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Exkurs: Begriffe, Definitionen und Konzepte

nach Rudolf de Cillia
Definitionen und Konzepte sind kulturell und sozio-politisch bestimmt. Was als angemessene Beherrschung von Kulturtechniken gilt, ist von der jeweiligen historischen Situation abhängig. So bedeutete "alphabetisiert" zu sein vor 100 Jahren etwas anderes als vor 50 Jahren und als heute. Im deutschsprachigen Raum lag dabei der Fokus lange auf der Diskussion der Defizite, weniger auf der positiven Definition der mit Literalität verbundenen Fähigkeiten und Fertigkeiten.

Alphabetismus - Analphabetismus

Die in diesem Kontext wichtigen Konzepte sind die des primären Analphabetismus, der vorliegt, wenn eine Person keinerlei Lese- und Schreibkenntnisse erworben hat. Dieses Phänomen trifft auf Menschen zu, die keine Gelegenheit zum (regelmäßigen) Schulbesuch hatten.

Von sekundärem Analphabetismus spricht man, wenn nach einer mehr oder weniger erfolgreichen schulischen Sozialisation die einmal erworbenen Schriftkenntnisse wieder verloren gehen.

Funktionaler Analphabetismus liegt nach einer Definition der UNESCO aus den 60er Jahren bei einer Person vor, die sich nicht "an all den zielgerichteten Aktivitäten ihrer Gruppe und Gemeinschaft, bei denen Lesen, Schreiben und Rechnen erforderlich sind, und ebenso an der weiteren Nutzung dieser Kulturtechniken für ihre eigene Entwicklung und die ihrer Gemeinschaft beteiligen kann."

Dieser Zugang berücksichtigt bereits den historischen Kontext von Literalität, weil er die Fähigkeiten entsprechend den jeweiligen gesellschaftlichen und technischen Entwicklungen formuliert.

Literalität - Illiteralität

Anders als im deutschsprachigen Raum stehen im anglo-amerikanischen Raum die Kompetenzen und nicht die Defizite im Vordergrund.
Literacy ist positiv konnotiert und bezeichnet die Fähigkeit, Texte des Alltags oder des Berufs sinnerfassend zu lesen und schriftliche Texte desselben Kontextes situationsadäquat zu verfassen.

Allgemeiner formuliert beschreibt Literacy die Fähigkeit, mit Sprache gestaltend und analysierend, kreativ und abstrahierend umzugehen. Diese Bezeichnung für Schreib- und Lesefähigkeit wurde in weiterer Folge auf die Beherrschung jedweder Kulturtechniken im weiteren Sinn übertragen. So kann man z.B. auch von ‚computer literacy', ja sogar ‚sexual literacy' sprechen.

Der von literacy als Lehnübersetzung abgeleitete deutsche Begriff der Literalität (seltener Literarität) wird seit etwa einem Jahrzehnt zunehmend in der Fachliteratur verwendet. Die Anforderungen für die Teilhabe an der modernen Informations- und Wissensgesellschaft und somit Elemente einer allgemeinen Basisbildung sind vielfältiger geworden und gehen über die Grundkulturtechniken des Lesens, Schreibens und Rechnens hinaus. Sie reichen vom kompetenten Umgang mit Alltagstexten wie Formularen, Gebrauchsanweisungen u. ä. bis hin zu spezifischen rezeptiven und produktiven Fähigkeiten und Fertigkeiten im Umgang mit E-Mail und Internet sowie Grundkenntnissen des Englischen.