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Künstliche Intelligenz in der Bildung – wo stehen wir?

15.11.2022, Text: Mario Friedwagner, bifeb, Redaktion: Karin Kulmer, Redaktion/CONEDU
KI und Alltag, Bildung, Demokratie: Eine Tagung am Bundesinstitut für Erwachsenenbildung beleuchtete Anfang November unterschiedliche Aspekte des Themas.
  • Darstellung eines Menschen mit Buch und eines Roboters Grafik: Alle Rechte vorbehalten, David Röthler mittels openai.com, https://bifeb.at
    Bereits heute sind viele KI-Anwendungen Realität, wie z.B. die automatische Bildgenerierung. Auch dieses Bild zur Veranstaltungs-Ankündigung wurde mit Hilfe einer KI erstellt.
Im Rahmen der Online-Tagung untersuchten die Referent*innen die Chancen und Möglichkeiten künstlicher Intelligenz (KI) für die Erwachsenenbildung, stellten neue Anwendungen und Tools vor und warfen gemeinsam mit den Teilnehmenden einen kritischen Blick auf die Herausforderungen und Risiken. Insgesamt sechs Fokus-Sessions widmeten sich unterschiedlichen Schwerpunkten – von Definitionen über Alltagsbeispiele bis hin zur Frage, was KI für die Demokratie bedeutet.

Fokus 01: Was Künstliche Intelligenz (nicht) ist

„KI ist keine Sache der Zukunft, sondern eine des täglichen Gebrauchs“ – Birgit Aschemann (CONEDU) gab einen ersten Überblick über den Begriff der Künstlichen Intelligenz und seine verschiedenen Ausprägungen. So kann „schwache KI“ Probleme in einem bestimmten, abgegrenzten Bereich lösen, während „starke KI“ selbstständig Schlüsse zieht und „selbst denkt“. Der Turing-Test überprüft seit 1950, ob eine Maschine tatsächlich so agiert, wie es ein Mensch tun würde. Dies gelingt jedoch bisher erst in abgegrenzten Bereichen – etwa bei automatischen Terminvereinbarungen oder dem Verfassen von Texten.

 

Damit maschinelles Lernen möglich ist, sind Daten als Grundlage erforderlich. Diese werden z.B. aus dem Verhalten der Internetnutzer*innen gewonnen. Dabei gilt: Ein Algorithmus ist nur so gut wie der Datensatz, mit dem er trainiert wurde. Vorurteile oder Einschränkungen in der Stichprobe (z.B. ein Datensatz, der wenig junge Menschen enthält) können den Algorithmus entsprechend beeinflussen.

 

Den Abschluss der Session bildeten Beispiele von KI im Bereich der Bilderkennung, der Spracherkennung, der Mustererkennung und der Prozessoptimierung. Nicht unerwähnt blieben auch die Schattenseiten von KI – Stichwort Social Credit System in China. In Europa schlägt ein Entwurf für eine EU-Verordnung vor, dass „risikoarme“ KI-Anwendungen wie z.B. Suchalgorithmen unreguliert bleiben, während „risikoreiche“ KI-Systeme ein Risikomanagement-System entwickeln müssen. Gesichtserkennung, Social Scoring und Überwachung durch KI sind in Europa bereits streng reglementiert bzw. untersagt.

Fokus 02: Künstliche Intelligenz im Alltag

David Röthler (MiLeNu) stellte unterschiedliche KI-Anwendungen vor und illustrierte deren Möglichkeiten anhand praktischer Demo-Beispiele. So zeigte er anhand der „Sprache zu Text“-Funktion in Zoom, wie eine Echtzeit-Transkription sowie eine Übersetzung in andere Sprachen bewerkstelligt werden kann. Andere Möglichkeiten dafür sind z.B. Speechtexter oder die Google-Translate-Sprachübersetzung. Das automatische Übersetzen von Texten ist z.B. mit L möglich; OpenAI kann Interviewfragen generieren oder eine Struktur für einen Aufsatz erstellen. Im Bereich der Bildbearbeitung gibt es schon zahlreiche Möglichkeiten zum Freistellen, Kolorieren oder Generieren von Fotos.

Fokus 03: Künstliche Intelligenz in der Bildung

Die Session von Birgit Aschemann fokussierte speziell den Bildungsbereich. KI kann dort unspezifisch (z.B. Spracherkennung, Übersetzungssoftware) oder spezifisch (z.B. Game Based Learning, Learning Analytics) zum Einsatz kommen. Weitere Beispiele sind intelligente Empfehlungssysteme, wie sie z.B. in den EULE-Lernpfaden implementiert wurden. Augmented Reality und Wearables, d.h. am Körper getragene Sensoren, werden z.B. in der Weiterbildung im medizinischen oder Luftfahrt-Bereich verwendet. Adaptive Lernsoftware wie z.B. „Alta“ von Knewton passt sich den Lernenden an und kann eigenständig Lernabschnitte auswählen oder ergänzende Materialien anbieten, um den Lernerfolg zu erhöhen.

