Das Politische der Kultur – die Kultur des Politischen
Kultur als Containerbegriff
"Kultur" ist ein typischer Containerbegriff, der mit nahezu unendlich vielen Bereichen und Attributen assoziiert wird. Wir sprechen von Kunst und Kultur, nationalen oder regionalen Kulturen, von Firmenkultur, Kulturtasche oder kultureller Differenz, lesen in der Kulturseite der Zeitung und bekritteln die fehlende politische Kultur; es gibt Pflanzenkulturen ebenso wie alte Kulturen, kultivierte Menschen und kulturelle Werte ...
Den Höhepunkt seines öffentlichen Gebrauchs erlebte der Begriff mitsamt Ableitungen wohl in den 1990er Jahren, nicht zuletzt durch heftig geführte Debatten um die Migration und die Parole vom "Kampf der Kulturen", der – so die These – weltweit die neue Ursache für kriegerische Konflikte bilden würde. Der seither weitverbreitete Ansatz, gesellschaftliche Verwerfungen durch kulturelle Unterschiede zu begründen, rief wiederum den Vorwurf hervor, hier sei ein "Kulturalismus" am Werk, der soziale Probleme als kulturelle auslege und somit den Diskurs um "Fremdheit" und "Othering" begünstige. Kritiker*innen des Kulturalismus verordneten Sozialwissenschaften, Medien und dem öffentlichen Diskurs mehr Politik statt Kultur und brachten somit diese beiden gesellschaftlichen Sphären gegeneinander in Stellung.
Zusammenhang zwischen den Subsystemen Kultur und Politik
Ein Blick in die Didaktik des Politischen zeigt jedoch relativ bald, dass Kultur und Politik keinen Gegensatz bilden. Kulturelle Bildung, Kulturvermittlung, Kulturpolitik oder politische Kunst sind nur einige Stichworte im Kontext der politischen Bildung, die den engen Zusammenhang zwischen den Subsystemen Kultur und Politik aufzeigen. Politik hat stets einen kulturellen Ausdruck, um die Bürger*innen zu "erreichen". Kultur ist somit ihrerseits politisch, da sie zur Vorstellung nationaler oder gemeinschaftlicher Homogenität eingespannt oder umgekehrt zur Kritik dieser Imagination herangezogen wird. Der britische Kulturwissenschaftler und Literaturtheoretiker Terry Eagleton schreibt: "Kultur ist eine jener seltenen Ideen, die für die politische Linke ebenso integrierend wirken, wie sie für die politische Rechte lebenswichtig sind."
Vier Vorträge im Herbst
Mit "Das Politische der Kultur – die Kultur des Politischen" setzt die Österreichische Gesellschaft für Politische Bildung (ÖGPB) im Herbst ihre seit 2010 stattfindende jährliche Vortragsreihe zur politischen Erwachsenenbildung fort. Neben dem langjährigen Kooperationspartner Depot ist heuer das WERK X Kooperationspartner und Mitveranstalter. Von Oktober bis Dezember finden in den beiden Häusern bei freiem Eintritt vier Vorträge statt:
Renate Höllwart: Strategien kritischer Kunstvermittlung
Do., 13. Oktober 2022, 19:00 Uhr, Depot, Wien
Wer spricht, und was gilt eigentlich als relevantes Wissen? Welche Strategien können vorherrschende Wissensformen in Bildungsprozessen unterlaufen? Wie lassen sich kollaborative Prozesse gestalten, in denen sich in der Aushandlung von Positionen und Rahmenbedingungen neue Räume für demokratisches Handeln öffnen? Kritische Kunst- und Kulturvermittlung setzt an der Schnittstelle von künstlerischen Strategien und emanzipatorischer Bildung einen Prozess des Verlernens in Gang. Entlang von Konzepten und Erfahrungen aus der Vermittlungspraxis von trafo.K werden Möglichkeiten und Grenzen sowie Rahmenbedingungen des gemeinsamen Sprechens und Handelns beleuchtet und in Hinblick auf eine verändernde Praxis in Bildung, Kunst und Vermittlung reflektiert.
