Impressum | Sitemap | English

Kritische Diskurse: Kulturverständnis, Othering, Repräsentation

Annette Sprung 2008, aktualisiert 2013

In den vergangenen vier Jahrzehnten erfolgte die Ausdifferenzierung theoretischer und praktischer Ansätze der Pädagogik in der Migrationsgesellschaft nicht zuletzt durch kritische Debatten innerhalb des Feldes. Diese wurden beispielsweise über die unterschiedlichen Grundannahmen in gesellschaftstheoretischer Hinsicht geführt. Wichtige Diskurse, die auch heute nicht obsolet geworden sind, beziehen sich auf die Definition und Verwendung des Kulturbegriffes, auf Zuschreibungsprozesse und Repräsentationsansprüche sowie das Verhältnis zwischen struktureller Ausgrenzung und individueller Handlungsmacht.

 

Kulturalisierung - Ethnisierung

Vielfach stößt man in Alltagsdiskursen, aber auch in der Pädagogik, auf einen essentialistischen Kulturbegriff, in dem Kulturen als in sich abgeschlossenes Ganzes (Kulturkreise) gesehen und mit vermeintlichen Abstammungsgemeinschaften (Ethnien) gleichgesetzt werden. Darauf basiert eine Abgrenzung zwischen dem Eigenen und dem Fremden, dem Innen und Außen. Ziel pädagogischer Bemühungen wäre dieser Perspektive zufolge beispielsweise, über die "Anderen" und ihre Eigenheiten zu lernen, um diese zu "verstehen" und zu akzeptieren. KritikerInnen weisen unter anderem darauf hin, dass mit dem Anspruch der "Verständigung zwischen Kulturen" Menschen häufig in einer statischen, ahistorischen Sicht in als natürlich verstandene Kategorien eingeordnet würden. Diese Sichtweise erscheint in einer globalisierten Welt zunehmend fragwürdig und sollte einem prozesshaften Kulturverständnis weichen. Die Verwendung des Begriffes "Interkulturalität" ist demnach in Bezug auf Bildungsprozesse im Migrationskontext umstritten.


Des Weiteren steht unter Kritik, dass Kultur gegenüber anderen Merkmalen tendenziell überbewertet wird. Es besteht die Gefahr, dass mit der Annahme von vermeintlichen kulturellen oder ethnischen Unterschieden sozialstrukturell bedingte Ungleichheiten sowie Rassismen und Diskriminierung verschleiert werden. Darüber hinaus dient "Kultur" zuweilen als Ersatz für andere, gesellschaftlich diskreditierte Begriffe wie "Rasse". Bereits Theodor Adorno hat darauf verwiesen, dass damit versucht werde, Herrschaftsansprüche zu legitimieren. In der jüngeren Vergangenheit werden beispielsweise zahlreiche politische Konflikte mit Bezug auf Kultur und Ethnizität erklärt. Man spricht daher von "Kulturalisierung".


Die beschriebenen Verwendungsweisen von Kultur führen schließlich dazu, dass politisch zu lösende Aufgaben der Pädagogik zugeschoben werden und der Blick auf die notwendige Veränderung struktureller Bedingungen in den Hintergrund tritt.

Hybridisierung, Kultur als soziale und symbolische Praxis

Postmoderne und postkoloniale Kulturtheorien (mit starken Impulsen aus der Literaturwissenschaft) lehnen Mecheril und Kalpaka (2010) zufolge ein traditionelles Kulturmodell ab und machen auf das permanente Durchmischen kultureller Strömungen aufmerksam. Gleichzeitig wird Kultur nicht nur auf nationale/ethnische Aspekte bezogen, sondern im weitesten Sinn auf unterschiedliche Differenzmerkmale und Zugehörigkeiten (Lebenswelten, Subkulturen, Milieus). Begriffe wie "Hybridisierung" (Homi Bhabha), oder "Mehrfachzugehörigkeit" (Paul Mecheril) stehen für diese Erklärungsansätze. Der in den Cultural Studies verwendete Kulturbegriff umfasst alltägliche symbolische und soziale Praxen der Aneignung der jeweiligen Lebensbedingungen sowie ihrer Interpretation (Kalpaka/Mecheril 2010).

Transkulturalität

Der Philosoph Wolfgang Welsch hält den Begriff der Interkulturalität für ungeeignet, weil er die traditionelle Kulturvorstellung nicht überwinde, sondern nur auf die Bekämpfung problematischer Folgen abziele. Er hebt die interne Differenziertheit und Komplexität moderner Kulturen mit ihrer Vielfalt an Lebensstilen hervor. Wenn Menschen in diesen Kontexten interagieren, greifen sie auf alle möglichen Einflüsse zurück (Globalisierung), es durchdringen sich unterschiedliche Lebenspraxen. Diese Durchdringung fasst Welsch mit dem Terminus der Transkulturalität. Eine umfassende Dekonstruktion des ursprünglich kritisierten Kulturverständnisses gelingt hier jedoch nicht.

