Verzicht oder „grünes“ Wachstum? Wirtschaftsbildung als Herausforderung
Für eine gesellschaftliche Entwicklung in Richtung Nachhaltigkeit müssen ökologische, soziale und ökonomische Dimensionen gemeinsam betrachtet werden. Erwachsenenbildner*innen, die Klimaschutz vermitteln, wissen, dass diese drei Dimensionen zusammenhängen.
Im medialen Alltag gibt es zur ökonomischen Dimension allerdings widersprüchliche Informationen: Braucht es „grünes Wachstum“, damit wir unseren Wohlstand erhalten? Ist „Verzicht“ der einzige Weg in eine nachhaltige Zukunft? Oder gibt es eine Alternative jenseits dieser Positionen?
Die Ich tu`s Bildungspartner*innen zu Klimaschutz in der Erwachsenenbildung haben zu diesen Fragen den Nachhaltigkeitsforscher Andreas Exner vom RCE Graz-Styria, dem Zentrum für nachhaltige Gesellschaftstransformation der Universität Graz, eingeladen. Der Workshop zielte darauf ab, den Teilnehmenden eine fundierte Meinungsbildung zu ökonomischen Aspekten ökologischer Nachhaltigkeit zu ermöglichen. Dafür wurde gemeinsam mit dem Experten das Wissen der Teilnehmenden systematisiert.
Breite und Vielfalt des Themas als Herausforderung
Das Vorwissen und die Interessen der teilnehmenden Erwachsenenbildner*innen waren stark mit ihrer beruflichen Tätigkeit verknüpft und zeigten die Breite und Vielfalt des Themas auf: Während beispielsweise ein*e Teilnehmer*in, die Einrichtungen der Erwachsenenbildung zur Klimaneutralität ihres Standorts berät, Fragen zum EU-Lieferkettengesetz, zu Green Finance und Erfahrungen mit Fair-Trade-Zertifizierungen eingebracht hat, hat eine andere Person, die sich im Arbeitskreis Nachhaltiges Wirtschaften an der WKO Steiermark engagiert, Themen wie Green Economy und Corporate Social Responsibility (CSR) zur Diskussion gestellt. Eine weitere Ich tu`s Bildungspartnerin aus einer regionalen südoststeirischen Initiative hat Fragen zu Kreislaufwirtschaft und biologischer Landwirtschaft formuliert, eine Trainerin für Klimapsychologie erkundigte sich nach Perspektiven des Postwachstums und der Gemeinwohlökonomie und deren mögliche gesellschaftliche Auswirkungen.
Bei all den spezifischen Fragestellungen gab es zwei grundlegende Themen, die alle Teilnehmer*innen interessierten: Soll und kann das bestehende Wirtschaftssystem „grüner“ gemacht oder muss ein neues ökonomisches System entwickelt werden? Und: Wie können Fragen in Bildungsformaten behandelt werden, zu denen es widersprüchliche mediale und politische Einschätzungen gibt?

Das Vorwissen der Teilnehmer*innen zeigte die Breite und Vielfalt des Themas auf. (Foto: Alle Rechte vorbehalten, Widmann, auf erwachsenenbildung.at)
Klimabildung: inhaltliche Widersprüche sichtbar machen und bewusst Haltung einnehmen
Die Teilnehmer*innen haben diskutiert, wie man das Thema im Lehr-/Lernsetting bearbeiten kann:
Bereits in der Vorbereitung eines entsprechenden Settings könne durch die fachliche Begleitung eines Nachhaltigkeitsforschers ökonomische Konzepte in Bezug auf Nachhaltigkeit und Klimaschutz eingeordnet werden: Modelle wie „Corporate Social Responsibility“ (CSR), Permakultur und solidarische Landwirtschaft, Kreislaufwirtschaft („cradle to cradle“) oder „Green Economy“ zielen z.B. darauf ab, das bestehende Wirtschaftssystem ökologisch nachhaltiger zu machen. Auf der anderen Seite verweisen Konzepte wie „Degrowth“ bzw. die „Postwachstumsökonomie“ oder das „Donut-Modell“ auf Strategien, das bestehende Wirtschaftssystem insgesamt zu verändern. Weniger weitreichende Konzepte spielen z.T. auch in Strategien einer ganzheitlichen ökonomischen Transformation eine wichtige Rolle, v.a. was ökologische Produktionsmethoden angeht. Hierbei sei schon in der Vorbereitung entscheidend, die fachliche Diskussion abzubilden und Pro- wie Kontra-Argumente zu beleuchten. Trainer*innen müssen überlegen, wie sie Widersprüche zwischen verschiedenen Konzepten sichtbar machen können, so ein Ergebnis aus der Veranstaltung.
