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Nationale bildungspolitische Entwicklungen im Bereich Basisbildung

Monika Kastner (2013), aktualisiert 2015

Die Notwendigkeit von Alphabetisierungs- und Basisbildungsangeboten musste zuerst in einem "bottom-up-Prozess" gesellschaftlich und damit bildungspolitisch enttabuisiert werden. Dazu bedurfte es engagierter Einzelpersonen. Gleichzeitig mussten entsprechende Fördermöglichkeiten eröffnet werden, damit Angebote entwickelt und umgesetzt werden konnten. Der folgende Rückblick informiert über diese Entwicklungen und schließlich wird die aktuelle Situation im Bereich Alphabetisierung/Basisbildung dargestellt.

 

Projektförderungen im Bereich Alphabetisierung/Basisbildung

 

Die Anfänge: "bottom-up"

Die ersten Kurse für Personen mit Deutsch als Erstsprache wurden 1990 an der Volkshochschule Wien-Floridsdorf vorbereitet und starteten 1991. Die Förderung erfolgte bis 1995 durch das damalige Unterrichtsministerium (Doberer-Bey 2012). Die beiden Initiatorinnen Elisabeth Brugger und Antje Doberer-Bey mussten Überzeugungsarbeit leisten, um überhaupt eine Förderung zu erwirken. Nach dem Ende der Förderung 1995 wurden die Kurse von der VHS Wien-Floridsdorf selbst im Programmbereich Zweiter Bildungsweg finanziert. 1995 stellt mit dem Beitritt Österreichs zur EU eine bedeutsame Zäsur dar, denn Beteiligungen an EU-finanzierten Projekten wurden möglich. Antje Doberer-Bey (2012) führt zwei SOKRATES-Projekte an: "Basic Skills" (1997-1999) zum Einsatz von Neuen Medien und "ASSET" (2003-2006) zur Professionalisierung. Dem Pilotprojekt an der VHS Wien-Floridsdorf folgten Initiativen der VHS in Linz (1995), der ISOP in Graz (1998) und dem abc in Salzburg (1999). Deren Förderungen speisten sich aus unterschiedlichen Geldern, teils national (Länder, Gemeinde, auch arbeitsmarktpolitische Mittel), teils EU-Gelder/ESF (Doberer-Bey 2012). Die in den genannten Einrichtungen engagierten Einzelpersonen waren es auch, die sich um eine österreichweite Vernetzung bemühten: Brigitte Bauer (abc Salzburg), Antje Doberer-Bey (VHS Floridsdorf), Leander Duschl, Sonja Muckenhuber (beide VHS Linz) und Otto Rath (ISOP). Diese Gruppe gründete 2003 das Netzwerk zur Basisbildung und Alphabetisierung.


Alphabetisierungs-/Basisbildungskurse für Personen mit anderen Erstsprachen/Migrationshintergrund wurden, nachdem der Bedarf in Deutschkursen für MigrantInnen "entdeckt" wurde, aus der Praxis heraus entwickelt. Es gab Angebote von kleinen Vereinen bereits in den 1980er Jahren; federführend ist hier Monika Ritter, zuerst am bfi Wien, später an der VHS Ottakring, gewesen. Weitere Anbieter folgten, beispielsweise Danaida und ISOP in Graz sowie maiz in Linz. Die Vernetzung von Einrichtungen über das Netzwerk "MIKA - Migration - Kompetenz - Alphabetisierung" besteht seit 2008 und ist ESF-finanziert.

 

ESF - Europäischer Sozialfonds (2000-2006, 2007-2013 und 2014-2020)

Der ESF steht seit mehr als 50 Jahren für Beschäftigung, aktive Arbeitsmarktpolitik und den Kampf gegen Diskriminierungen jeglicher Art auf dem Arbeitsmarkt. Im Förderschwerpunkt Lebensbegleitendes Lernen/Erwachsenenbildung sind u.a. folgende Zielgruppen genannt: niedrigqualifizierte Personen, Personen mit nicht abgeschlossener Berufsausbildung bzw. mangelhafter Basisbildung. In der Programmperiode 2000-2006 hat sich die Abteilung Erwachsenenbildung im BMUKK erstmals an diesem Förderschwerpunkt beteiligt und Projekte national ko-finanziert. Projekte gab es beispielsweise zum Nachholen des Hauptschulabschlusses sowie zur Basisbildung, auch die Entwicklung des Lehrganges "Alphabetisierung und Basisbildung" (am bifeb) war ESF-finanziert (Bundesministerium für Unterricht, Kunst und Kultur 2009).

 

Zur ESF-Programmperiode 2007-2013 liegen für Maßnahmen im Bereich der Erwachsenenbildung umfangreiche Evaluierungen durch das Institut für Höhere Studien (IHS) vor: Zwischenbericht 2010, Halbzeitbewertung 2011, Zwischenbericht 2012, Endbericht 2014 und Synthesebericht 2015.

