Partizipation in Demokratien stärken: Das Spiel mit den Gefühlen
„Demokratie ist ziemlich voraussetzungsvoll. Demokratie ist zum einen die Möglichkeit, politisch teilzuhaben, teilzunehmen bei Wahlen, aber auch bei einer Reihe von anderen Möglichkeiten der Teilhabepartizipation,“ so die Politikwissenschafterin Sieglinde Rosenberger. Demokratie ist umkämpft, kann unterschiedliche Formen annehmen und ist fragil. Studien zeigen, dass es um demokratische Staaten sowohl in Österreich als auch global nicht besonders gut steht. Wie die politische Erwachsenenbildung auf Entdemokratisierung reagieren kann, zeigen affekttheoretische Ansätze sowie zwei Bürger*innenbeteiligungsprojekte.
Globale Demokratien unter Druck
Jüngste Zahlen des Democracy Index vom Economist 2024 zeigen einen verschlechterten globalen Indexwert von 5,23 auf 5,17 Punkte auf einer Skala bis zu 10 Punkten. Laut dieser Untersuchung leben nur 15 % der Gesamtbevölkerung in einer vollständigen Demokratie, hingegen 35,9 % in einer Diktatur. Norwegen ist der Spitzenreiter, vor Neuseeland, der Schweiz und den anderen skandinavischen Staaten. Auf den letzten drei Plätzen liegen Nordkorea, Myanmar und Afghanistan.
Österreich: Kein Vertrauen in politische Repräsentation
Die Ergebnisse einer repräsentativen Befragung des Demokratie Monitors 2025 von 2.005 Menschen in Österreich, des interdisziplinären Instituts „Foresight“ zeigt, dass die Haltung von Österreicher*innen gegenüber der Demokratie in Österreich positiv ist: 89 % halten sie für die beste Staatsform: Der Verwaltung vertrauen derzeit 60%, den Gerichten 64% und der Polizei 73%.
Jedoch zeigt sich eine zunehmende Unzufriedenheiten der Befragten hinsichtlich „politischer Repräsentation“. Jene Institutionen und Akteur*innen, die von den Bürger*innen zur Vertretung ihrer politischen Anliegen gewählt werden haben an Vertrauen verloren.
- 64% sprechen sich für einen Ausbau der Beteiligungsmöglichkeiten aus.
- 2018, seit Beginn dieser Erhebung, sahen sich noch 61% der Menschen im Parlament gut vertreten, derzeit sind es nur mehr 31%.
Ein Demokratiedefizit
Laut der Politikwissenschafterin Birgit Sauer sind fehlendes Vertrauen in politische Repräsentant*innen und wachsende Unzufriedenheit mit der Leistungsfähigkeit (Performanz) von demokratischen Institutionen (Politik- und Parteiverdrossenheit) Indizien für ein Demokratiedefizit westlicher Staaten. Etablierte Politikformen machen lustlos. Unterkomplexe Lösungen eines Parteienstaates werden den wachsenden Ansprüchen von Bürger*innen nach Partizipation und Entscheidungsmacht nicht gerecht, so Sauer.
Instrumentalisierung von Emotionen
Sauer erklärt weiter, dass bereits seit den 1970er Jahren emotionale Bindung und Betroffenheit zu einer wichtigen Grundlage von Politisierung von Menschen geworden seien. Ab den 1990er Jahren treten problematische Seiten von Umgang mit Emotionen in Demokratien in Erscheinung: Populistische und nationalistische Gefühlsdiskurse erhalten Einzug in politische Auseinandersetzungen vieler europäischen Staaten. Populistische Politiker*innen greifen immer häufiger auf Gefühle als Legitimationsbasis und als Ressource von Identitätspolitik zurück. Gefühle, wie Angst, erhalten eine aktive Rolle in der Gestaltung von Politik.
