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Interkulturelle Pädagogik - Erwachsenenbildung in der Migrationsgesellschaft

Annette Sprung 2008, aktualisiert 2013

Der Terminus "Interkulturelle Pädagogik/Interkulturelle Erwachsenenbildung" steht für eine Vielfalt an Konzepten und Zielsetzungen. In der Erwachsenenbildung wird damit sowohl auf migrationsgesellschaftliche Entwicklungen als auch auf Bildungsbedarfe im Zusammenhang mit der wirtschaftlichen Globalisierung Bezug genommen.


Die Bezeichnung "interkulturell" ist weder klar definiert noch unumstritten. Je nach Praxisfeld, theoretischem Zugang oder normativem Anspruch haben sich daher mittlerweile eine Reihe alternativer Konzepte und Begriffe etabliert. In diesem Dossier liegt der Fokus auf Einwanderung nach Österreich und wird die Bezeichnung "Erwachsenenbildung in der Migrationsgesellschaft" präferiert.

 

Interkulturelle Pädagogik

Die Pädagogik setzt sich in Theorie und Praxis seit den späten 1960er Jahren intensiver mit dem Phänomen der neuen Einwanderung auseinander. Zunächst standen die Kinder der sogenannten GastarbeiterInnen im Mittelpunkt schulpädagogischer Bemühungen. Dem damals als "Ausländerpädagogik" bezeichneten Ansatz wurde in den 1970er und -80er Jahren seine Defizitorientierung vorgeworfen. Man forderte nunmehr eine Wertschätzung von Differenz, die Verantwortung der Mehrheitsgesellschaft und ihrer Mitglieder rückte verstärkt ins Blickfeld. Dies drückte sich auch in einer veränderten Terminologie hin zur "Interkulturellen Bildung" aus.


Interkulturelle Pädagogik hat sich mittlerweile als eigenständiges Fachgebiet in der Erziehungswissenschaft und Bildungsforschung etabliert. Es umfasst eine Vielfalt an Konzepten und Diskursen und legt den Schwerpunkt tendenziell auf schulische Herausforderungen. Die Wertschätzung der (kulturellen) Differenz sowie das Bemühen des Vermittelns und Übersetzens zwischen Kulturen bedarf jedoch auch einer kritischen Reflexion - insbesondere in Bezug auf den zugrundeliegenden Kulturbegriff, seine politische Instrumentalisierung sowie den Prozess der Differenzsetzung selbst.

Neue Begriffe und Orientierungen

Weitere etablierte Bezeichnungen in der Auseinandersetzung mit Migration, Interkulturalität und Bildung lauten Migrationspädagogik, Bildung in der Migrationsgesellschaft, Diversity Pädagogik, Globales Lernen, Transkulturelle Bildung, Rassismuskritische Bildungsarbeit u.a. Neben dezidierten inhaltlichen Schwerpunktsetzungen sind diese Termini in den meisten Fällen auch als eine kritische Distanzierung zum Paradigma der Interkulturalität zu verstehen.


Einige Konzeptionen kritisieren beispielsweise die Betonung kultureller Einflussfaktoren gegenüber strukturellen Barrieren für eine gleichberechtigte gesellschaftliche Teilhabe von MigrantInnen. Bildung müsse vielmehr ein Bewusstsein für ausgrenzende Diskurse und Praxen schaffen, welche MigrantInnen einen permanenten Status als "Fremde" zuschreiben. Der Begriff "Migrationspädagogik" wurde von Paul Mecheril (2010) geprägt und bezeichnet weniger ein Konzept als die konsequente Anwendung einer kritisch-reflexiven Sicht auf Differenzierungspraxen (u.a. im Bildungswesen).


Gerade im deutschsprachigen Raum stellt die Auseinandersetzung mit Rassismen und Diskriminierung ein vernachlässigtes Thema dar. Annita Kalpaka und Nora Räthzel (1986) zählen zu jenen deutschsprachigen Bildungstheoretikerinnen, die den Blick schon vergleichsweise früh auf das Thema des Rassismus lenkten. Damit führten sie ein Thema in die deutschsprachige Bildungsforschung ein, das im angloamerikanischen Diskurs weitaus stärker als wichtiger Ansatzpunkt pädagogischer Konzepte gilt.

