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Initiative Bildungsberatung Österreich - Qualität und Professionalisierung

Rudolf Götz, Franziska Haydn, Magdalena Tauber 2014

Die strategische Ausrichtung der ESF/BMBF-geförderten Initiative Bildungsberatung Österreich und die diesbezüglichen jüngeren (Weiter-)Entwicklungen der "anbieterneutralen" IBOBB im Bereich Erwachsenenbildung orientiert sich an verschiedenen Aspekten der Verbesserung der Qualität im Sinne einer guten Beratung. Diese verschiedenen Qualitätsdiskurse werden nachfolgend anhand aktueller Schwerpunktsetzungen (Stand 2014) und konkreten Ansätzen aus der Implementierung der Initiative dargestellt.

 

Qualität in der Bildungs- und Berufsberatung im Überblick

Die Diskussion um Qualität in der Bildungs- und Berufsberatung lässt sich auf verschiedenen Ebenen (individuelle, organisationale und gesellschaftliche) ansiedeln:

Professionalisierung als gesellschaftlicher Entwicklungsprozess

Schiersmann (2013) zufolge ist Professionalisierung ein dynamisches Konzept. Es bezeichnet einen Prozess, der sich auf den individuellen und gesellschaftlichen Aushandlungs- und Durchsetzungsprozess und damit verbunden Marktschließungstendenzen bezieht. Durch diese Bestrebungen soll ein Beruf "Bildungs- und BerufsberaterIn" etabliert werden. Dazu zählen Teilprozesse wie die

 

  • Institutionalisierung als flächendeckendes Vorhandensein eines (Beratungs-)Angebots und einer konsolidierten Trägerstruktur,
  • Verrechtlichung als juristische Absicherung und Kodifizierung des gesellschaftlichen Mandats
  • Akademisierung der Aus- und Weiterbildung
  • Verwissenschaftlichung durch abgesichertes und differenziertes wissenschaftliches Wissen
  • Verberuflichung, u.a. durch die zunehmende Hauptberuflichkeit von BeraterInnen

 

Das Konzept der Professionalisierung ist auf einer gesellschaftlichen Wirkungsebene zu verorten.

Qualitätsmerkmale und Qualitätsmanagement als Grundlage für eine organisationale Ebene

In der Diskussion um Qualitätsaktivitäten und Qualitätsentwicklung für gute Beratung auf der organisationalen Ebene ist neben oftmals vorrangig diskutierten Qualitätsmanagementkonzepten auch die Berücksichtigung von inhaltlichen Qualitätsmerkmalen zu betonen. In der Initiative Bildungsberatung Österreich wird der Qualitätssicherungsprozess unter anderem durch das IBOBB-Qualitätssiegel vorangetrieben.

Professionalität /Kompetenzentwicklung auf der individuellen Ebene

Professionalität bezeichnet Schiersmann (2013) zufolge als kompetentes berufliches Handeln. D.h. Professionalität besteht darin, Handlungen auf Basis gesicherter und innerprofessionell geteilter Wissensbestände und Fähigkeiten kompetent ausführen zu können und bezieht sich damit vor allem auf das individuelle Vermögen der BeraterInnen. Ihre Kompetenzen stellen den Kern von Professionalität dar. Darüber hinaus hat der professionsinterne Wissensaustausch darüber, was professionelles Handeln ausmacht, Bedeutung, also der Diskurs und der Aushandlungsprozess der relevanten AkteurInnen.

Initiative "Bildungsberatung Österreich" als Teil eines Professionalisierungsprozesses

Aufbauend auf früheren Initiativen hat das BMBF im Jahr 2011 die österreichweite Initiative "Bildungsberatung Österreich" im Bereich Erwachsenenbildung lanciert. Im Mittelpunkt der Initiative steht der Auf- und Ausbau eines flächendeckenden, leistungsfähigen und anbieterneutralen Bildungsinformations- und Beratungssystems für Erwachsene. Das durch die Initiative gewährte flächendeckende Vorhandensein eines Bildungsberatungsangebots durch eine in allen Bundesländern aufgebaute Netzwerkstruktur, die sich durch länderübergreifende Zielsetzungen, Dokumentationsvorgaben etc. auszeichnet, kann als Institutionalisierung des Angebots (s.o.) und damit als Teilprozess einer zunehmenden Professionalisierung verstanden werden.