Darüber hinaus brauche es eine gute Reflexion und ein Bewusstsein für die eigene Haltung und Position zum Thema, so ein weiteres Workshopergebnis. Denn eine starke (und unbewusste) Positionierung der Wissenschaft vermittelnden Person wäre kontraproduktiv. Zugleich sollten nach dem Stand der Forschung gut abgesicherte Ergebnisse auch als solche dargestellt und erläutert werden. Hier könne es auch helfen, wenn Forschungsbefunde von Fachexpert*innen präsentiert werden.
Erwachsenenbildung an der Schnittstelle zur kritischen Medienkompetenz
Zudem sei es hilfreich, Teilnehmende dabei zu unterstützen, unterschiedliche Einschätzungen kritisch zu betrachten und die Hintergründe und Motivlagen derjenigen zu verstehen, die einzelne Positionen vertreten, so ein weiteres Workshop-Ergebnis. Damit werden Teilnehmende begleitet, Alternativen zu gewohnten Modellen zu denken, ohne dass Expert*innen eine bestimmte Perspektive vorgeben oder forcieren. So könne man beispielsweise darauf hinweisen, dass in den Wirtschaftswissenschaften kaum alternative Ansätze erforscht und vermittelt werden (siehe Beitrag ORF Science), was mit der Dominanz von bestimmten ökonomischen Paradigmen zu tun habe. Damit bringen Erwachsenenbildner*innen kritische Medienkompetenz mit in den Diskurs ein und leiten die Teilnehmenden an, die Produktion und Verbreitung von wissenschaftlichem Wissen zu verstehen und sich ein differenziertes Bild von Studienergebnissen machen zu können.
Erwachsenenbildung könne folglich dazu beitragen, widersprüchliche Fachinformationen kritisch zu prüfen, zu systematisieren und zukunftsorientierte Handlungsfähigkeit zu stärken. Erwachsenenbildner*innen seien demnach gefordert, wissenschaftliche Erkenntnisse zu rezipieren und anzuwenden, gleichzeitig aber auch mögliche Schieflagen in der Forschung kritisch wahrzunehmen und verfügbares Wissen aus anderen Disziplinen aktiv einzubeziehen, um eine Bandbreite wissenschaftlich argumentierbarer Ansätze darzustellen.
Wirtschaft, Klimaschutz und Erwachsenenbildung zusammenbringen
Ein diesbezügliches Learning des „Ich-tu`s-Bildungspartner*innen“-Workshops war das Erleben der inter- und transdisziplinären Zusammenarbeit von Wissenschaft und Erwachsenenbildungspraxis. Während didaktische Fragen im Workshop durch die Begleitung von Erwachsenenbildnerin Andrea Widmann bearbeitet wurden, übernahm der Nachhaltigkeitsforscher Andreas Exner die Rolle des fachlichen Lernbegleiters. Es zeigte sich, dass durch die transdisziplinäre Kooperation selbständige Lernprozesse und gemeinsame Meinungsbildung unterstützt und eine kritische Auseinandersetzung angeregt werden kann.
Über die Autor*innen: Andreas Exner ist Wissenschaftler im RCE Graz-Styria, dem Zentrum für nachhaltige Gesellschaftstransformation der Universität Graz. Er forscht zu wirtschaftlichen Strukturen und Prozessen, die soziale oder ökologische Ziele priorisieren und partizipativ organisiert sind. Andrea Widmann arbeitet im Projekt Klimaschutz in Training und Beratung im Auftrag von Ecoversum. Das Projekt wurde 2021 mit einem nationalen Bildungsaward ausgezeichnet.
Serie und Dossier zu Klimaschutz und Nachhaltigkeit
Hochwasser, Waldbrände, Hungersnot – Expert*innen der Klimaforschung warnen vor den Folgen extremer Wettereignisse durch den Klimawandel. Verschiedene politische Strategien wie etwa der UN-Aktionsplan Agenda 2030 versuchen, dieser Herausforderung zu begegnen. Dabei sehen sie auch Bildungsinstitutionen gefordert, Aufklärungsarbeit zu leisten, Diskurse zu ermöglichen und „grüne“ Kompetenzen zu fördern. Wo setzt hier die Erwachsenenbildung an? In der Serie „Klima- und Umweltschutzbildung“ versammeln wir Beiträge, die sich dieser Frage widmen und Antworten geben.
Was können wir in der Erwachsenenbildung in unserem eigenen Wirkungsbereich noch für den Klimaschutz tun? Tipps und Hintergründe rund um Klimaschutz in der Erwachsenenbildung – unter dem Dach der Nachhaltigkeitsperspektive – finden Sie in unserem Dossier „Klimaschutz und Nachhaltigkeit in der Erwachsenenbildung“!
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