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Diversität als soziale Konstruktion

Surur Abdul-Hussain und Roswitha Hofmann (2013)

Diversität ist aus der Perspektive sozial-konstruktivistischer Theorien Resultat täglicher Handlungen, in denen Unterscheidungen zwischen Menschen immer wieder aufs Neue definiert werden. So ordnen wir uns selbst und andere tagtäglich etwa in Geschlechter- oder Alterskategorien ein. Diese Kategorisierungshandlungen schaffen über die Reduktion von Komplexität, also über Vereinfachung, Orientierung - für uns selbst und andere. Die Kategorisierungen bilden aber auch die Grundlage für Stereotypisierung und Hierarchisierung von Unterschieden.


Als soziale Konstruktionen gestalten sich Diversitäten, verstanden als Differenzkategorien, je nach soziokulturellem Kontext unterschiedlich und unterliegen historischen Veränderungen.

 

In der wissenschaftlichen Beschäftigung mit Diversität sind Geschlecht und Geschlechterverhältnisse, nicht zuletzt aufgrund der Frauenbewegung, seit langem Thema. Zur Konstruktion von Geschlecht und Geschlechterverhältnissen liegt daher im Vergleich zu anderen Diversitätsdimensionen ein sehr umfangreiches Theorierepertoire vor.

Doing Gender

Die soziale Konstruktion von Geschlecht und Geschlechterverhältnissen wird in der ethnomethodologischen Literatur als Doing Gender beschrieben (West/Zimmerman 1987). Dieser Begriff umfasst die tagtäglich ablaufenden Handlungen, in denen "Geschlecht" von uns als soziale Unterscheidung hervorgebracht wird. So stellen wir beispielsweise aufgrund des wahrgenommenen Geschlechts oft Erwartungen an unser Gegenüber bezüglich seines/ihres Verhaltens oder Aussehens. Diese Verhaltensakte werden auch als Gender-Performanz bezeichnet. Für sprachliche Akte wird auch der Begriff Performing Gender (Kelan 2009, Abdul-Hussain 2012) verwendet.


Doing Gender zielt demnach darauf ab, Geschlecht bzw. Geschlechtszugehörigkeit nicht als Eigenschaft oder Merkmal von Individuen zu betrachten. Es ist vielmehr ein Ergebnis von Handlungen, an denen wir alle beteiligt sind.


Doing Gender ist in der Erwachsenenbildung beispielsweise dann zu beobachten, wenn Frauen und Männern aufgrund von Geschlechterstereotypen unterschiedliche kognitive oder motorische Fähigkeiten zugesprochen werden. Auch wenn Männer oder Frauen sich selbst bestimmte Fähigkeiten aufgrund ihres Geschlechts zu- oder absprechen, ist dies eine Form des Doing Gender.

Doing Difference

Der Begriff Doing Difference (West/Fenstermaker 1995) beschreibt die soziale Herstellung weiterer sozialer Differenzkategorien wie soziale Klasse oder Ethnizität. Wesentlich dabei ist, dass Differenzkategorien in sozialen Prozessen gleichzeitig hergestellt werden.


Doing Difference ist beispielsweise in Bildungskontexten dann der Fall, wenn die soziale Herkunft einer Schülerin/eines Schülers Einfluss auf dessen/deren Bildungszugang und Bildungskarriere hat.

Un-doing Gender/Un-doing Difference

Hirschauer (2001) verweist mit Un-doing Gender darauf, dass Geschlecht in sozialen Situationen zwar registriert wird, aber nicht immer die gleiche Relevanz besitzt. Die Diversitätskategorie "Geschlecht" wird damit in verschiedenen Situationen und Umfeldern unterschiedlich wahrgenommen. Sie wird unterschiedlich mit Bedeutung besetzt. Ähnliches ist auch in Bezug auf andere Diversitäten der Fall.

