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Etablierung und Ausdifferenzierung

Christoph Straka (2017)

Nach Kriegsende lag die Erwachsenenbildungsforschung in Österreich zunächst brach, woran selbst der erste Lehrauftrag für Volksbildung nichts maßgeblich änderte. Erst später begann sich die Erwachsenenbildung zunächst außeruniversitär zu etablieren, ehe sie durch zunehmende Verwissenschaftlichung und Internationalisierung einen tiefgreifenden Prozess der inhaltlichen und methodischen Ausdifferenzierung erfuhr.

 

Schleppende Verwissenschaftlichung nach 1945

Die Verwissenschaftlichung der Erwachsenenbildung gestaltete sich im Vergleich zu Deutschland zeitverzögert. Große Studien zu Beteiligungsstrukturen blieben hierzulande aus, nicht zuletzt weil auch die Etablierung von Lehrstühlen in Österreich nur schleppend vorankam. Den ersten Lehrauftrag für Volksbildung erhielt Josef Lehrl (1884-1957), der als ordentlicher Professor für Pädagogik an der Universität Wien tätig war, im Jahre 1946. Umfassende politische Differenzen manifestierten sich innerhalb der Erwachsenenbildung als Trennung zwischen allgemeinen und berufsbildenden, bzw. ÖVP- und SPÖ-nahen Institutionen. Diese Spaltungen sowie die verhältnismäßig schleichende Entwicklung der Erwachsenenbildung als wissenschaftliche Disziplin begünstigten „ein theorieskeptisches, wenn nicht theoriefeindliches Klima“ (Gruber 2009, S. 4) innerhalb der österreichischen Erwachsenenbildung.

1960er-Jahre

Erst in den 1960er-Jahren kam es zu einer stärkeren wissenschaftlichen Verankerung der Erwachsenenbildungsforschung. Federführend war dabei Aladar Pfniß (1919-1992), der als Vorsitzender des Pädagogischen Ausschusses des Verbandes Österreichischer Volkshochschulen die theoretische Erwachsenbildungsforschung entscheidend forcierte. Pfniß verfolgte eine neuhumanistisch-geisteswissenschaftliche Bildungskonzeption, deren Ziel die geistig-seelische Selbstverwirklichung des bildsamen Individuums darstellte.

 

Die außeruniversitäre Erwachsenenbildungsforschung erhielt im Jahr 1960 mit der Gründung der "Arbeitsstelle für Grundlagenforschung der Erwachsenenbildung" in Salzburg durch den "Ring österreichischer Bildungswerke“ einen wesentlichen Impuls. Drei Jähre später folgte die Umbenennung zum „Institut für Erwachsenenbildung“, das mittlerweile in Wien und St. Pölten beheimatet ist. Zu nennen ist auch die Gründung des Instituts für Höhere Studien (IHS) 1962/63, von dem Beiträge zu unterschiedlichen Themenbereichen der Erwachsenenbildung ausgehen.

 

An die von Ludo Hartmann angeregte empirische Forschung wurde - mit Ausnahme der 1954 durchgeführten Wiener Volksbildungsbefragung - nicht angeschlossen.

1970er-Jahre

In den 1970er-Jahren kam es zur Besetzung des ersten Lehrstuhls für Erwachsenenbildung und außerschulische Erziehung an der Universität Wien durch Herbert Zdarzil (1928-2008), der auf dem Gebiet der pädagogischen Anthropologie Pionierarbeit leistete. 1977 wurde die Erwachsenenbildungsforschung auch erstmals in einem interdisziplinären Symposium thematisiert (vgl. Gattol 1977). Dort konstatierte Zdarzil, dass die Theorie der Erwachsenenbildung vorderhand eine Sammlung von Theorie-Elementen und reflektierten Alltagserfahrungen darstelle. Darüber hinaus beklagte er das weitgehende Fehlen empirischer Untersuchungen zur differenzierten Wirksamkeit verschiedener Methoden in der Erwachsenenbildung. Zuletzt fasste er „fünf Bereiche der aktuellen Erwachsenenbildungsforschung“ zusammen: 1. Einführungen zu generellen Fragen, 2. Geschichte der Erwachsenenbildung, 3. Frage nach den Zielen, Aufgaben und Funktionen der Erwachsenenbildung, 4. Frage nach der Bildungsfähigkeit und -motivation Erwachsener und 5. die Frage nach den Methoden und Möglichkeiten der Erfolgsmessung in der Erwachsenenbildung (vgl. Zdarzil 1977).

 

Die Forschung auf dem Gebiet der beruflichen Bildung wurde 1970 durch die Gründung des Österreichischen Instituts für Berufsbildungsforschung (öibf) institutionalisiert. Zudem gründeten die Wirtschaftskammer Österreich und die Industriellenvereinigung 1975 das Institut für Bildungsforschung für Wirtschaft (ibw).

1980er-Jahre

Als Meilenstein der Erwachsenenbildungsforschung gilt die Schaffung der Lehrstühle für Erwachsenenbildung an den Universitäten Graz (1984) und Klagenfurt (1985). Damit konnte sich eine systematische Verwissenschaftlichung der Erwachsenenbildung entwickeln. Ausdruck dieser Systematisierung waren das „Lehrbuch der Erwachsenenbildung“ (vgl. Lenz 1987) und die zunehmende Pluralisierung der Methoden und Theorien an den beiden Standorten. So konnten sich unterschiedliche Forschungsschwerpunkte, etwa zu Geschlechterfragen, internationaler Erwachsenenbildung oder zur gewerkschaftlichen Bildungsarbeit etablieren.

