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Beratung: Ansätze - Formate - Prozess

Rudolf Götz, Franziska Haydn, Magdalena Tauber 2014

Wie definiert sich Bildungs- und Berufsberatung als Teil eines stetig wachsenden Angebots an Beratungsleistungen? Dieser Frage soll hier durch die theoretische Verortung des Beratungshandelns nachgegangen werden. Darüber hinaus dient die Diskussion möglicher IBOBB (Information, Beratung und Orientierung für Bildung und Beruf) Formate, des Beratungsprozesses sowie -settings und von grundlegenden Techniken und Methoden der Beratung dazu einen Überblick über mögliche Beratungsangebotsformen zu erlangen.

 

Bildungsberatung als Teil eines Beratungsbooms?

"Beratung" und Beratungsleistungen erleben bereits seit den 1980er Jahren nicht nur im erwachsenenbildnerischen Kontext einen ungebrochenen Boom. Dieser Boom wird damit zum Ausdruck einer allgemeinen Entwicklung, eines gesellschaftlichen Phänomens (siehe Orientierungsherausforderungen in spätmodernen Gesellschaften), verlangt aber auch im Sinne einer Diskursverortung eine theoretische Fundierung des eigenen Beratungshandelns sowie eine Präzision des eigenen Beratungsverständnisses, so Bettina Dausien (2011) und Anneliese Heilinger (2010).

 

Definition der Weiterbildungsakademie

So definiert die Weiterbildungsakademie Österreich (wba) (Heilinger 2010): "Beratung  im erwachsenenbildnerischen Kontext ist ein kommunikativer zwischenmenschlicher Prozess, der die Klärung des Beratungsbedarfs und –ziels sowie den Such- und Lösungsprozess durch professionell eingesetzte Beratungsmethoden umfasst. Das Beratungsgespräch findet mit einer für Beratungsgespräche qualifizierten Person in einem eigens definierten Beratungsrahmen statt. Die Aufgaben der Beraterin/des Beraters bestehen vorwiegend darin, das beraterische Know-How bezüglich Gesprächsführung einzubringen, sachdienliche Informationen zur Verfügung zu stellen und die emanzipatorische Teilnahme des/der Ratsuchenden am Prozess zu fördern. Die Entscheidungs- und Verantwortungsinstanz für Lösungsmöglichkeiten liegen bei der Rat suchenden Person. Das Beratungsverständnis geht daher über Auskunft, Ratschlag, Information oder reine Fachberatung hinaus und ist – in Abgrenzung – kein Verkaufsgespräch, aber auch keine therapeutische Intervention."

 

Die nachfolgende Darstellung von Formaten des Beratungsprozesses sowie von Beratungstechniken und -methoden bietet einen Überblick über die mögliche Ausgestaltung von Bildungsberatungsangeboten. Das Beratungsverständnis der BeraterIn verlangt zusätzlich nach einer wissenschaftlichen Verortung des Beratungshandelns.

Wissenschaftliche Fundierung - Beratungsansätze

Theoretische Ansätze zu Bildungs- und Berufsentscheidungen

Die wissenschaftliche Auseinandersetzung zu Fragen im Bereich Bildungs- und Berufsentscheidungen beginnt im deutschsprachigen Raum (im Gegensatz zu einer längeren Tradition in den USA) erst seit kurzem erste Früchte zu tragen. Als theoretischer Hintergrund fungierten lange Zeit vor allem Berufswahltheorien (Mosberger et al. 2012), die jedoch gerade im Bereich der Erwachsenenbildung und angesichts der flexibilisierten Arbeits- und Berufswelt Teile ihres Erklärungsanspruchs verloren haben. Neuere pädagogische Ansätze orientieren sich laut Dausien (2011) nun stärker an Ansätzen der Lebenslaufforschung oder auch Biographieforschung, die an die subjektiven Erfahrungs- und Deutungsstrukturen der beratenen Subjekte anschließen.

 

Theoriehintergründe - Beratungsansätze

Der Beratungsprozess selbst ist durch die Kommunikation zwischen Ratsuchenden und BeraterInnen konstituiert. Die wissenschaftliche Fundierung dieser Beziehung findet sich v.a. in psychologischen oder therapeutischen Theorietraditionen. Da es keine einheitliche Theorie von Beratung gibt, sollen an dieser Stelle gebräuchliche Traditionslinien vorgestellt werden (Nußbeck 2006):

Beratungsansätze aus psychotherapeutischen Traditionen

Da psychotherapeutische Theorien nicht interventionsspezifisch ausgerichtet sind – sie sind bspw. an Lerntheorien oder Überlegungen zur menschlichen Entwicklung  orientiert - lassen sie sich auf den Beratungskontext übertragen.