Terminologie Erwachsenenbildung

Ebenso wie in der Pädagogik allgemein findet auch im Feld der Erwachsenenbildung/Weiterbildung die Bezeichnung "Interkulturelle Bildung" weite Verbreitung. Damit werden allerdings nicht nur Bildungsprozesse im Migrationskontext erfasst, sondern ebenso Weiterbildungsaktivitäten im Rahmen internationaler Kommunikation und Kooperationen. Sogenannte "interkulturelle Kompetenzen", wie die angestrebten einschlägigen Lernergebnisse häufig benannt sind, werden als aktuelle Anforderung einer globalisierten Arbeits- und Lebenswelt betrachtet.


Eine breiter gefasste Idee von "Vielfalt" spiegelt die in den letzten Jahren an Popularität gewonnene Konzeption des Diversity Management wider. Dabei wird versucht, mehrere Dimensionen von Vielfalt wie z.B. Gender, Alter, sexuelle Orientierung oder migrationsbedingte Unterschiede einzubeziehen. Diversity Management findet unter anderem im Rahmen der Personalentwicklung von Unternehmen Anwendung und zielt darauf ab, Vielfalt als Ressource für die Unternehmensziele nutzbar zu machen. Manche Ansätze stellen aber auch Anliegen der Antidiskriminierung und Chancengerechtigkeit in den Vordergrund einschlägiger Maßnahmen.


In diesem Dossier steht der Bezug auf die migrationsgesellschaftlichen Herausforderungen und nicht das gesamte Spektrum interkultureller Bildungskonzepte im Mittelpunkt. Daher und ferner aufgrund eines kritischen Zuganges zum Interkulturalitätskonzept wird "Interkulturelle Erwachsenenbildung" hier nicht als Hauptbegriff verwendet, stellt jedoch einen wichtigen Referenzpunkt bestehender Theorien und Arbeitsfelder dar.

Bildungsangebote und Zielgruppen

Der interkulturelle/migrationsbezogene Bildungsmarkt spricht mehrere Zielgruppen an. So werden unter dem Titel der "Integration" Maßnahmen der allgemeinen und beruflichen Bildung für Menschen mit Migrationsgeschichte realisiert. Deutschkurse machen hier das größte Angebotssegment aus, zum Teil wird auf verpflichtender Basis (Integrationsvereinbarung) der Erwerb der deutschen Sprache forciert. Die Teilnahme von MigrantInnen an Basisbildungsangeboten kann ebenfalls mit der Integrationsvereinbarung in Zusammenhang stehen. Darüber hinaus gibt es ein breites Spektrum an Deutsch-, Alphabetisierungs-und Basisbildungskursen, die auf freiwilliger Basis in Anspruch genommen werden. Einen zentralen Stellenwert für die Orientierung im österreichischen Bildungssystem nehmen Beratungsleistungen ein. Studien zeigen auf, dass mangelnde Information über Bildungsmöglichkeiten zu den häufigsten Barrieren der Weiterbildungsbeteiligung von MigrantInnen zählt.

 

Darüber hinaus sollen Menschen durch Weiterbildung sogenannte interkulturelle Kompetenzen erwerben. Diese werden von MitarbeiterInnen in international tätigen Unternehmen bzw. Organisationen (z.B. globale Konzerne, EU-Institutionen und -projekte, UNO) nachgefragt. Kompetenzen für das Handeln in der Migrationsgesellschaft gelten aber auch als neue Schlüsselqualifikation für Berufsfelder, in denen verstärkter Kontakt mit MigrantInnen besteht (z.B. psychosoziale Dienste, Gesundheits- und Bildungswesen, öffentliche Verwaltung uvm.).


Im Rahmen der politischen Bildung sollen Bewusstseinsbildung sowie die Entwicklung von Problemlösungskompetenz zum Abbau von Rassismen und Diskriminierung beitragen. Eine Aufgabe politischer Bildung besteht in diesem Kontext unter anderem darin, Migration als konstitutiven Bestandteil der österreichischen Geschichte sichtbar zu machen - etwa durch museale Aufarbeitungen wie Migrationsarchive, Migrationsmuseen o.ä. Politische Bildung soll ferner einen Beitrag zur Erhöhung der politischen Partizipation von MigrantInnen leisten. Dazu muss allerdings festgehalten werden, dass die gesetzlichen Rahmenbedingungen viele MigrantInnen von politischer Beteiligung ausschließen und der Erwachsenenbildung dadurch enge Grenzen gesetzt sind.