Dennoch: Emotionen als Basis für politische Bildung
Sachbezogene Argumente verlieren in medialen Darstellungen von Politik zunehmend an Bedeutung. Um diesem negativen Trend von Politik und Gefühlen und der Entparlamentarisierung von Politik entgegenzusteuern, sollten Demokratiebildungsmaßnahmen, Emotionen als kreativen Aspekt demokratischer Politik betrachten, so Birgit Sauer und Brigitte Bargetz. Emotionen sollten weiterhin als Grundlage für politische Partizipation gesehen werden.
Sauer und Bargetz betonen, dass die „Mobilisierung von Leidenschaft (…) die Erosion sozialstaatlicher Institutionen abfedern“ soll. Ihrem Verständnis nach könnten Gefühle zu emanzipativem Handeln motivieren.
Dieser affekttheoretische-Ansatz liefert eine Erklärung, warum lustvolle und partizipative Lehr- und Lernformate in der Erwachsenenbildung wichtig für Demokratie sind. Die Politikwissenschafter Sieglinde Rosenberger erklärt: „Demokratie ist immer auch ein Tun. Und zwar ein Tun, ein Machen, ein Mitgestalten, ein Mitreden, Kompromisse finden, aber auch Streit auszutragen. In der Demokratie ist der Konflikt auch ein wesentlicher Moment, dass er nicht unterdrückt wird, sondern dass es Möglichkeiten, Räume gibt, um Konflikte zu thematisieren, auszutragen. Denn in einer Demokratie wird, anders als in der Autokratie, davon ausgegangen, dass unterschiedliche Menschen auch unterschiedliche Bedürfnisse und Interessen haben.“
Partizipation aus Leidenschaft
Wie lustvolles Lernen demokratische Prozesse ermöglicht, zeigen zwei Bürger*innenbeteiligungsprojekte aus der Erwachsenenbildung. Eine Top-Down-Initiative (Bürger*innenräte Medien und Demokratie) und eine Bottom-Up-Initiative (Community Radios).
Top-Down: Angeleitete Konsensfindung
Das europäische Forschungsprojekt MeDeMAP – „Mapping Media for Future Democracies“ (2023–2026) setzt sich mit der zentralen Bedeutung von Medien für die Demokratie auseinander. Es bot erstmals in Österreich den Rahmen zur Abhaltung von „Bürger*innenräten Medien und Demokratie“, um die Ansprüche von Bürger*innen an Medien, aber auch an die Demokratie selbst zu verhandeln und am Ende Forderungen und Anregungen in der Form von Resolutionen zu verabschieden.
Für die Bürgerrät*innen war die Teilnahme am Bürger*innenrat „Medien und Demokratie“ eine spannende und lehrreiche Erfahrung, wie sie in Feedbackbögen, gemeinsamen Reflexionsrunden sowie in Interviews nach Abschluss des Bürger*innenrats zum Ausdruck brachten. Die Teilnehmer*innen kamen nicht primär in den Bürger*innenrat, um etwas zu lernen, sondern um sich an einem demokratischen Prozess der Politikgestaltung zu beteiligen und einen eigenen Beitrag zum Themenfeld zu leisten.
In diesem Beteiligungs- und Gestaltungsprozess fand Lernen zugleich auf mehreren Ebenen statt – sowohl intentional als Teil der eingeplanten „Lernphase“ an jedem der vier Sitzungstage als auch nebenbei durch das Erleben und Mitgestalten des gesamten demokratischen Prozesses im Bürger*innenrat.
Am stärksten betonten die Teilnehmer*innen am Ende des Bürger*innenrats die Bedeutung ihrer Erfahrung, dass durch das Respektieren anderer Meinungen und Bedürfnisse, sowie durch eine Haltung der Neugier, andere Perspektiven zu verstehen und gemeinsame Antworten zu formulieren und abzustimmen, Verständigung und Zusammenarbeit über Meinungsunterschiede hinweg möglich ist: „Für mich hat sich bestätigt (…), dass es wichtig ist, verschiedene Perspektiven zu beleuchten und dann eben auch einen Konsens zu finden in demokratischer Weise,“ brachte es ein Teilnehmer des österreichischen Bürger*innenrats am Ende des letzten Sitzungstages auf den Punkt. Damit leistet dieser Bürger*innenrat einen wichtigen Beitrag zu Demokratiebildung, so die MeDeMAP-Projektmitarbeiter*innen Helmut Peissl und Andrea Sedlaczek.
