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Kulturlotsinnen setzen sich für mehr Teilhabe an Kunst und Kultur ein

13.10.2021, Text: Lucia Paar, Redaktion/CONEDU
Die Kulturlotsinnen organisieren Kunst- und Kulturbesuche für ArbeitnehmerInnen in Wien und wollen so Hürden abbauen. Zwei Lotsinnen im Interview.
  • Foto: Alle Rechte vorbehalten, LisaLux, bearb. durch CONEDU/Paar (Format), https://www.kulturlotsinnen.at
    Die Kulturlotsinnen im Interview: Kristina Zoufaly und Sandra Trimmel.
Etwa die Hälfte der Bevölkerung besucht laut Statistik Austria kulturelle Veranstaltungen wie Theater, Opern, Museen oder Kunstgalerien.
Die Corona-Pandemie brachte und bringt zudem zusätzlich Hürden für Kunst- und Kulturbesuche mit sich.
Die Kulturlotsinnen des Österreichischen Gewerkschaftsbundes setzen hier an und haben sich zum Ziel gesetzt, Erwachsenen Teilhabe an einem breiten Kulturangebot zu erschließen. Sie organisieren gemeinsam mit ArbeitnehmervertreterInnen Kunst- und Kulturbesuche für ArbeitnehmerInnen in Wien. Dabei geht es darum, gemeinsam mit anderen ArbeitskollegInnen Kunst und Kultur zu erleben. Zwei Kulturlotsinnen, Kristina Zoufaly und Sandra Trimmel, erzählen im Interview, wieso es Kulturvermittlung braucht und wie das Projekt Teilhabe an Kunst und Kultur erhöhen will.

Lucia Paar: Als Laie/Laiin könnte man meinen: Kulturangebote nimmt man in Anspruch oder eben nicht. Wieso braucht es Kulturvermittlung, die ja auch immer mit einem Bildungsaspekt einhergeht?

Kristina Zoufaly: Kunst und Kultur ist zum größten Teil durch Steuergelder finanziert. Wenn alle zahlen, sollen auch alle in den Genuss kommen. Das ist unser Auftrag: den Zugang möglichst breit zu gestalten und klar zu machen, dass man dazu keine Expertise braucht. Ich kann vieles wissen, aber das hat nichts damit zu tun, dass mir das Angebot auch offen steht.

 

Sandra Trimmel: Man sollte es sich auch nicht so leicht machen und sagen: "Wenn jemand nicht geht, hat er/sie kein Interesse." Das stimmt schlicht und ergreifend nicht. Viele haben ein Grundinteresse, aber wie so oft kommt der Alltag dazwischen und umso wichtiger ist es, dass man die Leute packt und sagt: "An dem Tag schauen wir uns das gemeinsam an." Das reicht dann oft schon als Anstoß. Wir wollen die Teilhabe möglichst breit machen und zeigen, dass Kultur für alle ist, und nicht nur für die, die ein Verständnis dafür haben.

Sie wollen den Zugang zu Kunst und Kultur also für alle erschließen - Welche Erfahrungen machen Sie damit?

Kristina Zoufaly: Wir machen das wirklich schon lange, nämlich seit 2009, und es ist unglaublich, dass für viele ein Besuch bei Kunst- oder Kulturstätten nicht in Frage kommt. Zum Beispiel gab es einen Straßenbahner, der sagte: "Bugtheater, Kunsthistorisches Museum - Ja das kenn ich, viele Jahre kenn ich das schon!". Und wir sagen dann: "Ah, super. Und bist du da auch schon reingegangen?" Und er antwortet: "Wieso reingegangen? Ich fahre da mit der Straßenbahn immer vorbei."
Das zeigt uns, dass viele Kulturstätten zwar als Gebäude wahrnehmen, aber nicht erkennen, dass sie es auch betreten können.
Ein anderes Beispiel: Mit einer Firma waren wir einmal im Museumsquartier und die TeilnehmerInnen haben gesagt, dass sie gar nicht wussten, dass man da durchgehen kann.
Wir sind da ja auch oft in einer Blase. Man weiß oft gar nicht, woran es hakt, wieso Menschen nicht in Kultureinrichtungen gehen.