Othering

Durch Unterscheidungspraktiken werden Fremdheit und Andersheit, nicht zuletzt in pädagogischen Prozessen, aktiv hergestellt und bestätigt, selbst wenn derartigen Aktivitäten meist eine wohlwollende Absicht zugrunde liegt. Dieses Phänomen wurde bereits im Rahmen postkolonialer Theorien, wie z.B. durch Edward Said ("Othering") oder Stuart Hall kritisch analysiert. Gerade in der interkulturellen Pädagogik forderte man ab den 1970er Jahren die Wertschätzung von Differenz ein. Die Anerkennung des/der Anderen ist zwar einerseits ein wichtiges pädagogisches Prinzip, führt andererseits jedoch dazu, dass damit MigrantInnen in ihrer "Andersheit" eingeschlossen werden. Der Pädagoge Paul Mecheril spricht von der Konstruktion sogenannter Migrations-Anderer.

Repräsentationsverhältnisse

Wer spricht in der interkulturellen Pädagogik für bzw. über wen? Diese aus der Wissenschaftstheorie bekannte Grundfrage eröffnet eine wichtige Perspektive auf den Integrationsdiskurs und nicht zuletzt auch auf die interkulturelle Bildungsforschung und -praxis. Diese hat in den vergangenen 30 Jahren reichhaltige Forschungen und Publikationen ÜBER MigrantInnen, sowie Bildungsprogramme FÜR die Zielgruppe hervorgebracht. In wenigen Fällen hatten Menschen mit Migrationshintergrund selbst Gelegenheit, sich aktiv in Diskurse einzubringen.


Das Spannungsfeld Selbst- und Fremdrepräsentation ist in jüngerer Zeit stärker ins Bewusstsein gerückt, nicht zuletzt weil Selbstorganisationen von MigrantInnen ihre Stimme erhoben haben. Diese treten auch zunehmend als AkteurInnen in der Weiterbildung auf. In der Forschung gibt es mittlerweile zahlreiche Beispiele, welchen eine Subjektorientierung sowie die Reflexion der Standortgebundenheit des Sprechens zu Grunde liegt (Mecheril/Thomas-Olalde/Melter/Arens/Romaner 2013).

 

«zurück                                                                                      weiter»

Literatur
  • Bhabha, Homi (2007): Die Verortung der Kultur. Tübingen: Stauffenburg.
  • Broden, Anne/Mecheril, Paul (Hg.) (2007): Re-Präsentationen. Dynamiken der Migrationsgesellschaft. Düsseldorf: IDA-NRW.
  • Bukow, Wolf-Dietrich/Nikodem, Claudia/Schulze, Erika/Yildiz, Erol (Hg.) (2007): Was heißt hier Parallelgesellschaft? Zum Umgang mit Differenzen. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.
  • Castro Varela, María do Mar/Dhawan, Nikita (2005): Postkoloniale Theorie. Eine kritische Einführung. Bielefeld: Transcript-Verlag.
  • Hall, Stuart (1994): Rassismus und kulturelle Identität. Ausgewählte Schriften. Hamburg: Argument-Verlag.
  • Hooks, Bell (1993): Black looks. Race and representation. Boston, Mass.: South End Press.
  • Kalpaka, Annita/Mecheril, Paul (2010): "Interkulturell". Von spezifisch kulturalistischen Ansätzen zu allgemein reflexiven Perspektiven. In: Mecheril, Paul/Kalpaka, Annita/Castro Varela, Maria do Mar/Dirim, Inci/Melter, Claus (Hg.): Migrationspädagogik. Weinheim: Beltz (Bachelor/Master), S. 77-98.
  • Kessl, Fabian/Plößer, Melanie (Hg.) (2010): Differenzierung, Normalisierung, Andersheit. Soziale Arbeit als Arbeit mit den Anderen. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.
  • Mecheril, Paul/Plößer, Melanie (2009): Differenz und Pädagogik. In: Casale, Rita/Larcher Klee, Sabine/Oelkers, Jürgen/Andresen, Sabine (Hg.): Handwörterbuch Pädagogik der Gegenwart. Weinheim: Beltz, S. 194-208.
  • Mecheril, Paul/Thomas-Olalde, Oscar/Melter, Claus/Arens, Susanne/Romaner, Elisabeth (Hg.) (2013): Migrationsforschung als Kritik? Spielräume kritischer Migrationsforschung. Wiesbaden: Springer.
  • Otto, Hans-Uwe/Schrödter, Mark (Hg.) (2006): Soziale Arbeit in der Migrationsgesellschaft. Multikulturalismus - Neo-Assimilation - Transnationalität. Lahnstein: Verlag Neue Praxis.
  • Rose, Nadine (2012): Bildungsherausforderung: Subjektivierung und Diskriminierung im Spiegel von Migrationsbiographien. Bielefeld: Transcript.
  • Said, Edward (1991): Orientalism. Harmondsworth: Penguin Books.
  • Terkessidis, Mark, (2010): Interkultur. Berlin: Suhrkamp.
  • Welsch, Wolfgang (2011): Kultur aus transkultureller Perspektive. In: Treichel, Dietmar/Mayer, Claude-Hélène (Hg.): Lehrbuch Kultur. Münster: Waxmann, S. 149-158.

 

«zurück                                                                                      weiter»