 

  • Psychoanalytisch orientierte Beratung: Deutung und Auflösung unbewusster Konflikte, die die Anpassung an Umweltanforderungen blockieren und Entscheidungen verhindern.
  • Verhaltensausgerichtete Beratung mit dem Ziel ein ganz konkret zu umschreibendes Verhalten einer Person zu verändern.
  • Humanistische Psychologie, darunter fällt bspw. die personenzentrierte Beratung (nach Carl Rogers). Die humanistische Psychologie versteht den Menschen als aktiv, autonom und selbst bestimmt Handelnd.

Systemorientierte Beratungsansätze

  • Systemische Beratung: Einflüsse vor allem aus der konstruktivistischen Erkenntnistheorie, Ziel der Beratung ist es den Anstoß für eine Veränderung der Dynamik des Systems zu geben (Aufdeckung von Kommunikationsstrukturen, Bedeutungszuschreibungen).
  • Lösungsfokussierte Beratung: Blick richtet sich weg von Problemen auf mögliche Lösungen. Gut funktionierende Bereiche eines Systems werden genutzt um an Lösungen zu arbeiten.
  • Ressourcenorientierte Beratung: verbunden mit der lösungsorientierten Beratung fokussiert jedoch stärker auf die internen und externen Ressourcen, also Mittel, die zur Verfügung stehen um bestimmte Aufgaben zu lösen.

 

In der Beratungspraxis ist jedoch eine Kombination verschiedener Schulen, also ein Methoden-Mix selbstverständlich geworden. Obwohl sich die Integration verschiedener Ansätze als nützlich erwiesen hat, bleibt es dennoch wichtig, die verschiedenen Einzelverfahren und Methoden nach ihrer Herkunft auch theoretisch zu verorten und zu reflektieren, um sie seriös, kontrolliert und geplant einsetzen zu können, so Christiane Schiersmann (2010) und Susanne Nußbeck (2006).

Beratungsformate - unterschiedliche Komplexitätsebenen

Die Interaktion zwischen Ratsuchenden und BeraterIn kann in unterschiedlichen Formaten systematisiert werden. Folgende Darstellung (Gieseke/Opelt/Ried 1995) orientiert sich an dem Interaktionsprozess zwischen Ratsuchenden und BeraterInnen sowie der Strukturiertheit des Beratenen als Kernkriterium und unterscheidet zwischen informativer Beratung, situativer Beratung und biografieorientierter Beratung.

Informative Beratung

Der/Die Ratsuchende ist in der Lage, sein Beratungsanliegen klar zu benennen. Alle emotionalen, kognitiven und motivationalen Fragen sind bereits vor Beginn der Beratung geklärt.

Situative Beratung

Der/Die Ratsuchende weiß, für welche Lebenssituation er sich durch Weiterbildung eine Veränderung erhofft. In der Beratung muss abgeklärt werden, ob sich die beschriebene Situation über Weiterbildung verändern lässt.

Biografieorientierte Beratung

Der Ratsuchende formuliert in der Regel kein eindeutiges Beratungsanliegen. Er/Sie erhofft sich über Bildung eine Veränderung genereller Lebensprobleme. Bei diesem Beratungsverlauf sind persönliche Lebensprobleme mit Bildungs- und Qualifizierungsproblemen verwoben.

 

Dieser Systematik lässt sich auch auf die österreichische Definition von Bildungsberatung bzw. Information, Beratung und Orientierung (IBOBB) (siehe Definitionen) übertragen.

Beratungsprozess und -setting

Jede Aktivität, die eine Veränderung beinhaltet, ist ein Prozess, so eine allgemeine Definition. Etwas konkreter lässt sich unter einem Beratungsprozess der kontrollierte Einsatz von Mitteln verstehen, mit denen beraterische Effekte erzielt werden sollen (Nußbeck 2006).

Beratungsprozess

Laut Schiersmann/Weber (2013) gliedert sich der Beratungsprozess in verschiedene Phasen, die durch folgende vier Qualitätsmerkmale der Interaktionsbeziehung beschrieben werden können:

  • Beziehungsgestaltung: BeraterInnen und Ratsuchende gestalten gemeinsam eine für den Beratungsgegenstand und den Rahmen der Beratung angemessene Beziehung
  • Klärung des Anliegens und Kontrakt: Klärung der Beratungsanliegen, der Erwartungen an die Beratung und der Motivation für die Beratung
  • Situationsanalyse und Ressourcenklärung: Bestandsaufnahme der Ausgangssituation, Ressourcen und Ziele
  • Erarbeitung von Lösungsperspektiven: gemeinsames Erarbeiten von Lösungsperspektiven unter Motivation und Befähigung des Ratsuchenden aktiv an Lösungen zu arbeiten und selbst die Verantwortung für die erarbeitenden Lösungen zu übernehmen.