 

Nach einem Vorschlag der deutschen Professorin Gesche Joost sollten Bedingungen für KI in der Erwachsenenbildung formuliert werden. Dazu gehört der Grundsatz der Transparenz, so dass der Einsatz von KI für die Nutzer*innen erkennbar ist. KI sollte den Schwächeren in der Gesellschaft keinen Nachteil verschaffen und nicht ausschließlich nach Effizienz-Kriterien eingesetzt werden.

Fokus 04: Chatbots und intelligente Coaches in der Erwachsenenbildung

Im Zentrum des Beitrags von Cäcilie Kowald von der time4you GmbH stand das Thema Chatbots – textbasierte Dialogsysteme, die das Chatten mit einem technischen System erlauben. Als „Conversational Interface“ wird dabei die sprachbasierte Benutzeroberfläche bezeichnet, als „Conversational User Experience“ die Simulation eines „menschenähnlichen“ Gesprächs.

 

Kowald unterscheidet verschiedene Typen von Bots, je nachdem, ob es um ein Gespräch (Smalltalk), eine Aufgabe (z.B. Buchen oder Bestellen) oder eine Auskunft (z.B. FAQ oder Support) geht. Für Bildung und Beratung sind „hybride“ Designs zwischen Smalltalk und Auskunft/Aufgabe erforderlich.

 

Was macht einen guten Chatbot aus? Dazu gehören der Referentin zufolge vier Aspekte: dessen Nützlichkeit (z.B. Problemlösungskompetenz und Zuverlässigkeit), adäquate Interaktion (zielführend, adaptiv und transparent), die sprachliche Qualität (korrekt, konsistent und leicht verständlich) und die hedonische Qualität (z.B. spielerische Elemente und Unterhaltungswert). Entscheidend für einen guten Lernbot sei letztlich, dass die unterschiedlichen Aspekte gut zusammenwirken, so Kowald. Bei der Entwicklung eines Bots gelte es, sprachliche und auch technische Fragen zu berücksichtigen, um einen lustvollen und effizienten Austausch mit den Lernenden zu gewährleisten.

Fokus 05: Künstliche Intelligenz und Demokratie

Die Session des Informatikers und Mathematikers Aaron Kaplan widmete sich der Frage, welche Auswirkungen KI auf Bildung und Demokratie haben. Aus seiner Sicht handelt es sich bei KI lediglich um einen Spiegel unserer Intelligenz. KI sei demzufolge nicht per se intelligent.

 

Kaplan zeigte auch, dass KI-Systeme Gefahr laufen, statistische Schieflagen und Vorurteile zu übernehmen: „Das KI-Modell lernt den Bias, den wir ihm vorsetzen“. Außerdem würden Menschen zunehmend Gefahr laufen, die Kontrolle über ihre Daten zu verlieren und damit in ihren Bedürfnissen und Handlungen vollkommen vorhersehbar zu werden. Dies könne auch zu Gefahren für die Demokratie führen, beispielsweise indem das Wahlverhalten der Menschen beeinflusst wird.

 

Als Reaktion auf diese Entwicklungen sprach sich Kaplan für die Förderung von Kreativität als einen wesentlichen Motor von Bildungs- und Lernprozessen aus und warnte davor, durch den Einsatz von KI im Bildungsbereich in Echokammern zu landen. „Wir müssen raus aus den standardisierten Lernumgebungen“, so sein Fazit.

Fokus 06: Vom Werkzeug zum digitalen Bewusstsein

Am Ende der Tagung warf der Psychologe und Digitalisierungsberater Harald Russegger einen Blick in die Zukunft und verortete das Thema Künstliche Intelligenz im Spannungsfeld von Utopie und Dystopie. Wie wir künftig zusammenleben und wie das Verhältnis von Mensch und Maschine ausgestaltet wird, dafür werden schon jetzt die Weichen gestellt.

 

Ebenso wie zuvor Aaron Kaplan sprach sich auch Russegger dafür aus, die Beantwortung wesentlicher Fragen nicht nur großen Konzernen und Lobbys zu überlassen. Für eine tiefergehende Auseinandersetzung mit dem Thema schlug er eine Reihe von TV-Serien und Buchtiteln vor. Sein Fazit: So sehr Facetten von KI wie z.B. Transhumanismus oder Roboter-Ethik als Themen der Zukunft verhandelt werden, „der Pfad der Ethik künstlich intelligenter Systeme beginnt schon heute.“

Creative Commons License Dieser Text ist unter CC BY 4.0 International lizenziert.
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