Rückblick auf das Erinnerungsjahr 2025 in Kärnten

16.12.2025, Text: Michael Aichholzer, Redaktion: Doris Rottermanner, Kärntner Bildungswerk/Ring ÖBW
2025 war in Kärnten ein Jahr der Erinnerungskultur mit einem breiten Angebot an antifaschistischen Bildungs-Veranstaltungen mit rund 45.000 Teilnehmenden.
Jahr der Erinnerungskultur 2025 Leto spomaninjanja - Erinnern als immaterielles Kulturerbe
Foto: Alle Rechte vorbehalten, Lendhauer, auf erwachsenenbildung.at

Das Ende des 2. Weltkrieges vor 80 Jahren war Anlass, 2025 in Kärnten als ein „Jahr der Erinnerungskultur – Leto spominjanje“ auszurufen. Insbesondere zwischen den symbolisch so wichtigen Daten 8. Mai (Kriegsende) und 26. Oktober (Neutralitätsgesetz, Nationalfeiertag) eine Vielzahl von Veranstaltungen und transdisziplinären Projekten für verschiedene Zielgruppen statt, die zusammengefasst als "antifaschistisches Bildungspaket" beschrieben werden können. Mit dem Kärntner Bildungswerk - dem vom Kärntner Kulturgremium die Projektträgerschaft über eine wesentliche Angebotsschiene dieses Schwerpunktjahres übertragen worden war - spielte auch eine Erwachsenenbildungseinrichtung eine tragende Rolle in der Organisation des Jahres. 

Erinnerungspraxis reflektieren

Ziel des Schwerpunktjahres war es, sich mit den seit 1945 vorherrschenden Formen der Erinnerung an die Jahre des NS-Regimes in Kärnten auseinanderzusetzen. Hinterfragt wurde dabei, inwiefern die Erinnerungspraxis der Vergangenheit diskriminierende Positionen fortgeschrieben hat und gleichzeitig die Erinnerungsarbeit von Opfergruppen des Nationalsozialismus behindert wurde. Der Zweisprachigkeit des Landes entsprechend wurde ein besonderes Augenmerk auf die Opfer- und Widerstandserfahrung der slowenischsprachigen Bevölkerung, insbesondere auf die Rolle der Partisan:innen gerichtet. Das übergeordnete Ziel und die demokratiepolitische Dimension des Jahres wurde wohl am treffendsten von Peter Pirker, dem Kurator der Ausstellung “Hinschauen - Pogljemo” im Kärnten Museum mit dem Satz “nie wieder deutsche Volksgemeinschaft” zum Ausdruck gebracht.  

Breites Spektrum an Bildungsformaten

Die Umsetzung erfolgte in einer Veranstaltungsvielfalt, von konventionellen Formaten wie Tagungen, Vorträgen, Diskussionen und historiographischen Ausstellungen, über Bus-, Fuß- und Fahrradexkursionen, Theater- und Filmproduktionen, Kunstaktionen und Konzerten, Wettbewerben, der Neugestaltung und Neuerrichtung von Denkmälern und Vereinschroniken bis hin zu Publikationen und Datenbanken. Angebote für die Hirne, die Herzen und die Füße der Teilnehmer:innen.

Breit gestreut war auch das Spektrum der beteiligten Institutionen: Die Uni Klagenfurt, das Kärnten Museum, Betreiber von Gedenkstätten, Kunst- und Kulturvereine, Studierendengruppen und wie gesagt das Kärntner Bildungswerk. Bewusst forciert wurden dezentrale Initiativen und Gedenkorte, um Impulse für eine veränderte Erinnerungskultur im ländlichen Raum zu geben. Sechs der zwölf zentralen Gedenkorte für dieses Schwerpunktjahr liegen an peripheren Orten des Landes. Nach den bisher vorliegenden Zahlen kann rund 45.000 Teilnehmenden ausgegangen werden, mehr als die Hälfte davon Erwachsene.

Das Erinnerungsjahr wirkt! Aber wie?

Bildung kann Impulse geben. Ob das Schwerpunktjahr eine dauerhafte Wirkung im Sinne der Projektziele haben wird, ob sich die Erinnerungskultur im Land dauerhaft wandeln wird, kann zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht beantwortet werden. Neben sehr viel Zuspruch gab es auch Widerspruch und Ablehnung in Form von Kommentaren, Publikationen, Diskussionsbeiträgen, und sogar der Schändung einer Kunstinstallation der Künstlergruppe Zweintopf vor dem Kärnten Museum, wie die Tageszeitung Der Standard berichtet. Jedenfalls sind durch das Schwerpunktjahr neue Angebote und Kooperationen entstanden und ein Erfahrungsschatz dazu, wie das Thema Erinnerung im Sinne der politischen Bildung erfolgreich umgesetzt werden kann. Es sind Impulse verbunden mit dem Wunsch, dass sich das Thema Erinnerungskultur zukünftigin den Programmen der Erwachsenenbildungsinstitutionen im Land wiederfinden

Erinnerungskultur als Thema der gemeinwesenorientierten Erwachsenenbildung

Erinnerungskultur findet ihren Ausdruck im gesellschaftlichen Diskurs über Denkmäler, Gedenkfeiern, Ereignisse und Persönlichkeiten. Das nüchterne Wort "Diskurs" verdeckt, dass es sich dabei um ein Ringen um die Deutungshoheit über die Geschichte handelt. Der Diskurs wird mit großer Vehemenz geführt , geht  weit über Fachkreise hinaus und schließt breite Bevölkerungskreise ein. Es geht dabei um das staatliche und demokratische Selbstverständnis einer Gesellschaft, und es ist, oder sollte, daher Thema gemeinwesenorientierter Erwachsenenbildung sein.  

Hintergrundinfo

Gefördert wurden die Aktivitäten des Schwerpunktjahres von der Kulturabteilung und dem Volksgruppenbüro des Landes Kärnten. Förderabsagen erfolgten vom “Zukunftsfonds der Republik Österreich” und vom “Nationalfonds für die Opfer des Nationalsozialismus”.

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