 

Zur Systematisierung trugen auch die Projektgruppe „Terminologie der Erwachsenenbildung“ im Auftrag der Konferenz der Erwachsenenbildung Österreichs sowie die Gründung der Zeitschrift „Erwachsenenbildung in Österreich“ bei. Diese war bis 1995 ein wichtiges Fachmedium für Theorie- und Praxiskommunikation innerhalb der österreichischen Erwachsenenbildung. Seit 2007 führt das Magazin erwachsenenbildung.at dieses unverzichtbare Erbe weiter.

 

Für die beruflich orientierte Bildungsforschung war unter anderem die Gründung des Instituts für Berufs- und Erwachsenenbildungsforschung an der Johannes Kepler Universität Linz relevant. Informationen zu Teilnehmenden in den Einrichtungen der Konferenz der Erwachsenenbildung Österreichs (KEBÖ) und in den Österreichischen Volkshochschulen liefern die seit 1985 erhobenen und veröffentlichten KEBÖ- und VHS-Statistiken.

Trends seit den 1990er-Jahren

Seit den 1990er-Jahren ist es innerhalb der Erwachsenenbildungsforschung zu einer weiteren Pluralisierung der Themen, Zielgruppen, Bereiche und Theorien gekommen. Gerade was die theoretischen Schwerpunkte betrifft, wurden diese (bis zum heutigen Tag) nicht selten aus der deutschen Theoriediskussion importiert. Auch die internationale Diskussion um das lebenslange Lernen beeinflusste die österreichische Erwachsenenbildungsforschung. Inhaltlich rückten dadurch lerntheoretische Fragestellungen in den Vordergrund. Zudem wurden damit das Selbstverständnis der Erwachsenenbildung und ihr Stellenwert im Bildungssystem vermehrt zur Diskussion gestellt.

 

Finanziell ermöglichten die Förderungen auf EU-Ebene aufwändigere Studien und Projekte sowie umfassende statistische Erhebungen. Zu nennen sind hier beispielsweise die Adult Education Surveys (AES), die in regelmäßigen Abständen die Lernaktivitäten Erwachsener erheben. Außerdem liegen durch die Teilnahme Österreichs am „Programme for the International Assessment of Adult Competencies" (PIAAC) der OECD Daten zu den Schlüsselkompetenzen Erwachsener vor. Und schließlich wurde durch die internationale Diskussion die Grenze zwischen bildungspolitischen Handlungsanleitungen und wissenschaftlichen Analysen mit teils diffuser Begriffsverwendung zunehmend verwischt (vgl. Rothe 2011). Diese Entwicklung ist vor einem größeren Zusammenhang zu verstehen, wird der Erwachsenenbildung doch seit den 1990er-Jahren vermehrt die Aufgabe zugetragen, soziale und ökonomische Problemlagen mindern oder gar lösen zu können.

 

In den 1990er-Jahren stieg die Zahl der Personen, die in der universitären und außeruniversitären Erwachsenenbildungsforschung tätig sind. Dies ließ eine – wenn auch überschaubare – Forschungsgemeinschaft entstehen, die durch einen engen Austausch zwischen Wissenschaft und Praxis gekennzeichnet ist. Mit der Vervielfältigung der erwachsenenbildnerischen Themen ging auch eine Erweiterung der „klassischen“ außeruniversitären Forschungseinrichtungen (ibw, öibf, IHS, ÖIEB) um neue, überwiegend anwendungsorientierte AnbieterInnen einher.

Weitere Informationen

Literatur

  • Gattol, Ernst (1977): Forschung, Literatur und Dokumentation in der Erwachsenenbildung. In: Erwachsenenbildung in Österreich. Vierteljahreschrift für Theorie und Praxis. Jg. 28. H. 5, S. 238-253.
  • Gruber, Elke (2009): Auf der Spur... . Zur Entwicklung von Theorie, Forschung und Wissenschaft in der österreichischen Erwachsenenbildung/Weiterbildung. In: MAGAZIN erwachsenenbildung.at. Das Fachmedium für Forschung, Praxis und Diskurs. Ausgabe 7/8, 2009. Wien.
    »Link.
  • Lenz, Werner (1987): Lehrbuch der Erwachsenenbildung. Stuttgart: Kohlhammer.
  • Rothe, Daniela (2011): Lebenslanges Lernen als Programm. Eine diskursive Formation in der Erwachsenenbildung. Frankfurt a.M.: Campus Verlag.
  • Zdarzil, Herbert (1968): Erwachsenenbildung und Gesellschaft. In: Brodil, Alfred (Hrsg.): Horizonte der österreichischen Erwachsenenbildung. Wien: Verlag „Neue Volksbildung“, S. 120-133.
  • Zdarzil, Herbert (1977): Theorie und Forschung in der Erwachsenenbildung. In: Erwachsenenbildung in Österreich. Vierteljahreschrift für Theorie und Praxis. Jg. 28. H. 5, S. 225-238.

Zitierhinweis: Dossier "Wissenschaft und Forschung in der Erwachsenenbildung", Text CC BY 4.0 Daniela Holzer, Karin Gugitscher und Christoph Straka (2017), auf www.erwachsenenbildung.at

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