Interkulturelle Bildungsarbeit fokussiert des Weiteren auf Sensibilisierung für globale bzw. entwicklungspolitische Themen wie z.B. Armut, Klima, globale wirtschaftliche Ungleichheit uvm. Bildungsveranstaltungen in diesem Bereich werden häufig unter dem Titel "Globales Lernen" angeboten und theoretisch gefasst.

Herausforderungen für die Weiterbildungspraxis

Menschen mit Migrationsbiographien werden einerseits als eine spezielle Zielgruppe von Erwachsenenbildungseinrichtungen, NGOs oder Selbstorganisationen von MigrantInnen angesprochen. Andererseits nehmen MigrantInnen auch an unterschiedlichsten, nicht-spezifischen Bildungsveranstaltungen teil, wie z.B. mit steigender Tendenz an Kursmaßnahmen des Arbeitsmarktservice (AMS).


Dort, wo MigrantInnen unterrepräsentiert sind (siehe Weiterbildungsbeteiligung), gilt es Zugangsbarrieren abzubauen. Dort, wo sie bereits als TeilnehmerInnen partizipieren, stehen Weiterbildungseinrichtungen vor weiteren Herausforderungen - in organisatorischer und didaktischer Hinsicht. Relevante Fragen lauten beispielsweise: Können bestehende Konzepte und Rahmenbedingungen eine Lernumgebung gewährleisten, die der Diversität angemessen ist - u.a. in sprachlicher Hinsicht? Werden Bedürfnisse der Teilnehmenden ausreichend berücksichtigt? Wie lassen sich Diskriminierungen vermeiden? Werden neue Kompetenzen in der Institution benötigt? Welche strukturellen Anpassungen sind erforderlich?


MigrantInnen besuchen derzeit am häufigsten Deutschkurse, EDV-Schulungen und Angebote der beruflichen Weiterbildung auf tendenziell niedrigem Qualifikationsniveau (Berufsorientierungskurse u.ä.). Angebote für höher qualifizierte EinwanderInnen sind demgegenüber noch wenig entwickelt.


Auf der Ebene der Institutionen werden unterschiedliche Ansätze eines Umganges mit Pluralität empfohlen: Interkulturelle Öffnung berücksichtigt insbesondere den Migrationshintergrund der Zielgruppe. Der Ansatz des Diversity Management ist für mehrere Dimensionen von Vielfalt (Gender, Alter, sexuelle Orientierung etc.) offen. Rechtliche Rahmenbedingungen beeinflussen allerdings die Handlungsmöglichkeiten zum Teil erheblich (Beispiel Anerkennung ausländischer Bildungsabschlüsse).


Im Bereich der Personalentwicklung stellt sich neben der einschlägigen Weiterbildung der MitarbeiterInnen die Frage, wie der Zugang von Fachkräften mit Migrationshintergrund zu Tätigkeiten in der Erwachsenenbildung verbessert werden könnte. Ein aktuelles Forschungsprojekt untersucht den Zugang von MigrantInnen zum Berufsfeld der Erwachsenenbildung.

 

Projekt Mig2EB - Angehörige der 2. Generation als Fachkräfte in der Erwachsenenbildung (pdf)

Lebensbegleitendes Lernen in der Migrationsgesellschaft

Der Zugang von MigrantInnen zu Aus- und Weiterbildung wird in nationalen und internationalen Dokumenten zum Lebenslangen/Lebensbegleitenden Lernen implizit und teilweise explizit thematisiert. Den Hintergrund dafür bilden u.a. demografische und arbeitsmarktbezogene Entwicklungen, welche auf die Bedeutung von Migration für die Zukunft der Europäischen Union aufmerksam machen. Unter anderem sollen vorhandene Potenziale von MigrantInnen besser genutzt werden. Die Etablierung von Verfahren zur Validierung und Anerkennung aus dem Herkunftsland mitgebrachter Qualifikationen sowie des informellen Lernens werden dabei häufig als zentrale Schwerpunkte genannt.


Die österreichische Strategie zum lebensbegleitenden Lernen (LLL:2020) nennt als eines von vier Grundprinzipien "Gender und Diversität". Unter den formulierten acht Schlüsselkompetenzen finden sich explizite Anknüpfungspunkte zur migrationsgesellschaftlichen Diversität, wie z.B. interkulturelle oder sprachbezogene Kompetenzen. Weitere vorgeschlagene (und nicht spezifisch auf Migration bezogene) Maßnahmen sind selbstverständlich auch für LernerInnen mit Migrationsgeschichte relevant. 