 

Sandra Trimmel: Aber alle sind sich einig, dass es wichtig ist, dass es diese Häuser gibt, für die TouristInnen oder für wen auch immer. Da besteht ein ganz großer Konsens, viele sagen: "Ja sicher brauchen wir ein großes repräsentatives Theater, aber für mich ist es halt nichts." Dem wollen wir entgegenwirken.

Das trifft einen wesentlichen Punkt, den die Kulturlotsinnen laut Angaben auf der Website verfolgen: Die Demokratisierung von Kunst und Kultur. Wie und warum?

Sandra Trimmel: Wie vorhin erwähnt sind Steuergelder ein großer Punkt. Vielen ist nicht bewusst, dass Kultur gemeinsam finanziert ist. Und die Nutzung ist nicht so breit wie die Art der Finanzierung. Mit Demokratisierung meinen wir auch ganz stark den Zugang dazu zu schaffen. Denn manche Menschen sind in der Vergangenheit nicht so stark mit dem Angebot angesprochen worden oder fühlen sich nicht so eingeladen, wie es sein sollte. Daher geht es oft um die Frage: Warum geht jemand nicht zu Kunst- und Kulturveranstaltungen? Und was können wir tun, damit die Menschen hingehen, damit der Zugang breiter wird und der Anteil derer, die Kulturinstitutionen nutzen, repräsentativer ist in der Gesellschaft.

 

Kristina Zoufaly: Und noch ein Punkt kommt hinzu: In Kultureinrichtungen gibt es Vermittlungsprogramme für Kinder und Jugendliche und ermäßigte Preise für PensionistInnen. Für andere Erwachsene gibt es nichts. Von denen erwartet man, dass sie selbstständig hingehen. Manchmal gibt es auch noch Führungen hinter die Kulissen für SponsorInnen, die auch Eintrittskarten bekommen. Also für die Leute, die viel haben, gibt es auch noch etwas dazu, aber für normal Interessierte gibt es eigentlich nichts.
Alle bemühen sich um Lehrlinge und um Jugendliche. Das ist auch leichter, die sind schon in einem Verbund, einer Gruppe. Wie schaffe ich das bei Erwachsenen? Da kann es über den Arbeitsplatz passieren, über den Betriebsrat mit dem gewerkschaftlichen Netzwerk. Das ist auch das Spezielle an unserem Projekt: das starke Netzwerk. Und für Betriebsrätinnen und -räte ist das außerdem eine super Chance, sich auch mit etwas Schönem bekannt zu machen, sich nicht nur mit Problemen und Schwierigkeiten zu beschäftigen. Sie können dabei sein bei etwas, das Menschen näher zusammenbringt, gemeinschaftsbildend ist.

 

Sandra Trimmel: Wir sind auch stark der Meinung, Kulturveranstaltungen sind eine Bereicherung, sie erweitern den Horizont, man kann sie genießen. Und in diesem Sinne sollte das möglichst vielen zugänglich sein.

Wo liegt der Nutzen für die Einzelnen, die Zugang zu Kunst und Kultur sonst vielleicht nicht so finden würden?

Kristina Zoufaly: Ich denke, dass es wichtig ist zu erfahren, dass es noch etwas anderes gibt außer dem Arbeitsleben und dem Zuhause, das ja auch überwiegend zielgerichtet ist: In der Arbeit verdiene ich mein Geld und zu Hause mache ich den Haushalt und bin privat. Aber da gibt es noch etwas dazwischen und um diesen Freiraum geht es uns. Es geht darum zu erfahren, dass es da Möglichkeiten für mich gibt. Dort kann ich auch alleine hingehen, Kunst und Kultur ist etwas Persönliches und trotzdem nichts Privates.

