. Das bedeutet, dass eine öffentliche Institution, wie etwa die Stadt Wien oder die EU, ein Projekt finanziert, während die Begünstigten andere sind. Wir übernehmen die Funktion der Brücke zwischen den Akteur*innen. Für mich bedeutet das, dass wir aktiv zur Gestaltung gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Entwicklungen beitragen können.
Besonders schätze ich, dass wir neue Perspektiven eröffnen: Frauen – und mittlerweile auch Männer – haben bei uns die Möglichkeit, sich in späteren Lebensphasen beruflich neu zu orientieren. In Österreich herrscht immer noch ein stark traditionelles, geschlechterstereotypes Bild darüber, wer welchen Beruf ausüben sollte. Dieses eingeschränkte Rollenverständnis erschwert Menschen oft ihre beruflichen Entscheidungen.
Worauf ich außerdem sehr stolz bin: Wir arbeiten seit Beginn mit Unternehmen zusammen. Denn wo gibt es die Jobs? Eben in den Unternehmen. Kooperationen wie zum Beispiel FIT (Frauen in Handwerk und Technik) waren rasend erfolgreich, weil die Frauen nicht nur schnell einen Kurs machen, sondern ihre Ausbildung bis zum Bachelor abschließen können. Bildung ist essentiell in der beruflichen Neuorientierung für Frauen und eine super Chance für einen Neustart.
Mit unserem Engagement – sei es in der Bildung, Beratung oder Berufsorientierung – verfolgen wir das Ziel, Frauen den Zugang zu guten Arbeitsplätzen zu ermöglichen und ihre Einkommensmöglichkeiten zu steigern. Dieser Fokus bleibt unser Leitgedanke: Frauen zu stärken und gleichzeitig Männer in die Care-Arbeit einzubeziehen, denn eine gleichberechtigte Aufteilung – halbe/halbe – ist entscheidend für unsere gesellschaftliche Entwicklung. Auch Unternehmen haben wir mit ins Boot geholt, um gemeinsam strukturelle Fortschritte zu erzielen.
2019 haben wir eine GmbH mit Consulting-Angeboten gegründet. Beispielsweise bieten wir ein Sparringprogramm „Netzwerk Aufsichtsrat“ im Auftrag der Industriellenvereinigung an. Frauen, die in der Geschäftsführung oder in anderen hohen Positionen sind, werden dabei unterstützt, in einen Aufsichtsrat zu kommen.
Für unser Mentoring-Programm haben wir ein einzigartiges Cross-Mentoring-Modell entwickelt, das Frauen und Firmen zusammenbringt: Eine Frau, die eine Führungsposition anstrebt, wird von einer Mentorin oder Mentor aus einem anderen Unternehmen begleitet.
Wir unterstützen Unternehmen, wenn sie Duale Führung bzw. Shared Leadership implementieren möchten. Wir coachen von Beginn an die Führungspaare und beraten Unternehmensführungen, wenn sie das Modell im Unternehmen einführen wollen.
Mit unserer Organisationsberatung wollen wir somit ebenfalls unsere Mission, die Gleichstellung der Frauen und Männer in Arbeit, Bildung und Wirtschaft, erreichen.
Wie hast du dich auf die Position als Geschäftsführerin des ABZ*AUSTRIA vorbereitet?
Als Geschäftsführerin habe ich festgestellt, dass mich mein pädagogisches Hintergrundwissen sehr in meiner Führungsrolle stärkt. Denn Führung ist viel Pädagogik! Das betrifft aktuelle Herausforderungen wie die Corona-Zeit, oder die Zusammenarbeit mehrerer Generationen in den Unternehmen – mit Pädagogik-Know-how habe ich Handlungskompetenz. Ich habe aber auch viele Weiterbildungen gemacht, um mich vorzubereiten und zu verbessern.
Welche Herausforderungen beschäftigen Frauen in der Berufswelt aktuell am meisten?
Die Vereinbarkeit von Familie, Beruf und Privatleben ist immer noch das größte Thema für Frauen, seit Jahrzehnten. Sobald Kinder im Spiel sind, wird es schwierig. Nicht nur was Arbeit betrifft, sondern auch das lebenslange Lernen: Wie lässt sich das mit Kindern vereinbaren? Mein Zugang wäre die Ganztagsschule, das bringt nicht nur den Müttern etwas, sondern auch den Kindern und den aktiven Vätern.
