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Definitionen - Diskurse

Wolfgang Brückner, John Evers, Christian Nowak, Peter Schlögl, Judith Veichtlbauer (2017)

Vor dem Hintergrund der (wachsenden) Zahlen wäre grundlegendere Auseinandersetzung mit aktuellen Konzepten, Rahmenbedingungen und einer möglichen Zukunft des 2. Bildungswegs angezeigt. In einer entsprechend übergreifenden und programmatischen Perspektive sollte es zu einem überdachten Mix aus neuen Regulativen und Deregulierung kommen, ohne bisheriges Flickwerk in Detailfragen fortzusetzen.

 

Perspektiven

Wesentliche Ergebnisse dieses Streifzugs durch die vielfältigen Strukturen, die sich unter diesem Begriff fassen ließen, wie auch durch entsprechende Literatur zu Fragen des 2. Bildungswegs lassen sich aus Sicht des AutorInnen-Teams in zwei zentralen Punkten zusammenfassen:

  • Eine Reduktion des 2. Bildungswegs auf Nachholen von versäumten (schulischen) Abschlüssen – vgl. das Bild der „Reparaturwerkstätte" – greift zu kurz und ist, wenn schon, eher auf strukturelle Mängel des Regelschulsystems als auf individuelles Versagen zu beziehen.
  • Wachsende quantitative und systemische Bedeutung in teilweiser funktionaler Überlappung mit dem Schulsystem erfordern, dass verstärkt auch systemische Perspektiven auf den 2. Bildungsweg eingenommen werden, wenn man das österreichische Bildungssystem effizienter in Richtung Durchlässigkeit weiterentwickeln will. Dafür sind funktionierende Schnittstellen (sowohl innerhalb des 2. Bildungswegs wie zum Schulsystem) und eine konsequente, weniger halbherzige Ausgestaltung der Strukturen des 2. Bildungswegs zu einer außerschulischen Alternative notwendig.

Unabhängig davon, dass es nach der historischen Bildungsexpansion mit Fokus auf soziale Aufwärtsmobilität (Hochschulreife von begabten Benachteiligten) nunmehr eher um defensive Haltungen (Inklusion derjenigen, die mit wachsenden sozialen Spaltungen und wieder verstärkten selektiven Tendenzen – z.B. universitäre Aufnahmeverfahren – ins gesellschaftliche Abseits zu geraten drohen) geht, ist damit die wachsende quantitative Bedeutung des 2. Bildungswegs nicht erklärt.


Ökonomische Flexibilisierung, technologische Entwicklung, Globalisierung und Flexibilisierung von Lebensentwürfen gehen Hand in Hand und erfordern Neuorientierungen, die weit über ein „Nachholen" hinausgehen, das Gewicht von Erstausbildungen reduzieren und in der „Lebensphasenorientierung" des Lernens ihren Ausdruck finden.


Die in Bezug auf das Bildungssystem meist nur als Leerformeln zitierten Begriffe wie Mobilität und Durchlässigkeit betreffen insbesondere MigrantInnen, die nur zu geringem Teil über die Schulen integriert werden, und häufig auch in der 2. Generation im Vergleich weniger Schulerfolge aufweisen können. Sie bilden aber eine zentrale Klientel der abschlussbezogenen Angebote im 2. Bildungsweg, nicht nur auf Ebene der Basisqualifikationen wie dem ePSA, sondern auch bezüglich der Abschlüsse zur Erlangung des Universitätszugangs.


Rationale Lebens- und Bildungsplanung wie der Zugang zu Stipendien nach einer Arbeitsphase und mehr Kompatibilität mit familiären Situationen spielen zudem eine wesentliche Rolle für die Entscheidung für den 2. Bildungsweg, ein Aspekt, der in der Forschung in der letztlichen Fixierung auf den „regulären" schulischen Weg häufig nicht gesehen wird.