 

Antidiskriminierungsstrategien werden im europäischen Kontext deutlicher im Zusammenhang mit Grund- und Menschenrechtsagenden als in Dokumenten zum Lebenslangen Lernen berücksichtigt. Im Rahmen der Bekämpfung von Diskriminierung werden jedoch diverse Bildungsaktivitäten (Bewusstseinsbildung, Informationskampagnen etc.) realisiert.

 

Schließlich stehen seitens der Europäischen Union im Rahmen diverser Projektausschreibungen Fördermittel auch für einschlägige Themenschwerpunkte bereit. Aktuelle Beispiele wären Mittel aus dem Europäischen Sozialfonds (ESF) zur nachhaltigen Integration benachteiligter Erwachsener in Gesellschaft, Bildung und Arbeitsmarkt, ferner diverse Grundtvig-Projekte oder auch Fördermittel aus dem Europäischen Flüchtlingsfonds.

 

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Weitere Informationen

Links

 

Literatur

  • Auernheimer, Georg (Hg.) (2013): Interkulturelle Kompetenz und pädagogische Professionalität. 4., durchg. Aufl. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.
  • Behrens, Heidi/Motte, Jan (Hg.) (2006): Politische Bildung in der Einwanderungsgesellschaft. Zugänge, Konzepte, Erfahrungen. Schwalbach/Ts.: Wochenschau-Verl.
  • Elverich, Gabi/Kalpaka, Annita/Reindlmeier, Karin (Hg.) (2006): Spurensicherung. Reflexion von Bildungsarbeit in der Einwanderungsgesellschaft. Frankfurt am Main: IKO-Verl. für Interkulturelle Kommunikation.
  • Gogolin, Ingrid/Krüger-Potratz, Marianne (2006): Einführung in die interkulturelle Pädagogik. Opladen: Budrich.
  • Hamburger, Franz (2009): Abschied von der Interkulturellen Pädagogik. Plädoyer für einen Wandel sozialpädagogischer Konzepte. Weinheim: Juventa-Verlag.
  • Heinemann, Alisha M. B./Robak, Steffi (2012): Interkulturelle Erwachsenenbildung. In: Enzyklopädie Erziehungswissenschaft Online. Fachgebiet: Interkulturelle Bildung, Didaktik und Methodik interkultureller Bildung. »Link
  • Hessische Blätter für Volksbildung (2008): Integration ohne Plan? Migration im Spannungsfeld von Inklusion und Exklusion. Jg. 58, Heft 1.
  • Hintermann, Christiane (Hg.) (2010): Migration and memory: representations of migration in Europe since 1960. Innsbruck, Wien: Studien-Verl.
  • Kalpaka, Annita/Räthzel, Nora (Hg.) (1986): Die Schwierigkeit, nicht rassistisch zu sein. Berlin: Express Ed.
  • Lange, Dirk (Hg.) (2006): Migration und Bürgerbewusstsein. Perspektiven Politischer Bildung in Europa. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.
  • Magazin erwachsenenbildung.at (2008): "Mehr als Deutschkurse. Migration und Interkulturalität in der Erwachsenenbildung". Nr. 5/2008. »Link
  • Mecheril, Paul/Kalpaka, Annita/Castro Varela, Maria do Mar/Dirim, Inci/ Melter, Claus (Hrsg.) (2010): Migrationspädagogik. Weinheim: Beltz (Bachelor|Master).
  • Messerschmidt, Astrid (2009): Weltbilder und Selbstbilder. Bildungsprozesse im Umgang mit Globalisierung. Frankfurt a. M.: Brandes & Apsel.
  • Report. Zeitschrift für Weiterbildungsforschung (2006): Zuwanderung und Migration. Heft 2/2006.
  • Report. Zeitschrift für Weiterbildungsforschung (2012): Bildung und Migration. Heft 4/2012.
  • Scharathow, Wiebke/Leiprecht Rudolf (Hg.) (2009): Rassismuskritische Bildungsarbeit (Rassismuskritik, Bd. 2). Schwalbach/Ts.: Wochenschau-Verlag
  • Sprung, Annette (2011): Zwischen Diskriminierung und Anerkennung. Weiterbildung in der Migrationsgesellschaft. Münster, New York, München, Berlin: Waxmann.

 

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