 

Sandra Trimmel: Und noch ein Aspekt kommt hinzu: Wenn man sich nicht angesprochen fühlt, dann haben Kunst und Kultur einen elitären Touch, der zeigt, dass man nicht zu dieser Elite gehört. Es geht also auch um Selbstermächtigung: Ich traue mich dort hin zu gehen, ich bin eingeladen, ich bin gemeint.
Und das ist auch ein schönes und wichtiges Gefühl, sich als Mitglied der Stadtgemeinde zu erkennen.
Und natürlich kann der Nutzen von Kunst und Kultur für einen selbst unterschiedlich sein, aber wenn man es nie gemacht hat, denkt man nur: Das ist anstrengend, da muss man sich konzentrieren. Dabei muss man gar nichts.

Sie sind beide schon mehr als 10 Jahre als Kulturlotsinnen tätig: Gibt es Veränderungen, die Sie im Laufe der Zeit beobachtet haben - in der Vermittlung/der Akzeptanz des Angebots oder m Kontext von Bildung und Lernen über Kunst und Kultur?

Sandra Trimmel: Was die Kulturinstitutionen angeht, finde ich schon, dass man merkt, dass sie experimentierfreudiger in der Vermittlung werden. Sie versuchen z.B. manchmal keine reine Frontalführung mehr zu machen. Trotzdem bleibt das punktuell, der Großteil der Vermittlung ist noch konservativ. Das hängt wohl auch mit den Erwartungen der BesucherInnen zusammen.

 

Kristina Zoufaly: Ich finde auch, dass sich nicht so viel geändert hat. Was aber auffällt, ist, dass Institutionen das, was sie für uns im Rahmen des Projekts anbieten, auch immer öfter für andere anbieten, wie z.B. Führungen hinter die Kulissen. Das hat sich wohl bewährt.

Von der Corona-Krise war/ist Kunst und Kultur besonders betroffen - wie ging Kulturvermittlung im Lockdown? Hat sich dadurch in der Vermittlung etwas geändert?

Sandra Trimmel: Für die Vermittlung in Wien verändert sich inhaltlich nichts fundamental. Es gab viele Onlineangebote unterschiedlicher Qualität. Der Eindruck ist aber: Alle freuen sich, wenn sie die Einrichtungen auch wirklich besuchen können. Oft gibt es bei Online-Angeboten weniger Selbstbestimmung: Wenn ich bei einem Bild länger stehen bleiben will oder mich wo anders hinsetzen möchte, ist das online schwieriger. Wenn Online-Angebote bestehen bleiben, dann in kleinem Rahmen und vielleicht für Menschen außerhalb Wiens.
Kristina Zoufaly: Zum Teil haben Kulturinstitutionen auch geschlafen, sie haben lange gewartete bis sie was angeboten haben. Da war auch wenig interaktiv.

 

Sandra Trimmel: Der Qualitätsunterschied in den Interaktionen online war auch groß. Da hat es für das eigene Erleben einen großen Unterschied gemacht, ob online jemand zu sehen war, der/die gerade im Museum ist oder ob alle zu Hause im Wohnzimmer sitzen.

Über das Projekt und den ÖGB

Das Projekt der Kulturlotsinnen in Wien wurde vom Verband Österreichischer Gewerkschaftlicher Bildung (VÖGB) konzipiert. Es wird von der Stadt Wien subventioniert. Seit 2013 gibt es auch in Graz eine Kulturlotsin. Das Grazer Projekt ist eine Initiative des VÖGB gemeinsam mit der IG Kultur Steiermark, Graz Kultur, der Arbeiterkammer Steiermark und der Energie Steiermark.

 

Der VÖGB ist Teil des ÖGB und organisiert Bildungs- und Kulturangebote für ArbeitnehmervertreterInnen und Gewerkschaftsmitglieder.
Der ÖGB versteht sich als überparteiliche Interessenvertretung unselbstständiger Erwerbstätiger. Er vertritt die Interessen aller ArbeitnehmerInnen gegenüber Arbeitgebenden, Staat und Parteien. Das ist auch in seinen Statuten verankert. Dort ist zudem festgelegt, dass Mitgliedern das Recht zusteht, ihre Freizeit sinnvoll zu nutzen und Freizeiteinrichtungen zu besuchen. Somit geht es auch darum, die Menschen dazu zu befähigen, von diesem Recht Gebrauch machen zu können.

Quelle: EPALE E-Plattform für Erwachsenenbildung in Europa
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