Schlussendlich sind es auch die formellen und strukturellen Bedingungen des Lernens im 2. Bildungsweg, die über weite Strecken weniger Zwangscharakter als die schulischen Systeme aufweisen, es ist dieses Momentum an Freiheit, das insbesondere in der Praxis deutlich macht, dass es eben nicht um Nachholen von Schule, sondern um eine andere Form des Lernens geht. Dass weder die BRP noch die SBP, nicht einmal der ePSA, wiewohl im Lehrplan noch an die NMS rückgebunden, im eigentlichen Sinn Schulabschlüsse sind, hat auch unter diesem Gesichtspunkt seine Bedeutung.


Die Aktivitäten, die am Übergang Schule und Beruf angekündigt wurden (vgl. LLL 2020, Aktionslinie 4 Ausbau von alternativen Übergangssystemen ins Berufsleben für Jugendliche) und mit der Ausbildungspflicht vermutlich weiter ausgebaut werden, weisen ebenfalls darauf hin, dass das Schulsystem gesellschaftliche Bedarfe aktuell nicht (mehr) abdecken kann. Allerdings spiegelt sich in diesen Bestrebungen auch neuerdings Ignoranz gegenüber den im 2. Bildungsweg bereits bestehenden und u.U. nachhaltigeren Möglichkeiten.


Durch die einseitige Ausrichtung des LLL:2020 Programms auf Bedarfe des Arbeitsmarkts werden tendenziell zusätzliche Strukturen mit dem Ziel schneller „Job-Fitness" aufgebaut, Maßnahmen für den Zweiten Bildungsweg für Jugendliche werden jedoch in keiner der drei Aktionslinien explizit angesprochen, man könnte sagen, sie treffen „haarscharf daneben". (Lassnigg 2014, S. 03-11)


In jedem Fall hat sich im Kontext der aktuellen ökonomischen und gesellschaftlichen Umbrüche eine relative Dichte an außerschulischen Angeboten etabliert, die altersunabhängig und partiell außerhalb der „versäulten" Bildungslandschaft formale Abschlüsse ermöglichen.


Der Befund von Jütting/Scherer in einem Literaturbericht zum Zweiten Bildungsweg schon aus dem Jahr 1986, in dem sie eine programmatische Neu-Konzeptionierung weg von der ‚nachgeholten Hochschulreife in Kurzform' – hin zu einem ‚System abschlussbezogener Weiterbildung als individuellem Qualifizierungsinstrument' fordern, ist damit unverändert aktuell und deckt sich mit unserem Plädoyer für eine stärkere systemische Perspektive auf den 2. Bildungsweg.


Bestehende Probleme und unsichere Übergänge können nur dann gelöst bzw. gesichert werden, wenn der „Aufbau einer institutionellen Erwachsenenbildung als „vierte Säule" des Bildungswesens wirklich ernst genommen wird", wie Lorenz Lassnigg am Beispiel Schwedens „als Modellfall für den Zweiten Bildungsweg" darlegt. (Lassnigg 2014, S. 03-5).


Diese Forderung ist nicht neu, und wurde für den gesamten Bereich der Erwachsenenbildung u.a. von Gudrun Biffl schon 2007 formuliert: „In dieser Situation führt kein Weg an der Entwicklung eines Systems der Erwachsenenbildung vorbei. Ein derartiges System basiert auf drei Stützpfeilern: einem institutionellen, einem finanziellen und einem qualifikatorischen." (Biffl 2007, S. 02-1).


Eine Konzentration auf Instrumente des 2. Bildungswegs im engeren Sinn, wie sie in diesem Dossier behandelt wurden, könnte zumindest einen ersten Schritt darstellen, um angesichts der komplexen Aufgabe nicht gänzlich in Untätigkeit zu verharren.