 

 

 

Initiative Erwachsenenbildung 2012-2014 und 2015-2017

Die Initiative Erwachsenenbildung fördert grundlegende Bildungsabschlüsse für Erwachsene inklusive Basisbildung/Grundkompetenzen. Das Förderprogramm der Initiative Erwachsenenbildung basiert auf einer Bund-Länder-Vereinbarung gemäß Art. 15a B-VG. In Hinblick auf die Zielgruppe sind Bund und Länder übereingekommen, dass im Bereich Basisbildung/Grundkompetenzen "auf Personen mit Migrationshintergrund zwar besondere Rücksicht genommen werden muss, dass die Frage der Grundbildung aber nicht auf Migrant/inn/en mit geringer Erstausbildung eingeschränkt werden darf. Für die bildungspolitische Gesamtargumentation bedeutet bereits dieser Konsens einen wichtigen Erfolg." (Doberer-Bey/Netzer 2012). Im Programmplanungsdokument werden folgerichtig drei Zielgruppen für den Bereich Basisbildung/Grundkompetenzen genannt:

 

  • Personen mit Erstsprache Deutsch, welche die Schulpflicht erfüllt, aber keinen positiven Pflichtschulabschluss erreicht und Defizite in den Grundkompetenzen haben
  • Personen mit positivem Pflichtschulabschluss, die dennoch entsprechende Defizite aufweisen
  • Personen mit Migrationshintergrund und mangelnden Basis- und Grundkompetenzen

 

Die Fortsetzung der Initiative Erwachsenenbildung mit der zweiten Förderperiode ist ein weiterer wichtiger Meilenstein; diese Initiative wird mittlerweile außerhalb von Österreich als Vorzeigemodell wahrgenommen.


Im europäischen bzw. internationalen Vergleich sind drei Entwicklungsfelder für die österreichische Alphabetisierung/Basisbildung auszumachen: Der Einsatz von neuen Technologien müsste intensiviert werden, arbeitsplatznahe Angebote müssten entwickelt werden und die Öffentlichkeitsarbeit wäre auszubauen. (siehe Artikel vom 29.07.2015)

 

 

Netzwerk MIKA - Migration - Kompetenz - Anerkennung (MIKAI 2008-2011, MIKAII 2011-2013 und MIKAprof 2015-2018)

Alphabetisierung/Basisbildung für MigrantInnen bzw. Personen mit anderen Erstsprachen wurde ab den 1980er Jahren von Einrichtungen in Form von Kursangeboten entwickelt. Seit 2008 beteiligen sich die maßgeblichen Einrichtungen im ESF-geförderten Netzwerk MIKA und bearbeiten folgende Zielsetzungen: Aus- und Weiterbildung von Unterrichtenden für die Arbeit im Bereich der Alphabetisierung/Basisbildung mit MigrantInnen, Entwicklung und Sammlung von Materialien für den kombinierten Unterricht Basisbildung und Deutsch als Zweitsprache sowie Entwicklung von Verfahren zur Kompetenzfeststellung und -dokumentation.

 

 

Das Projekt "In.Bewegung", finanziert durch die Gemeinschaftsinitiative EQUAL (2005-2007), wurde von den AkteurInnen des Netzwerks zur Basisbildung und Alphabetisierung ins Leben gerufen. Danach wurden die Folgeprojekte "In.Bewegung II (von 2007-2010), "In.Bewegung III" (von 2010-2012) und "In.Bewegung IV" (2012-2014) über ESF-Gelder und Mittel des BMUKK finanziert. Die Produkte von "In.Bewegung I bis III" finden sich auf der Homepage des Projektes "Zentrale Beratungsstelle". Die Produkte des laufenden Projektes "In.Bewegung IV" finden sich auf der Homepage des Projektes "In.Bewegung". Wichtige Errungenschaften von "In.Bewegung" sind die kostenlose Info-Hotline "Alfa-Telefon" als zentrale Anlauf- und Beratungsstelle (seit 2006), die nachhaltige Vernetzung, Professionalisierung, Qualitätsentwicklung (Standards) sowie fortlaufende Angebotsentwicklung.

 

 

 

"Projektverbund West" (2007-2010)

In diesem Projekt kooperierten die Volkshochschulen Tirol, Salzburg, Götzis, Bregenz und Dornbirn sowie das abc Salzburg, und wurden dabei vom öibf, dem Österreichischen Institut für Berufsbildungsforschung begleitet. Ziele des Projektes sind folgende gewesen: Senkung des Anteils an Personen mit geringer Basisqualifikationen (Schreiben, Lesen, Rechnen, EDV), Höherqualifizierung von niedrig qualifizierten Jugendlichen und Erwachsenen, Verbesserung der Durchlässigkeit im Bildungssystem sowie bessere Dokumentation von Wissen und Fertigkeiten zur Steigerung der Chancen auf dem Arbeitsmarkt.