Renate Höllwart ist Kunst- und Kulturvermittlerin. Sie ist Mitbegründerin von Büro trafo.K, einem Kollektiv für Kunstvermittlung und kritische Wissensproduktion, im Kernteam von schnittpunkt. ausstellungstheorie & praxis sowie im Leitungsteam des ecm – educating/curating/managing an der Universität für angewandte Kunst Wien.
Hakan Gürses: Kulturalität als politisches Konzept
Do., 3. November 2022, 19:00 Uhr, Depot, Wien
Seit gut drei Jahrzehnten ist "Kultur" einer der politisch umstrittensten Begriffe. Für die eine Seite bilden kulturelle Unterschiede den Zündstoff für soziale Konflikte, folgerichtig müsse beispielsweise die Einbürgerung von Drittstaatsangehörigen an deren vollständige "Integration" gebunden werden. Für die andere Seite hingegen ist Kultur nur eine vorgeschobene Ausrede, um brisante soziopolitische Fragen zu kaschieren und "Rasse" durch "Kultur" zu ersetzen. "Identitätspolitisch" genannte Bewegungen jüngeren Datums wiederum problematisieren etwa "kulturelle Aneignung". Wo der Kulturbegriff politisch für derlei Konfusion sorgt, kann indes das Konzept der "Kulturalität" helfen, die kulturellen Aspekte des "Führens" und "Regierens" dem politischen Verständnis zu eröffnen.
Hakan Gürses ist wissenschaftlicher Leiter der ÖGPB.
Nathalie Borgers: Die Politik und das Politische im kulturellen und künstlerischen Schaffen
Di., 15. November 2022, 19:00 Uhr, WERK X (Meidling), Wien
Inwiefern ist jedes kulturelle/künstlerische Schaffen ein politischer Akt? Wie kann man etwa einen Film konzipieren und dabei entscheiden, wie das Politische darin zum Ausdruck kommen soll? Wie entwickelt man einen künstlerischen Standpunkt, der nicht mit einer politischen Meinung zu verwechseln ist? Kann ein künstlerisches Werk auf ein Publikum wirken, das nicht mit dem angesprochenen Thema vertraut ist? Welche Kulturpolitik kann dabei helfen, dass Kunst ein breiteres Publikum erreicht? Diesen Fragen wird die Vortragende vor dem Hintergrund der eigenen konkreten Erfahrungen im Bereich Film und audiovisueller Medien nachgehen.
Nathalie Borgers ist Film-Autorin und Regisseurin, u. a. von "Kronenzeitung, Tag für Tag ein Boulevardstück" (2002), "Die Frauenkarawane" (2010), "The Remains. Nach der Odyssee" (2019). Sie leitet einen Workshop über die Kunst des Dokumentarfilms an der Pariser Filmschule FEMIS.
Anke Schad-Spindler: Kulturelle und politische Bildung
Do., 1. Dezember 2022, 19:00 Uhr, Depot, Wien
Kulturinstitutionen sind auch Arenen demokratiepolitischer Auseinandersetzung. Die Pandemie stellte dabei ein liberales Kultur- und Demokratieverständnis auf die Probe. Museen, Theater und Konzerthäuser mussten geschlossen bleiben oder ihre Vermittlungsarbeit in den digitalen Raum verlagern. Gleichzeitig formierten sich – teils in unmittelbarer Nachbarschaft am Karlsplatz und am Heldenplatz – Proteste gegen die Corona-Maßnahmen. Fragen nach dem ökonomischen Überleben und der Rückgewinnung des Publikums überlagern momentan weitere notwendige Diskussionen, etwa: Wie können Kulturinstitutionen als Teil der urbanen Öffentlichkeit gesellschaftliche Auseinandersetzungen fördern? Wie können kulturelle und politische Bildung zusammenwirken, und wo ist es notwendig, beides zu trennen?
Anke Schad-Spindler forscht zu Kulturpolitik und kultureller Bildung in akademischen und angewandten Kontexten.
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