Regulative

Neue Regulative sind da erforderlich, wo – wie im Fall der SBP – durch ein Stückwerk von unterschiedlichen SBP-Gesetzen und vorschnelle Überantwortung dieses Bildungsgangs in die Autonomie der Universitäten – Intransparenz und neue Barrieren im Hochschulzugang vorliegen. Sowohl für die Fächer und Niveaus wie auch die verlangte studienbezogene Vorbildung wäre ein neuer Orientierungsrahmen wünschenswert, damit für die SBP bundesweit wieder vergleichbare Strukturen vorliegen.


Eine gesamtheitliche Perspektive müsste auch eine weitere Verbesserung der wechselseitigen Anrechenbarkeit von Teilprüfungen der BRP und SBP ermöglichen, beide Bildungsgänge könnten gekoppelt an eine Reform der SBP bei systemischer Angleichung komplementäre Aufgaben übernehmen.


Nicht zuletzt wäre es an der Zeit, eine Forderung der Aktionslinie 3 der LLL-Programmatik 2020 endlich umzusetzen, nämlich die „Gesetzliche Verankerung der vollen Prüfungskompetenz an akkreditierten Erwachsenenbildungseinrichtungen im Bereich des Nachholens von Bildungsabschlüssen und der Berufsreifeprüfung" (LLL:2020; S.23).


Vieles an der bildungspolitischen Zielsetzung und Umsetzung des ePSA wird durch die bestehende Rückbindung an schulische Prüfungen beeinträchtigt, auch für die anderen wesentlichen abschlussorientierten Angebote schafft diese Anbindung nicht nur administrativen Mehraufwand und Doppelbetreuung der TeilnehmerInnen, sondern schränkt immer aufs Neue auch die Möglichkeiten erwachsenengerechten Unterrichts durch Rückkoppelung an Lehrpläne und Prüfungsformen des Ersten Bildungswegs ein.


Um entsprechende Qualitätssicherung nicht außer Acht zu lassen, müssen für die abschlussorientierten Angebote des 2. Bildungswegs neue Formen der Qualitätssicherung angedacht werden, die instrumentenübergreifend wirksam werden und die Anbindung an die Schulen ablösen.


Nicht zuletzt gibt es je nach Instrument und Bundesland völlig unterschiedliche Bedingungen der Finanzierung und Förderung, die es besser zu koordinieren gälte, wenn man nicht erzwungenen Bildungstourismus als Steigerung der Mobilität verkaufen will.

Deregulierung

Während so manches betreffend den 2. Bildungsweg gegen die Interessen der AbsolventInnen der Beliebigkeit und Willkür überlassen wird (beispielsweise Fragen der Anerkennung von Vorbildung in der SBP, wo selbst bestehende Vorgaben häufig unterlaufen werden), gibt es auch Ebenen, die zur Erhöhung der Durchlässigkeit gelockert werden müssen (für Details siehe die Beiträge zu einzelnen Instrumenten).


Es ist nicht einzusehen, warum angesichts der allerorten von Individuen eingeforderten Flexibilität und Mobilität nicht möglich sein soll, administrative Vereinfachungen wie Ermöglichung eines nachträglichen Wechsels der Prüfungskommission (betrifft neben BRP auch ePSA), des Prüfungsmodus (Lebende Fremdsprache) und/oder des Fachbereichs umzusetzen.


Für die BRP wäre freie Wahl des Fachbereichs aus einem Korb stark nachgefragter bzw. arbeitsmarkt- und bildungspolitisch besonders relevanter Fachbereiche sowie Neuordnung der Fachbereichsliste sinnvoll, da die aktuelle Fachbereichsliste veraltet ist, Rechtsunsicherheit schafft und die Teilnehmenden erheblich in ihrer weiteren Planung einschränkt.