Professionalisierung und gestärkte Professionalität durch neue Ausbildungswege

Bundesinstitut für Erwachsenenbildung (bifeb)

Für die Professionalisierung der Landschaft kommt dem bifeb) als Kompetenzzentrum eine bedeutende Rolle zu. Das bifeb) bietet einen eigenen Diplomlehrgang sowie einen Masterstudiengang gemeinsam mit der Pädagogischen Hochschule Oberösterreich und der Universität Linz an. Das interessierte Fachpublikum findet Weiterbildungsmöglichkeiten wie Seminare und Werkstätten sowie eine in Kooperation mit dem BMBF zweijährlich stattfindende Fachtagung, auf der Impulse gesetzt werden um die berufliche Identität von Bildungs- und BerufsberaterInnen zu stärken.

Weiterbildungsakademie Österreich (wba)

Als weiterer wichtiger Akteur tragt die Weiterbildungsakademie Österreich (wba) durch die Zertifizierung und Diplomierung von BeraterInnen im Bereich Erwachsenenbildung zu einem einheitlichen Professionalisierungsstand bei. Die wba entwickelte ein Standardisierungs- und Anerkennungsverfahren, in dem Kompetenzen nach definierten Standards überprüft, bereits erworbene Kompetenzen anerkannt und zu einem Abschluss gebündelt werden.

BeraterInnen vielfach ohne explizite Fachausbildung

Folgende AMS-Studie zeigte 2010, wie wichtig eine weitere Forcierung der tätigkeitsspezifischen Ausbildungswege bleibt. Die AMS-Studie zeigte auf, dass das Bildungsniveau innerhalb der Gruppe der befragten BeraterInnen im Bereich Bildung, Beschäftigung und Beruf zwar bereits sehr hoch ist, aber nur ein kleiner Teil eine explizite Fachausbildung vorweisen kann.  Rund die Hälfte der befragten BildungsberaterInnen verfügte über einen akademischen Abschluss (v.a. Psychologie und Pädagogik), aber nur 12% hatte eine explizite Aus- oder Weiterbildung für Bildungs- und BerusfberaterInnen absolviert (Eickhoff et al. 2010).

 

Qualitätssicherung im Rahmen des IBOBB-Qualitätssiegels

Das IBOBB-Qualitätssiegel steht für ein Verfahren der externen Qualitätssicherung für anbieterneutrale Bildungsberatung in Österreich. Dieses Verfahren wurden vom Österreichischen Institut für Berufsbildungsforschung (öibf) konzipiert und umgesetzt. Im Rahmen dieses Verfahrens wird die Verlässlichkeit und Ernsthaftigkeit von Beratungsangeboten in Hinblick auf vier zentrale thematische Cluster unabhängig überprüft:

 

  • Neutralität der Beratungsleistung(en) sowie Zielgruppenorientierung
  • Begründetheit des Beratungsangebots, Kompetenz des Personals sowie Aktualität der Information
  • Klarheit und Effizienz von Design und Organisation der Dienstleistung(en)
  • Interne Qualitätssicherung und Beobachtung der Wirksamkeit

 

Der Einsatz eines Review-Teams gewährleistet, dass das Verfahren intersubjektiviert und professionell vollzogen wird. Auf Basis eines durch die zu beurteilende Einrichtung vorab erstellten Informationsportfolios und durch einen Vorort-Besuch beurteilt das Review-Team den Grad der Erfüllung der Anforderungen durch eben diese Einrichtung. Jede Beurteilung erfolgt in einer gemeinsamen Einschätzung des Teams entlang ausformulierter Kriterien, die den vier thematischen Clustern zuzuordnen sind.