Beratungssetting

Unter einem Beratungssetting werden alle kommunikativen Bedingungen einer Beratungssituation verstanden. Dazu zählen unter anderem folgende Kriterien:

  • Einzel- oder Gruppenberatung
  • Beratung im Team oder alleine
  • Dauer und Frequenz von Beratungsgesprächen
  • Beratungsort: die äußere Umgebung, die Räumlichkeiten und die Atmosphäre für Beratungen (eigene Beratungsräumlichkeiten, aufsuchende Settings, IKT-gestützte Beratung mit dem Sonderfall der webbasierten Beratung)

Neben diesen Kriterien der konkreten Ausgestaltung der Beratungssituation können aber noch Faktoren wie die (über-)institutionelle Anbindung der BeraterIn also Faktoren des Systems Organisation oder auch des gesellschaftlichen Kontexts auf das Setting wirken. So kann Zugehörigkeit zu einer bestimmten Trägereinrichtung, die Finanzierung und die Zusammengehörigkeit mit anderen Organisationen (bspw. politisch gesetzte Ziele der Beratungsleistung) oder auch das Weltbild, die Normen und Werte der Einrichtungen und der BeraterInnen selbst Einfluss auf das Beratungssetting nehmen (Nußbeck 2006).

Techniken und Methoden

Viele Techniken und Methoden der Beratung lassen sich bestimmten psychologischen Erklärungsmustern oder den dahinter liegenden Menschenbildern zuordnen. Dennoch finden sich auch einige übergreifende Merkmale von Beratungstechniken, so Susanne Nußbeck (2006):

  • BeraterIn als aktive ZuhörerIn: in einem wohlwollenden und auf Verständnis aufbauendem Setting können die Ratsuchenden ihre Problemsicht darstellen.
  • Techniken der Gesprächsführung – Beratung als explizit sprachlicher Kommunikationsprozess: Gestaltung des Ablaufs des konkreten Interaktionsprozesses, darunter bspw. Fragetechniken und Techniken wie Paraphrasierungen, Spiegeln, Reframing, Visualisieren.
  • Narrative Ansätze: Im Erzählen von Geschichten wird die Sicht auf die Welt und die Bedeutung von Ereignissen deutlich.

 

Des Weiteren zählen u.a. folgende Methoden zum Repertoire der Bildungsberatung:

  • Testungen (Berufsinteressenstest etc.)
  • Kompetenzerfassende Verfahren (u.a. Skill Cards, Kompetenzberatung, Kompetenzenbilanzierung)
  • Etc.
Weitere Informationen

Links

Quellen

  • Dausien, Bettina (2011): "Das beratene Selbst" – Anmerkungen zu Bildungsbiografien im gesellschaftlichen Wandel und Strategien ihrer professionellen Bearbeitung. In: Hammerer, Marika et.al. (Hg.): Zukunftsfeld Bildungs- und Berufsberatung. Neue Entwicklungen aus Wissenschaft und Praxis. Bielefeld.
  • Gieseke, Wiltrud/ Opelt, Karin/Ried, Sabine (1995): Weiterbildungsberatung II. Studienbrief Erwachsenenbildung des Zentrums für Fernstudien und universitäre Weiterbildung. Universität Kaiserslautern.
  • Heilinger, Anneliese (2010): Beratung in Bildungszusammenhängen. Digitales Manual und Arbeitsunterlage. Herausgeber: Die Wiener Volkshochschulen GmbH.
  • Mosberger, Brigtte/Schneeweiß, Sandra/Steiner, Karin (2012): Praxishandbuch. Theorien der Bildungs- und Berufsberatung. Im Auftrag und mit Unterstützung des AMS Österreich. Abt. Arbeitsmarktforschung und Berufsinformation. Wien.
  • Nußbeck, Susanne (2006): Einführung in die Beratungspsychologie. UTB Ernst Reinhardt Verlag. München.
  • Schiersmann, Christiane/Weber, Peter (2013): Beratung in Bildung, Beruf und Beschäftigung. Eckpunkte und Erprobung eines integrierten Qualitätskonzepts. wbv. Bielefeld.
  • Schiersmann, Christiane (2010): Beratung im Kontext lebenslangen Lernens. In: Tippelt, Rudolf /Hippel von, Aiga (Hrsg.): Handbuch der Erwachsenenbildung/Weiterbildung. 4., durchgesehen Auflage. VS Verlag für Sozialwissenschaften. Wiesbaden, S. 747ff.
  • Schlögl, Peter (2012): Verfahren der externen Qualitätssicherung für anbieterneutrale Bildungsberatung in Österreich. Wien. »Link

 

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