Bottom-Up: Medienlogiken durch DIY kennenlernen
Mit der Möglichkeit, Medieninhalte selbst zu gestalten, wie bei COMMUNITY Medien üblich, wächst das Potenzial für die Entstehung von kritischen (Gegen-)Diskursen und die Befähigung der Bürger*innen zu weiterreichender demokratischer Beteiligung, beschreibt Helmut Peissl, der Geschäftsführer von COMMIT.
In den Anfängen waren Community Radios mancherorts Piratenradios, wie beispielsweise das Radio AGORA in Kärnten. Longo Mai – eine gesellschaftspolitisch engagierte Gruppe – gründete 1989 das Radio AGORA. Ende der 1990er-Jahren erhielt AGORA eine geteilte Rundfunklizenz für das ausgeschriebene Zulassungsgebiet »Siedlungsgebiet der slowenischen Volksgruppe in Kärnten« (siehe hierzu die Chronologie des Radio Agora (PDF)).
Bottom-Up-Medieninitiativen von Bürger*innen sind „alternative Formen von Kultur und Gegenöffentlichkeiten [und] von entscheidender Bedeutung für eine lebendige Demokratie“, betont der amerikanische Medienphilosoph Douglas Kellner. Warum sich Menschen bei COMMUNITY Medien engagieren, kann ganz unterschiedliche Gründe haben.
Die Gründer*innen von Radio AGORA kämpften gegen das österreichische Rundfunkmonopol, sie waren politisch motiviert, zeigt die Chronologie des Radios. Eine Neo-Radiomacherin vom Community Medium „Radio Orange“ in Wien liefert eine andere Erklärung für ihr radiopolitisches Engagement: „Das Radiomachen (…) ist für mich eine wunderbare Möglichkeit meine Erfahrungen und Reiseberichte zu teilen und Frauen aus anderen Ländern eine Stimme zu geben.“
Die vielfältigen Motivationen von Beteiligung bei Community Meiden bieten nicht nur Möglichkeiten, Öffentlichkeit mitzugestalten, sondern haben weitreichende Wirkungen auf die Personen selbst. Neben den Fertigkeiten, die sie zur Bedienung der nötigen Geräte brauchen, erwerben oder intensivieren sie eine enorme Bandbreite an Fähigkeiten, die vom Umgang mit Sprache und Sprechen über Rechercheformen und Inhaltsverarbeitung, Kontaktaufnahme, Teilhabe und Rezeption von kulturellen Angeboten bis hin zu Textproduktion und Medienkritik reichen. Ein wesentlicher Effekt erscheint beim DIY-Radiomachen, die veränderte Weltwahrnehmung und Selbstpositionierung der Radiomacher*innen in der Gesellschaft, die wiederum die Grundlage dafür bilden, sich auf Lernprozesse überhaupt einzulassen oder Freude am Ausbau von Fähigkeiten zu empfinden bzw. zu entwickeln, sagen Helmut Peissl und Meike Lauggas.
Demokratie stärken durch Demokratiebildung & kritische Medienkompetenz
Bei den vorgestellten Initiativen zeigt sich, dass die Beteiligten große Lust haben sich in ihrer Freizeit mit Themen der Demokratiebildung und kritischen Medienkompetenz auseinander zu setzen. Die Lernenden eignen sich kritisch-reflexive Kompetenzen an, die ihnen ermöglichen Prozesse aktiv mitzugestalten, indem sie durch ihre Diskussions- und Radiobeiträge auf vorgegebene Strukturen sowie Öffentlichkeiten einwirken. Solche Mitmachprojekte können zu einer lebendigen Demokratie beitragen und der politischen Repräsentationslücke (dem Demokratiedefizit) entgegensteuern.
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