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Sozialpsychologische Theorien

Surur Abdul-Hussain und Roswitha Hofmann (2013)

Lernprozesse in der Erwachsenenbildung finden häufig in Gruppen statt. Die diversitätssensible und inklusive Erwachsenenbildung ist daher herausgefordert, konstruktive Gruppenbeziehungen und -prozesse zu unterstützen. Die Gruppendynamik als Wissenschaft und Forschungsfeld stellt uns dafür hilfreiche Theorien und Erkenntnisse zur Verfügung. Für den Umgang mit Diversität in der Gruppe sind aber auch einige sozialpsychologische Aspekte zu berücksichtigen. Sie beschäftigen sich mit den Mikroprozessen sozialer Interaktionen.

 

Bilder im Kopf

Ganz allgemein lässt sich sagen, dass wir unseren Umgang mit Diversität in Sozialisations- und Enkulturationsprozessen in unseren unterschiedlichen sozialen Lebenswelten erlernen. Dabei beschäftigen wir uns mit gesellschaftlichen Vorstellungen zu Diversität und zum Umgang mit Vielfalt und übernehmen diese Auffassungen zum Teil. Durch unsere Erfahrungen und die mitunter kritische Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Vorstellungen entwickeln wir eigene Bilder zu Diversität. Dieser Prozess erfolgt auch durch ein Ordnen von Informationen und Eindrücken, bei dem wir Ordnungskategorien entwickeln. Diese können auch zu verfestigten Stereotypen und Vorurteilen werden. Wir entwickeln Bilder im Kopf (gesellschaftliche und subjektive), die unser Denken, Fühlen und Handeln bestimmen. Sie bilden die Grundlage für unseren persönlichen Umgang mit Diversität. 

Stereotype

Wie die Auseinandersetzung mit Bildern im Kopf zeigt, haben wir alle Bilder, die uns mehr oder weniger bewusst sind und die wir in Ordnungskategorien abgespeichert haben. Sie helfen uns dabei, die Komplexität unserer erlebten Wirklichkeit zu reduzieren. Ein Stereotyp ist in diesem Zusammenhang eine Generalisierung über eine Gruppe von Menschen. Dabei werden praktisch allen Mitgliedern der Gruppe identische Eigenschaften zugeschrieben. Diese Eigenschaften sind meist übertrieben positiv oder negativ. Individuelle Unterschiede werden dabei nicht wahrgenommen oder beachtet. Einmal entstanden, sind Stereotype schwer veränderbar. Stereotypisierung ist nicht notwendigerweise emotional und dient meist nur der Vereinfachung unserer Sichtweise auf die Welt. (Aronson/Wilson/Akert 2004)

Vorurteile

Vorurteile sind wie Stereotype ein integrales Element des menschlichen Zugangs zur Wirklichkeit. Der Begriff Vorurteil steht für starre und pauschale negative Einstellungen gegenüber Bevölkerungsgruppen oder gegenüber Einzelnen, die mit bestimmten Gruppen assoziiert werden. Was die jeweilige Fremdgruppe ausmacht, liegt dabei im Auge der Betrachtenden. Die Ursachen dieser Ablehnungsgefühle finden sich nicht bei den Objekten der Feindbilder, sondern bei den Träger_innen der Vorurteile. Sie können ihre Vorurteile von gesellschaftlichen Vorstellungen in ihrem Umfeld übernommen oder in persönlichen Erfahrungen ausgebildet haben (Sozialisation). Die Funktionen von Vorurteilen liegen in der Orientierung, der Eindeutigkeit statt Ambivalenz, der Identitätsabsicherung und damit häufig auch im Legitimieren von Dominanzverhältnissen. Menschen, die zu Vorurteilen neigen, haben meist Vorurteile gegenüber einer Reihe von Gruppen: ethnischen und religiösen Minderheiten, Homosexuellen, behinderten Menschen usw. Vorurteile wirken im Kontext und sind wandlungsfähig. Sie sind zwar schwer verlernbar, aber es ist möglich, sie laufend in Frage zu stellen und einen selbstreflexiven Umgang damit zu entwickeln. (Benz/Widmann 2007)