Ein weiteres Thema ist Sprache. Besonders betroffen sind hier Migrant*innen und Geflüchtete. Leider haben wir nicht ausreichend Deutschkurse, was die Integration erschwert.
Das Thema Frauen, Männer und Karenz: Da tut sich leider auch noch nicht viel. Dass zuhause nicht halbe/halbe gemacht wird, das ist ein riesen Handicap von Frauen. In Österreich sind die gesetzlichen Möglichkeiten sogar besser als woanders in Europa – dennoch leben wir in einem recht wertekonservativen Land. Die Mama fängt alles ab und arbeitet Teilzeit, bis das Kind 15 ist! Meine Meinung ist: Lebensphasenorientierte Arbeitszeiten und halbe/halbe sind gute Ansätze.
Was die Frauen noch betrifft: Erwachsenenbildung muss man sich leisten können. Das gilt sowohl für die Ressource Zeit als auch Geld. Die Erwachsenenbildung muss mehr Anerkennung und Unterstützung bekommen. Denn viele müssen oder wollen sich mit 45 oder 50 Jahren neuorientieren, und dieses Lernen muss möglich sein! Gründe dafür gibt es viele: Einerseits der Fachkräftemangel, es gibt wenig Nachwuchs, andererseits arbeiten auch die Frauen jetzt bis 65, da sind noch einige Jahre hin zur Pension. Hier müsste man geeignete Programme finden.
Es soll für ALLE möglich und leistbar sein, sich weiterzubilden!
Was können Frauen machen, um sich selbst fürs Leben und Arbeitsleben sowie ihre Netzwerke zu stärken?
Ich möchte den Frauen das Thema Lernen nahelegen: Wie eignet man sich Wissen an? Es gibt Online-Formate – aber wie funktioniert das, wie kann ich mich online informieren, lernen, beraten lassen? Frauen sollten nicht sagen „Ich kann das nicht“, sondern sich mehr zutrauen, und zumuten, dass sie alles lernen können.
Was Netzwerke betrifft, sehe ich ein ähnliches Problem: Wenn ich rund um die Uhr für die Kinderbetreuung, die Sorgearbeit und die Pflege meiner Angehörigen verantwortlich bin, bleibt schlichtweg keine Zeit für den Aufbau und die Pflege von Netzwerken. Das ist eine unlösbare Gleichung. In vielen Fällen kommen noch gesellschaftliche Erwartungen hinzu, die die Belastung noch verstärken. Beispielsweise wird oft von Müttern erwartet, dass sie nicht nur die Hausaufgaben ihrer Kinder betreuen, sondern auch regelmäßig selbstgebackene Kuchen zum Geburtstag oder anderen Anlässen beisteuern. Diese vermeintlich kleinen Dinge summieren sich und nehmen viel Zeit und Energie in Anspruch. Wie soll man da noch Raum zum Netzwerken finden, wenn die eigenen Ressourcen so stark beansprucht werden?
Dann würde ich allen Frauen raten: Ergreift alle Chancen, die sich euch bieten, um einen neuen, besseren Job zu finden. In Österreich l gibt es überall Frauenberatungsstellen, kostenlos, anonym, online – nutzt diese. Dazu gehört auch die arbeitsmarktpolitische Beratung: Wo und in welchen Bereichen gibt es Zukunftschancen? – Und da haben die Frauen durchaus Eigenverantwortung: zu Beratungen gehen und die eigene Zukunft in die Hand nehmen.
Noch eine letzte Frage: Was sagst du persönlich zur Genderfrage und zur Quote? Tragen diese zur Gleichstellung bei oder spalten sie mehr?
Das ist ganz eindeutig: Ich sage, Sprache prägt die Welt. Im ABZ*AUSTRIA bleiben wir dabei, wir gendern, denn wir müssen sichtbar bleiben!
Auch zur Quote stehe ich total. Wir brauchen strukturelle wie auch gesetzliche Maßnahmen, und die Quote erweist sich als besonders wirksam. Denn: Männer haben auch schon immer ihre Quoten – in Bünden, Parteien, und so weiter, das ist ja nichts anderes. Meine Erfahrung ist glücklicherweise, dass sich der Diskurs in meinem Umfeld zum Guten gewendet hat. Frauen aus allen Parteien sind mittlerweile dafür!
Daniela Bayer-Schrott ist Redakteurin und Öffentlichkeitsarbeiterin in der Arbeitsgemeinschaft Salzburger Erwachsenenbildung und Teil des Redaktionsteams des Bildungsbuch – Bildung, Beratung, Beruf.