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Initiative Bildungsberatung Österreich - Qualität und Professionalisierung

CC BY Rudolf Götz, Franziska Haydn, Magdalena Tauber 2014 / aktualisiert 2020

Die strategische Ausrichtung der ESF/BMBWF-geförderten Initiative Bildungsberatung Österreich und die diesbezüglichen jüngeren (Weiter-)Entwicklungen der "anbieterneutralen" Information, Beratung und Orientierung für Bildung und Beruf (IBOBB) im Bereich Erwachsenenbildung orientiert sich an verschiedenen Aspekten der Verbesserung der Qualität im Sinne einer guten Beratung. Diese verschiedenen Qualitätsdiskurse werden nachfolgend anhand konkreter Ansätzen aus der Implementierung der Initiative dargestellt.

 

Qualität in der Bildungs- und Berufsberatung im Überblick

Die Diskussion um Qualität in der Bildungs- und Berufsberatung lässt sich auf verschiedenen Ebenen, nämlich auf individueller, organisationaler und gesellschaftlicher Ebene ansiedeln:

Professionalisierung als gesellschaftlicher Entwicklungsprozess

Schiersmann (2013) zufolge ist Professionalisierung ein dynamisches Konzept. Es bezeichnet einen Prozess, der sich auf den individuellen und gesellschaftlichen Aushandlungs- und Durchsetzungsprozess und damit verbunden Marktschließungstendenzen bezieht. Durch diese Bestrebungen soll ein Beruf "Bildungs- und BerufsberaterIn" etabliert werden. Dazu zählen Teilprozesse wie die

  • Institutionalisierung als flächendeckendes Vorhandensein eines (Beratungs-)Angebots und einer konsolidierten Trägerstruktur,
  • Verrechtlichung als juristische Absicherung und Kodifizierung des gesellschaftlichen Mandats,
  • Akademisierung der Aus- und Weiterbildung,
  • Verwissenschaftlichung durch abgesichertes und differenziertes wissenschaftliches Wissen,
  • Verberuflichung, u.a. durch die zunehmende Hauptberuflichkeit von BeraterInnen.

 

Das Konzept der Professionalisierung ist auf einer gesellschaftlichen Wirkungsebene zu verorten.

Qualitätsmerkmale und Qualitätsmanagement als Grundlage für eine organisationale Ebene

In der Diskussion um Qualitätsaktivitäten und Qualitätsentwicklung für gute Beratung auf der organisationalen Ebene ist neben oftmals vorrangig diskutierten Qualitätsmanagementkonzepten auch die Berücksichtigung von inhaltlichen Qualitätsmerkmalen zu betonen. In der Initiative Bildungsberatung Österreich wird der Qualitätssicherungsprozess unter anderem durch das IBOBB-Qualitätssiegel vorangetrieben.

Professionalität/Kompetenzentwicklung auf der individuellen Ebene

Professionalität bezeichnet Schiersmann (2013) als kompetentes berufliches Handeln. D.h. Professionalität besteht darin, Handlungen auf Basis gesicherter und innerprofessionell geteilter Wissensbestände und Fähigkeiten kompetent ausführen zu können und bezieht sich damit vor allem auf das individuelle Vermögen der BeraterInnen. Ihre Kompetenzen stellen den Kern von Professionalität dar. Darüber hinaus hat der professionsinterne Wissensaustausch darüber, was professionelles Handeln ausmacht (also der Diskurs und der Aushandlungsprozess der relevanten AkteurInnen) Bedeutung.

Initiative Bildungsberatung Österreich als Teil eines Professionalisierungsprozesses

Aufbauend auf früheren Initiativen hat das BMBWF (ehemals BMBF) im Jahr 2011 die österreichweite Initiative "Bildungsberatung Österreich" im Bereich Erwachsenenbildung lanciert. Im Mittelpunkt der Initiative steht der Auf- und Ausbau eines flächendeckenden, leistungsfähigen und anbieterneutralen Bildungsinformations- und Beratungssystems für Erwachsene. Das durch die Initiative gewährte flächendeckende Vorhandensein eines Bildungsberatungsangebots durch eine in den Bundesländern aufgebaute Netzwerkstruktur, die sich durch länderübergreifende Zielsetzungen, Dokumentationsvorgaben etc. auszeichnet, kann als Institutionalisierung des Angebots (s.o.) und damit als Teilprozess einer zunehmenden Professionalisierung verstanden werden.