Betreffend den ePSA wurde der zuvor forcierte wba-Abschluss durch die Bindung der Prüfungsabnahme an das schulische Lehramt wieder völlig entwertet, dadurch wurden langjährig erfolgreiche TrainerInnen aus der Erwachsenenbildung verdrängt, weil es für Träger, die die Prüfungsberechtigung anstreben, natürlich problematisch ist, wenn Lehrende nicht prüfen können. Sofern man auf diese Lehrkräfte nicht verzichten kann oder will, hat dies vielfach dazu geführt, dass Prüfungen nach wie vor an externen Schulen abgewickelt werden, was den ePSA partiell ad absurdum führt und alternative Wege der Qualitätssicherung erfordert und nicht Regulative über schulkonforme Ausbildung.


Aus Sicht der Praxis erforderlich ist schließlich Flexibilisierung der Rahmenvorgaben durch die Initiative Erwachsenenbildung, die mit den maximalen 1160 UE und strikten Kontingenten für einzelne Maßnahmenstränge ein zu starres Korsett vorgibt, das teilnehmerInnenorientierte Arbeit behindert und zudem durch die Finanzierungsstruktur selektive Tendenzen wieder verstärkt.

Weitere Informationen

Literatur

  • Biffl, Gudrun (2007): Erwachsenenbildung – Schlüssel für die Erhaltung der Wettbewerbsfähigkeit Österreichs. Magazin Erwachsenenbildung Nr. 2, 2007: Lebenslanges Lernen in Österreich - politische, organisatorische, finanzielle und didaktische Anforderungen
    »Link.
  • Bundesministerium für Unterricht, Kunst und Kultur; Bundesministerium für Wissenschaft und Forschung; Bundesministerium für Arbeit, Soziales und Konsumentenschutz; Bundesministerium für Wirtschaft, Familie und Jugend (Hg). (2011): Strategie zum lebensbegleitenden Lernen in Österreich: LLL:2020
    »Link.
  • Dorninger, Christian. (2014). Nachholen von Bildungsabschlüssen – Schulen für Berufstätige. Mehr Flexibilität und Anrechnung durch Modularisierung. In: Magazin erwachsenenbildung.at. Das Fachmedium für Forschung, Praxis und Diskurs, (21 / Das Versprechen sozialer Durchlässigkeit. Zweiter Bildungsweg und Abschlussorientierte Erwachsenenbildung), 11/1-6.
  • Dornmayr, Helmut, Litschel, Veronika & Löffler, Roland. (2016). Bericht zur Situation der Jugendbeschäftigung und Lehrlingsausbildung in Österreich 2014-2015, Forschungsbericht von ibw und öibf im Auftrag des BMWFW. (BMWFW, Hrsg.). Wien.
    »Link.
  • Jütting, Dieter H./Scherer, Alfred (1986): Der Zweite Bildungsweg in der Literatur. Metapher und Mythos. Herausgegeben vom Landesinstitut für Schule und Weiterbildung. Soest: Landesinstitut für Schule und Weiterbildung.
  • Lassnigg, Lorenz (2014): Der Zweite Bildungsweg im „Lifelong Learning" – Befunde zur Finanzierung und Politik. Österreich und Schweden im Vergleich. In: Magazin erwachsenenbildung.at. Das Fachmedium für Forschung, Praxis und Diskurs. Ausgabe 21, 2014: Das Versprechen sozialer Durchlässigkeit. Zweiter Bildungsweg und Abschlussorientierte Erwachsenenbildung.
    »Link.
  • Schlögl, Peter & Litschel, Veronika. (2016). Aktuelle Daten zur Berufsreifeprüfung. Vorbereitungslehrgänge, TeilnehmerInnen, Teil- und Fachbereichsprüfungen, AbsolventInnen (Aktualisierung). Projektbericht des Österreichischen Instituts für Berufsbildungsforschung (öibf). Wien: öibf.
  • Statistik Austria. (Hg.) (2012). Erwachsenenbildungsbericht 2011. Wien: Statistik Austria.
  • Statistik Austria. (Hg.) (2017). Bildung in Zahlen 2015/16 – Tabellenband. Wien: Statistik Austria.
  • Wirtschaftskammer Wien (2016): Lehrlinge in Wien 2015. Wien März 2016.
    »Link.
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