 

Von allen vier Cluster stellt die glaubwürdige Unabhängigkeit und alleinige Orientierung an Bedürfnissen und Interessen der BeratungskundInnen ein Muss-Kriterium für einen positiven Befund dar. Wenn eine Beratungseinrichtung ein Qualitätssiegel erhält, ist das laut Schlögl (2012) "ein Beleg dafür, dass die Einrichtung Bildungsberatung anbieterneutral, am Stand des professionellen Wissens und effizient umsetzt."

Qualität im Beratungsprozess - Neue Beratungsformate und -settings

Kompetenzberatung und Online-Bildungsberatung

Zu den Aufgaben der Initiative zählt auch die Weiterentwicklung von Beratungsformaten und die Auslotung möglicher Beratungssettings. Besonderer Schwerpunkt liegt hierbei auf der Weiterentwicklung des Formats Kompetenzberatung. Weiters wird seit Anfang des Jahres 2014 eine österreichweit nutzbare Online-Bildungsberatung angeboten, die aufbauend auf den Erfahrungen des Wiener Netzwerkes bundesländerübergreifend entwickelt wurde.

 

Weitere Zielgruppen erreichen

Ein weiterer Schwerpunkt ist die Verbesserung des Zugangs zu Bildungsberatungsangeboten für bislang nicht zufriedenstellend erreichte Zielgruppen (darunter v.a. Niedrigqualifizierte oder auch ältere Personen). Die Initiative versucht, durch innovative Projekte wie aufsuchende oder mobile Bildungsberatung und unterstützt durch Handlungsleitfäden und Sensibilisierungsinstrumente, die innerhalb der Initiative entwickelt wurden, diese Zielgruppen verstärkt zu erreichen.

Durch Austausch und Vernetzung Professionalität stärken

Überregionale Vernetzungstreffen

Durch den Austausch innerhalb der Bildungsberatungslandschaft soll das Professionswissen gestärkt und innerhalb der Landschaft gestreut und nutzbar gemacht werden. Dazu tragen Fachtagungen wie das biennal stattfindende überregionale Vernetzungstreffen bei. Die thematische Fokussierung der Veranstaltungen fördert den Austausch innerhalb der Landschaft, bringt aber auch Informationen und Kompetenzen verwandter bildungs- und arbeitsmarktpolitischer Felder ein. Auch in den Ländernetzwerken finden regelmäßig Veranstaltungen statt, die dem Erfahrungsaustausch dienen. Diese Förderung eines Selbstverständnisses der BildungsberaterInnen steht auch im Zeichen einer zunehmenden Professionalisierung. Auch das Entstehen von Berufsverbänden zeugt von einem gestärkten Professionsbewusstsein.

Fachmedium der Initiative Bildungsberatung Österreich

Das Fachmedium der Initiative Bildungsberatung Österreich "Bildungsberatung im Fokus" dient dem Transfer wissenschaftlicher Erkenntnisse rund um IBOBB, der Kommunikation wichtiger Ergebnisse und Vorhaben der Initiative und der Vorstellung innovativer Projekte aus verwandten Feldern.

bib-wiki

Das bib‐wiki besteht seit 2009 als Instrument für fachlichen Austausch und kollaboratives organisationsübergreifendes Wissensmanagement für die Gemeinschaft der BildungsberaterInnen. Seit 2013 wird es zusätzlich redaktionell betreut und ein öffentlich zugänglicher Bereich ausgebaut.

Nationales Forum Lifelong Guidance

Von Seiten des BMBF wurde ein Nationales Forum Lifelong Guidance eingerichtet. Diese Steuergruppe umfasst VertreterInnen aller auf Bundesministeriumsebene für Information, Beratung und Orientierung für Bildung und Beruf (IBOBB) verantwortlichen Stellen, ergänzt um RepräsentantInnen der Interessenvertretungen (AK, WKÖ), der Beratungsanbieter und der wissenschaftlich/koordinatorisch mit IBOBB befassten Institutionen. Die Aktivitäten des einmal pro Jahr tagenden Forums sind derzeit primär auf Informationsaustausch ausgerichtet. Das Forum hat keine Exekutivbefugnisse.

Weitere Informationen

Links

Quellen

  • Schlögel, Peter (2012): Verfahren der externen Qualitätssicherung für anbieterneutrale Bildungsberatung in Österreich. Wien.

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