Professionalisierung und gestärkte Professionalität durch etablierte Aus- und Weiterbildungen

Das Berufsbild der BildungsberaterInnen hat sich aus den unterschiedlichen Berufsfeldern heraus sehr divers entwickelt. Eine Studie aus 2010 zur (institutionellen) Bildungsberatung - exklusive BeraterInnen in AMS Geschäftsstellen und BeratungslehrerInnen an Schulen - wies über 40 unterschiedliche Berufsbezeichnungen für BeraterInnen im Bereich IBOBB aus. Diese verfügten der Studie zufolge zwar zu rund 50% über eine akademische Ausbildung (primär Psychologie oder Pädagogik), hatten jedoch nur zu einem geringen Teil (12%) eine explizite Aus- oder Weiterbildung für Lifelong Guidance (LLG) absolviert (Eickhoff et.al. 2010).
Mittlerweile gibt es jedoch wirksame Professionalisierungsinitiativen, die auch das Berufsbild selbst nachschärfen. Dazu zählen auch, wie nachstehend beschreiben, die Entwicklung von professionsspezifischen Ausbildungsangeboten, Tagungen, einem Qualitätssiegel, Berufsvertretungen, aber auch der Ausbau von (virtuellen) Netzwerken. Nach wie vor fehlt jedoch weitgehend die akademische Auseinandersetzung mit dem Thema, die beispielsweise ein eigener Lehrstuhl an österreichischen Universitäten ermöglichen würde.

 

Das Bundesinstitut für Erwachsenenbildung (bifeb) und die Weiterbildungsakademie Österreich (wba) tragen mit Aus- und Weiterbildungen für BeraterInnen bzw. mit Möglichkeiten der Anerkennung von Kompetenzen zur Professionalisierung des Tätigkeitsfeldes bei.

Bundesinstitut für Erwachsenenbildung (bifeb)

Für die Professionalisierung der Beratungslandschaft kommt dem bifeb als Kompetenzzentrum für Erwachsenenbildung eine bedeutende Rolle zu. Das bifeb bietet einen eigenen Diplomlehrgang Bildungs- und Berufsberatung an. Das interessierte Fachpublikum findet Weiterbildungsmöglichkeiten wie Seminare und Werkstätten sowie eine zweijährlich stattfindende Fachtagung, auf der Impulse gesetzt werden, um die berufliche Identität von Bildungs- und BerufsberaterInnen zu stärken.

Weiterbildungsakademie Österreich (wba)

Als weiterer wichtiger Akteur trägt die Weiterbildungsakademie Österreich (wba) durch die Zertifizierung und Diplomierung von BeraterInnen im Bereich Erwachsenenbildung zu einem einheitlichen Professionalisierungsstand bei. Die wba entwickelte ein Standardisierungs- und Anerkennungsverfahren, in dem Kompetenzen nach definierten Standards überprüft, bereits erworbene Kompetenzen anerkannt und zu einem Abschluss gebündelt werden.

Qualitätssicherung im Rahmen des IBOBB-Qualitätssiegels

Das IBOBB-Qualitätssiegel steht für ein Verfahren der externen Qualitätssicherung für interessierte Organisation im Feld "Information, Beratung und Orientierung für Bildung und Beruf (IBOBB)". Dieses Verfahren wird vom Österreichischen Institut für Berufsbildungsforschung (öibf) konzipiert und umgesetzt. Im Rahmen dieses Verfahrens wird die Verlässlichkeit, Professionalität und Stimmigkeit von Beratungsangeboten in Hinblick auf vier zentrale Bereiche unabhängig überprüft:

  • Unabhängigkeit und KundInnenorientierung
  • Strukturelle Voraussetzungen
  • Gleichstellungsorientierung
  • Qualitätsentwicklung

 

Der Einsatz eines Review-Teams gewährleistet, dass das Verfahren intersubjektiviert und professionell vollzogen wird. Auf Basis eines durch die zu beurteilende Einrichtung vorab erstellten Informationsportfolios und durch einen Vorort-Besuch beurteilt das Review-Team den Grad der Erfüllung der Anforderungen durch eben diese Einrichtung. Jede Beurteilung erfolgt in einer gemeinsamen Einschätzung des Teams entlang ausformulierter Kriterien, die den vier Bereichen zuzuordnen sind.

 

Von allen vier Bereichen stellt die glaubwürdige Unabhängigkeit und alleinige Orientierung an Bedürfnissen und Interessen der BeratungskundInnen ein Muss-Kriterium für einen positiven Befund dar. Wenn eine Beratungseinrichtung ein Qualitätssiegel erhält, ist das laut Schlögl (2012) "ein Beleg dafür, dass die Einrichtung Bildungsberatung anbieterneutral, am Stand des professionellen Wissens und effizient umsetzt."

Qualität durch Wirkungsbetrachtung

Seit der Förderperiode 2015-2018 wird innerhalb der Bildungsberatung Österreich ein Schwerpunkt auf die Untersuchung der Effekte und Wirkungen von Leistungen der Bildungsberatung gesetzt, um zusätzliches Wissen über die Wirksamkeit der Bildungsberatung zu generieren. Es wird ein integrierter Ansatz angewandt, der sowohl unmittelbare Effekte des Beratungsgeschehens als auch mittel- und längerfristige Wirkungen in den Blick nimmt. Anhand verschiedener Indikatoren wird gezeigt, dass die angebotenen Beratungsleistungen multidimensionale Wirkungen zeigen (vgl. Mayerl/Schmidtke/Schlögl 2019 und Schlögl/Mayerl/Schmidtke 2018).