 

Bildungspolitische Steuerung: "Top-down"

Die Initiativen im Bereich Alphabetisierung/Basisbildung erfolgten in einem "bottom-up-Prozess" durch engagierte Einrichtungen und Personen. Seit 2005 werden EU-geförderte Projekte im Bereich Alphabetisierung/Basisbildung mit nationalen Geldern ko-finanziert. Die Abteilung Erwachsenenbildung im Ministerium für Unterricht, Kunst und Kultur war und ist hier maßgeblich engagiert. Die europäischen bildungspolitischen Initiativen (beginnend mit dem Memorandum über Lebenslanges Lernen 2000) haben die Ausgestaltung der nationalen Bildungspolitik maßgeblich beeinflusst. Das Thema ist vergleichsweise spät in der österreichischen Bildungspolitik angekommen. Großbritannien hat beispielsweise bereits zu Beginn der 1970er Jahre die Alphabetisierungskampagne "The Right to Read" gestartet und 1975 wurde eine zentrale Agentur für Erwachsenenalphabetisierung eingerichtet (Hamilton 2000).

Regierungsprogramm 2008-2013

Mit diesem Regierungsprogramm wurde das Thema der Alphabetisierung und Basisbildung Erwachsener auf eine prominente Agenda gesetzt. Im Abschnitt zur Erwachsenenbildung ist festgehalten: "Lebensbegleitendes Lernen ist eine Chance zur Entwicklung der Persönlichkeit, der Gesellschaft und der Wirtschaft. Ausreichende Angebote für den Erwerb von Basisbildung, insbesondere auch für Menschen mit Migrationshintergrund, sind dafür eine wesentliche Voraussetzung." Daran anschließend wird das kostenfreie Nachholen von Bildungsabschlüssen als weitere Zieldimension hervorgehoben.

 

LLL:2020 - Strategie zum lebensbegleitenden Lernen in Österreich

Diese Strategie wird von vier Ministerien - Unterricht, Kunst und Kultur; Wissenschaft und Forschung; Arbeit, Soziales und Konsumentenschutz; Wirtschaft, Familie und Jugend - getragen. Zehn Aktionsleitlinien sollen bis 2020 zur konkreten Zielerreichung beitragen. Die zweite Leitlinie heißt: "Grundbildung und Chancengerechtigkeit im Schul- und Erstausbildungswesen" und thematisiert damit Aspekte der Prävention. Die dritte Leitlinie bezieht sich auf das kostenlose Nachholen von grundlegenden Abschlüssen und die Sicherstellung der Grundkompetenzen im Erwachsenenalter und hat damit einen kompensatorischen Charakter. Für die Umsetzung der Strategie ist die Erhöhung der öffentlichen Ausgaben für Bildung von 5,4 Prozent des BIP im Jahr 2007 auf 6 Prozent im Jahr 2020 vorgesehen.

 

Weitere Informationen

Links

Quellen

  • Doberer-Bey, Antje (2012): Literalität und Alphabetisierung in Gesellschaften mit entwickelter Informations- und Kommunikationstechnologie. Der Zugang zu Wissen in Abhängigkeit von Sprachentwicklung und Schriftspracherwerb. Eine qualitative Untersuchung am Beispiel von TeilnehmerInnen der Basisbildungskurse in Wien. Dissertation: Universität Wien.
  • Doberer-Bey, Antje/Netzer, Martin (2012): Alphabetisierung und Basisbildung in Österreich. In: REPORT Zeitschrift für Weiterbildungsforschung, 1/2012 Lernen in der Alphabetisierung/Grundbildung, S. 45-54. »Link
  • Bundesministerium für Unterricht, Kunst und Kultur (Hg.) (2009): ESF - Ziel 3. Programmperiode 2000-2006. Schwerpunkt "Lebensbegleitendes Lernen, Bereich Erwachsenenbildung". Projektberichte (Materialien zur Erwachsenenbildung Nr.3/2009). Wien. »Link
  • Hamilton, Mary (2000): Erwachsenenalphabetisierung in England. In: ALFA-FORUM. Zeitschrift für Alphabetisierung und Grundbildung. H. 43, S. 19-22.
  • Republik Österreich (2011): Strategie zum lebensbegleitenden Lernen in Österreich (LLL:2020). »Link
  • Steiner, Mario/Pessl, Gabriele/Wagner, Elfriede/Plate, Marc (2010): ESF Beschäftigung Österreich 2007-2013. Bereich Erwachsenenbildung. Zwischenbericht 2010. Evaluierung im Auftrag des BMUKK. »Link
  • Steiner, Mario/Pessl, Gabriele/Wagner, Elfriede (2011): ESF Beschäftigung Österreich 2007-2013. Bereich Erwachsenenbildung. Halbzeitbewertung 2011. Evaluierung im Auftrag des BMUKK. Unter Mitarbeit von Marc Plate. »Link
  • Steiner, Mario/Pessl, Gabriele/Wagner, Elfriede/Karaszek, Johannes (2013): ESF Beschäftigung Österreich 2007-2013. Bereich Erwachsenenbildung. Zwischenbericht 2012. Evaluierung im Auftrag des BMUKK. »Link

 

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