Gleich und gleich gesellt sich gern

Die sozialpsychologische Forschung hat aufgezeigt, dass wir vor allem auf jene Menschen zugehen, die wir als uns ähnlich empfinden. Die Wahrnehmung von Gemeinsamkeiten ist vertrauensbildend. Sie sichtbar zu machen, fördert daher die Beziehungsebene. Vor diesem Hintergrund wird deutlich, wie wichtig ein Verständnis von Diversität als Unterschiede und Gemeinsamkeiten ist. Denn der Fokus auf beides ermöglicht den Aufbau arbeitsfähiger Gruppenbeziehungen. (Aronson/Wilson/Akert 2004 und Baig 2009)

Soziale Identität

Die Theorie der sozialen Identität wurde von Henry Tajfel und John Turner auf Basis der Forschungen von Muzafer Sherif (1961) entwickelt. Dieser konnte in seinen Experimenten nachweisen, dass wir die Eigengruppe (zu der wir gehören) gegenüber einer Fremdgruppe (zu der wir nicht gehören) bevorzugen. Dabei ist es für die Testpersonen ausreichend, zu wissen, in welche Gruppe sie eingeteilt worden sind. Soziale Identität gründet also ganz wesentlich auf einer positiv besetzten Gruppenzugehörigkeit. Mit dieser positiven Eigengruppenzugehörigkeit (Ingroup) geht der vorteilhafte Vergleich mit einer relevanten Fremdgruppe (Outgroup) einher. Welche Zugehörigkeiten wir haben und welche Vergleiche wir ziehen können, hängt von den sozialen Interaktionen im System ab und davon, welche Differenzlinien konstruiert werden (z.B. Geschlecht, Alter, soziale oder ethnische Herkunft, Elternschaft …).

 

Für die Erwachsenenbildung in Gruppensettings ist es wichtig, zu wissen, dass diese Prozesse meist unbewusst stattfinden. Ingroup-Mitgliedern ist es daher oftmals nicht bewusst, dass sie Outgroup-Mitglieder ausschließen und die Normen des Systems bestimmen. Outgroup-Mitglieder wiederum können Ausschlussmechanismen und Normierungsprozesse sehr deutlich wahrnehmen. Ingroup-Mitglieder sehen einander als Individuen, während sie Outgroup-Mitglieder als Gruppe sehen. Outgroup-Mitglieder sind oft mit der Anpassung an die gesetzte Norm beschäftigt. Sie versuchen häufig, die Outgroup zu verlassen, um eine positive soziale Identität zu erlangen. Beide Subgruppen benötigen das wechselseitige Feedback. So können Inklusions- und Exklusionsprozesse bewusst werden und es kann ein gemeinsamer inklusiver Umgang miteinander entwickelt werden.

 

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Weitere Informationen

Quellen

  • Aronson, Elliot/Wilson, Timothy D./Akert, Robin M. (2004): Sozialpsychologie. 4., aktualisierte Auflage. München u.a.: Pearson Studium Psychologie.
  • Baig, Samira (2009): Diversity sozialpsychologisch betrachtet. In: Abdul-Hussain, Surur/Baig, Samira (Hg.): Diversity in Supervision, Coaching und Beratung. Wien: facultas.wuv, S. 61-91.
  • Benz, Wolfgang/Widmann, Peter (2007): Langlebige Feindschaften - Vom Nutzen der Vorurteilsforschung für den Umgang mit sozialer Vielfalt. In: Krell, Gertraude/Riedmüller, Barbara/Sieben, Barbara/Vinz, Dagmar (Hg.): Diversity Studies. Grundlagen und disziplinäre Ansätze. Frankfurt/New York: Campus Verlag, S. 35-48.
  • Engel, Roland (2011): Theoriemodelle der Gruppendynamik und des Diversity Managements in der Trainingsdidaktik. Unveröffentlichte Diplomarbeit, Universität Wien. Fakultät für Philosophie und Bildungswissenschaft.
  • Sherif, Muzafer/Sherif, Carolyn (1961): Psychological Harmony and Conflict in Minority Group Ties. In: The American Catholic Sociological Review, 22(3), S. 207-222.
  • Tajfel, Henry/Turner, John (1979): An integrative theory of intergroup conflict. In: Austin, William G./Worchel, Stephen (Hg.): The Social Psychology of Intergroup Relations. Monterey, CA: Brooks-Cole, S. 33-47.
  • Tajfel, Henry/Turner, John (1986): The social identity theory of intergroup behavior. In: Worchel, Stephen/Austin, W. (Hg.): Psychology of intergroup relations. Chicago: Nelson-Hall, S. 7-24.

 

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