Qualität im Beratungsprozess durch neue Beratungsformate und -settings

Qualitätsentwicklung findet auch noch auf anderer Ebene statt. Durch den Ausbau und die Weiterentwicklung von Beratungsformaten und die Verbesserung des Zugangs zu Bildungsberatung für bestimmte Zielgruppen, fördert die Initiative die Qualität der Bildungsberatung.

Kompetenzberatung und Online-Bildungsberatung

Zu den Aufgaben der Initiative zählt auch die Weiterentwicklung von Beratungsformaten und die Auslotung möglicher Beratungssettings. Ein besonderer Schwerpunkt liegt hierbei auf der Weiterentwicklung des Formats Kompetenzberatung. Weiters wird seit 2014 eine österreichweit nutzbare Online-Bildungsberatung angeboten.

Weitere Zielgruppen erreichen

Ein weiterer Schwerpunkt ist die Verbesserung des Zugangs zu Bildungsberatungsangeboten für bislang nicht zufriedenstellend erreichte Zielgruppen (darunter v.a. niedrigqualifizierte oder auch ältere Personen). Die Initiative versucht, durch innovative Projekte der aufsuchenden oder mobilen Bildungsberatung sowie durch Peer-Interventionen und unterstützt durch Handlungsleitfäden und Sensibilisierungsinstrumente, die innerhalb der Initiative entwickelt wurden, diese Zielgruppen verstärkt zu erreichen.

Durch Austausch und Vernetzung Professionalität stärken

Veranstaltungen zur Vernetzung innerhalb des Fachpublikums, ein Fachmedium für Berufs- und BildungsberaterInnen und eine nationale Steuergruppe tragen kontinuierlich zur weiteren Professionalisierung von BeraterInnen bei.

Überregionale Vernetzungstagungen

Durch den Austausch innerhalb der Bildungsberatungslandschaft soll das Professionswissen gestärkt und innerhalb der Landschaft gestreut und nutzbar gemacht werden. Dazu tragen Fachtagungen wie die biennal stattfindende überregionale Vernetzungstagung bei. Die thematische Fokussierung der Veranstaltungen fördert den Austausch innerhalb der Landschaft, bringt aber auch Informationen und Kompetenzen verwandter bildungs- und arbeitsmarktpolitischer Felder ein. Auch in den Ländernetzwerken finden regelmäßig Veranstaltungen statt, die dem Erfahrungsaustausch dienen. Diese Förderung eines Selbstverständnisses der BildungsberaterInnen steht auch im Zeichen einer zunehmenden Professionalisierung. Auch das Entstehen von Berufsverbänden zeugt von einem gestärkten Professionsbewusstsein.

Bildungsberatung im Fokus: das Fachmedium der Initiative Bildungsberatung Österreich

Das Fachmedium der Initiative Bildungsberatung Österreich "Bildungsberatung im Fokus" dient dem Transfer wissenschaftlicher Erkenntnisse rund um IBOBB, der Kommunikation wichtiger Ergebnisse und Vorhaben der Initiative und der Vorstellung innovativer Projekte aus verwandten Feldern.

Nationales Forum Lifelong Guidance

Von Seiten des BMBWF (ehemals BMBF) wurde ein Nationales Forum Lifelong Guidance eingerichtet. Diese Steuergruppe umfasst VertreterInnen aller auf Bundesministeriumsebene für Information, Beratung und Orientierung für Bildung und Beruf (IBOBB) verantwortlichen Stellen, ergänzt um RepräsentantInnen der Interessenvertretungen (AK, WKÖ), der Beratungsanbieter und der wissenschaftlich/koordinatorisch mit IBOBB befassten Institutionen. Die Aktivitäten des einmal pro Jahr tagenden Forums sind derzeit primär auf Informationsaustausch ausgerichtet. Das Forum hat keine Exekutivbefugnisse.

Weitere Informationen

Quellen

  • Mayerl, Martin, Schmidtke, Birgit, & Schlögl, Peter (2019). Effekte-Nutzen-Wirkung in der Bildungsberatung. Wien: öibf. »Link
  • Schlögl, Peter/Mayerl, Martin/ Schmidtke, Berlin (2018): Effekte-Nutzen-Wirkung in der Bildungsberatung. Modellierung und Pilotumsetzung. Wien: öibf. »Link
  • Schlögl, Peter (2012): Verfahren der externen Qualitätssicherung für anbieterneutrale Bildungsberatung in Österreich. Wien. 
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