Verschränkung von Diversitäten (Intersektionalitäten)

In der Betrachtung der sozialen Konstruktion von Diversitäten werden in den letzten Jahren zunehmend Wechselwirkungen zwischen Diversitäten erforscht (Smykalla/Vinz 2011, Eberherr 2012). Dabei wird davon ausgegangen, dass nicht nur eine Diversitätsdimension, wie beispielsweise Alter, in sozialen Situationen hergestellt und wirksam wird. Je nach Situation und Kontext kommt eine jeweils spezifische Verschränkung mehrerer Diversitäten zum Tragen. Diversitätsdimensionen können sich dabei gegenseitig verstärken, abschwächen oder auch verändern. Solche intersektionellen Phänomene können auch zu einer Mehrfachdiskriminierung beitragen.


So spielen beispielsweise Geschlecht, Hautfarbe und Alter in einer bestimmten Situation zusammen und wirken sich in der Kombination auf Entscheidungen aus (z.B. im Rahmen einer Stellenbesetzung oder Teamzusammenstellung).

 

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Weitere Informationen

Quellen

  • Abdul-Hussain, Surur (2012): Genderkompetenz in Supervision und Coaching. Mit einem Beitrag von Ilse Orth und Hilarion G. Petzold zu "Genderintegrität". Wiesbaden: Springer VS Verlag.
  • Eder, Franz X. (2009): Kultur der Begierde: Eine Geschichte der Sexualität. München: C.H. Beck.
  • Eberherr, Helga (2012): Intersektionalität und Stereotypisierung: Grundlegende Theorien und Konzepte in der Organisationsforschung. In: Bendl, Regine/Hanappi-Egger, Edeltraud/Hofmann, Roswitha (Hg.): Diversität und Diversitätsmanagement. Wien: facultas-wuv, S. 61-73.
  • Gildemeister, Regine (2010): Doing Gender. Soziale Praktiken der Geschlechterunterscheidung. In: Becker, Ruth/Kortendiek, Beate (Hg.): Handbuch Frauen- und Geschlechterforschung. 3. Auflage. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften, S. 137-145.
  • Goffman, Erving (1994): Das Arrangement der Geschlechter. In: ders.: Interaktion und Geschlecht. Frankfurt/M.: Campus, S. 105-158.
  • Hirschauer, Stefan (1996): Wie sind Frauen? Wie sind Männer? Zweigeschlechtlichkeit als Wissenssystem. In: Eifert, Christiane u.a. (Hg.): Was sind Frauen? Was sind Männer? Geschlechterkonstruktionen im historischen Wandel. Frankfurt/M.: Suhrkamp, S. 240-256.
  • Hirschauer, Stefan (2001): Das Vergessen des Geschlechts. Zur Praxeologie einer Kategorie sozialer Ordnung. In: Heintz, Bettina (Hg.): Geschlechtersoziologie. Sonderheft 41/2001 der Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, S. 208-235.
  • Kelan, Elisabeth (2009): Performing Gender at Work. Palgrave Macmillan.
  • Lorber, Judith (2003): Gender-Paradoxien. 2. Auflage. Opladen: Leske + Budrich.
  • Rademacher, Claudia/Wiechens, Peter (Hg.) (2001): Geschlecht - Ethnizität - Klasse: Zur sozialen Konstruktion von Hierarchie und Differenz. Opladen: Leske + Budrich.
  • Schroeter, Klaus R./Künemund, Harald (2010): "Alter" als Soziale Konstruktion - eine soziologische Einführung. In: Aner, Kirsten/Karl, Ute (Hg.): Handbuch Soziale Arbeit und Alter. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften, S. 393-401.
  • Smykalla, Sandra/Vinz, Dagmar (Hg.) (2011): Intersektionalität zwischen Gender und Diversity. Theorien, Methoden und Politiken der Chancengleichheit. Münster: Westfälisches Dampfboot.
  • Waldschmidt, Anne/Schneider, Werner (Hg.) (2007): Disability Studies, Kultursoziologie und Soziologie der Behinderung: Erkundungen in einem neuen Forschungsfeld. Bielefeld: transkript.
  • West, Candace/Zimmerman, Don H. (1987): Doing Gender. In: Gender and Society, 1(2), S. 125-151.
  • West, Candace/Fenstermaker, Sarah (1995): Doing difference. In: Gender & Society, 9 (1), S. 8-37.

 

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