Magazin erwachsenenbildung.at über Teilnehmendenorientierung erschienen
In der Schulbildung sprechen wir bis heute vom "Bildungskanon" als den zu vermittelnden "must knows" einer Gesellschaft. Doch in der Erwachsenenbildung haben wir spätestens seit 1980 einen Dreh- und Angelpunkt in der Orientierung an den Teilnehmenden gefunden - im noch ungegenderten Sprachgebrauch als "Teilnehmerorientierung" bekanntgeworden. Sach- und Fachorientierung, so der Anspruch, sollen sich an Lernenden ausrichten – und nicht umgekehrt. Bei Herrn B. bedeutet das, schlechte Lernerfahrungen aus der Schulzeit zu reflektieren, und das Üben auf die Anforderungen der neuen Stelle zu beziehen.
Generationen von Trainer*innen und Programmplaner*innen haben sich dem Ziel verschrieben, von lernenden Menschen wie Herrn B. auszugehen, relevante Lernerfahrungen zu ermöglichen und damit professionelles Vorgehen zu begründen. Doch wie steht es mehr als 40 Jahre nach der breitenwirksamen Einführung des Paradigmas "Teilnehmerorientierung" durch den Bildungsforscher Hans Tietgens und seine Kollegen um dessen Aktualität? Dieser Frage geht die aktuelle Ausgabe des Magazin erwachsenenbildung.at nach, die als fünfzigste ihrer Art zugleich ein Jubiläum markiert.
Hier ein Einblick in die Ausgabe:
Herausforderung Vielfalt
Der deutsche Botschafter für Alphabetisierung, Peter Hubertus, beschreibt anhand seiner mehr als dreißigjährigen Erfahrung, wie Bildung Erwachsene mit Deutsch als Erstsprache beim Lesen- und Schreibenlernen unterstützen kann. Als Trainer*in hat man es hierbei mit einer äußerst heterogenen Lerngruppe zu tun: Die Lernenden haben unterschiedlichste Lernziele, und oftmals in der Vergangenheit negative Lernerfahrungen gemacht. Neue und positive Lernerfahrungen für jede einzelne teilnehmende Person zu ermöglichen, ist daher erklärtes Ziel - eine Herausforderung, aber wichtig.
Biografiebezug und emotionales Lernen
Wie teilnehmendenorientierte Erwachsenenbildung am Beispiel eines Seminars zu Männlichkeiten im Alter(n) umgesetzt werden kann, beschreibt Hans Prömper, Dozent an der Goethe-Universität Frankfurt am Main. Nach Prömper ist es notwendig, die Erfahrungen und Biografien der Teilnehmenden einzubeziehen und emotionales Lernen zu unterstützen, indem Gefühle aufgegriffen und reflektiert werden. Das Berücksichtigen biografischer Elemente bezieht sich dabei nicht nur auf die persönliche Geschichte, sondern ist eingebettet in zeitgeschichtliche Entwicklungen, die helfen, das eigene Leben im Alter neu zu deuten. Teilnehmende werden also nicht als losgelöst vom Kontext adressiert, sondern im Rahmen ihrer Zeit und der Verhältnisse.
Herr B. erreicht, was er will
Teilnehmendenorientierte Erwachsenenbildung ist anspruchsvoll, aber sie lohnt sich. Das zeigen auch die anderen 13 Beiträge des neuen Magazins, die damit die Aktualität dieses didaktischen Prinzips beweisen. Zu dieser Einschätzung gelangen die Herausgeberinnen der fünfzigsten Ausgabe, die Professorin für Erwachsenenbildung Elke Gruber (Universität Graz) und die freie Bildungsforscherin Anita Brünner.
Peter Hubertus, von dem die Schilderung des Herrn B. stammt, kennt selbst zahlreiche Beispiele für das Gelingen von Teilnehmendenorientierung. Herr B. etwa besucht den Lese- u. Schreibkurs regelmäßig und verfolgt seine Ziele. Das trägt Früchte: Nach wenigen Monaten im Kurs kann er die Anforderungen seines Arbeitsplatzes bewältigen. Auch wenn er neue Wörter lernen muss, weiß er sich zu helfen. Seine Lernziele hat er damit erreicht. Trotzdem besucht er den Kurs weiter. Teilnehmendenorientierung fördert nämlich nicht nur das Lernen, sondern auch die Freude daran.
Magazin erwachsenenbildung.at feiert Jubiläum
Mit bislang 50 Ausgaben, über 600 Autor*innen und allein im Vorjahr fast 240.000 Downloads ist das Magazin erwachsenenbildung.at (Meb) im deutschsprachigen Raum ein viel beachtetes Fachmedium der Erwachsenenbildung geworden. Dabei sah es um die Jahrtausendwende gar nicht so gut aus. Nachdem 1995 die vom Bildungsministerium herausgegebene Zeitschrift "Erwachsenenbildung in Österreich" eingestellt worden war, hatte es kein verbandsübergreifendes Publikationsorgan der österreichischen Erwachsenenbildung mehr gegeben. Das sollte sich erst 2007 wieder ändern. Das Magazin erwachsenenbildung.at erschien erstmals – im Online-Format, im Open-Access-Format und mit Qualitätssicherung durch einen Fachbeirat, eine dezidierte Redaktion und ein Fachlektorat. Fünfzig Ausgaben und mehr als 2 Mio. Downloads später ist das Magazin erwachsenenbildung.at zum etablierten Medium der Erwachsenenbildung im gesamten deutschsprachigen Raum geworden, das Diskurse widerspiegelt und vorantreibt. Dies wurde am 6. November 2023 mit einer Jubiläumstagung am Bundesinstitut für Erwachsenenbildung (bifeb) begangen.
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