VOICES: Migrationsgeschichte(n) hörbar und sichtbar machen
„Mit meiner Gesprächspartnerin über Krieg zu sprechen, hat bei mir starke Gefühle ausgelöst, weil ich selber Krieg erlebt habe.“ (Shakir)
Das Zitat stammt aus einem Interview, das Shakir, ein Lerner der VHS Wien mit Maria Elisabeth geführt hat, die als junges Mädchen den Ungarn-Aufstand 1956 erlebt hat und als 10-Jährige sehr nahe an einem zentralen Ort gewohnt hat(in einer strategisch gelegenen und umkämpften Fabrikhalle).
Nie hätte er sich vorstellen können, ein 50-minütiges Interview zu führen, meinte Shakir nach dem Gespräch. Er besucht derzeit den Basisbildungskurs und ist auf dem Weg zum Pflichtschulabschluss. Dass er 50 Minuten lang Fragen stellen, zuhören und alles verstehen konnte, macht ihn stolz.
Das gesamte Interview mit Maria Elisabeth wird demnächst auf der Projektplattform von VOICES abrufbar sein. Es entstand im Rahmen eines Workshops zu oral-history-basiertem Lernen in einem Kurs der VHS Wien. Dieser war der erste Workshop im Projekt; weitere folgen in den Partnerländern. Im Zentrum der Workshops stehen die Fragen: Was ist Oral History? Und warum ist sie für den Sprach- bzw. Grundbildungsunterricht relevant? Damit verbunden setzen sich die Teilnehmer:innen mit der eigenen Migrationsgeschichte auseinander und bereiten sich inhaltlich und sprachlich auf die Interviews mit Zeitzeug:innen vor. Die Interviews werden mit Handykameras aufgezeichnet; auch die Auswahl von geeigneten Ausschnitten und ein erster Grobschnitt sind Teil des Workshops.
Geschichte lernen und selbst aktiv werden
Die Idee des EU-kofinanzierten (Erasmus+), länderübergreifenden Projekts VOICES (Voices of Immigrants Creating Empathy & Social Cohesion) ist es, bei Jugendlichen bzw. jungen erwachsenen Migrant:innen Interesse für europäische Geschichte zu wecken - und sie dabei zu ermutigen, sich selbst als relevante Akteur:innen dieser Geschichte wahrzunehmen. Gleichzeitig geht es darum, Migrationsereignisse als historisch bedeutsam sichtbar zu machen - und zwar aus der Perspektive derer, die Migrationserfahrungen selbst gemacht haben.
Am Beginn des Projekts stand eine Hintergrundrecherche zu wichtigen Migrationsereignissen, die die (Belgien, Griechenland, Irland, Italien und Schweiz) nachhaltig verändert haben, sowie zu Oral-History-Methodologien für den Bildungsbereich. Im Mittelpunkt standen zwei Fragen:
1. Welche Migrationsereignisse hatten einen besonderen Einfluss auf die Partnerländer? Wie lässt sich dieser Einfluss beschreiben?
2. Wie wird Oral-History-Methodik bislang im Bildungskontext der verschiedenen Länder angewendet? Welche Beispiele gibt es und welche Ansätze eignen sich für das Projekt?
Die Erkenntnisse zeigen, welche globalen Migrationsbewegungen in den Partnerländern Spuren hinterlassen haben und wie diese Veränderungen in Gesellschaft, Bildung, Arbeitsleben oder Communities sichtbar werden. Dadurch können diese Themen auch mit Lerner:innen in Kursen aufgegriffen und reflektiert werden.
Migrationsgeschichte(n) in einem Gegenarchiv sammeln
Ein gemeinsames Verständnis von Oral History ist im europäischen Projekt VOICES wesentlich, um in allen Partnereinrichtungen Workshops und Interviews zu planen und durchzuführen. Die Arbeit mit oral-history-basierten Methoden soll dazu beitragen, ein Gegenarchiv von Migrationserzählungen, ein „“, aufzubauen. Darin werden Video- und Tondokumenten aus den Interviews gesammelt und Erinnerungen sowie Stimmen sichtbar gemacht, die sonst nur selten gehört werden. Die Materialien können künftig in Bildungssettings eingesetzt werden. Junge Menschen lernen dadurch die Geschichte Europas und der Partnerländer nicht nur aus der Perspektive der „Aufnahmegesellschaft“ kennen.
Das Projekt läuft noch bis Februar 2028. Alle Produkte und Materialien - Videos, Audios, Texte, Podcasts und das Workshopdesign - werden auf der verfügbar sein. Die Materialien können für Sprachkurse sowie von allen verwendet werden, die sich für erlebte Migrationsgeschichten interessieren.
Webinare
Ein Webinar zum Thema Gegenarchiv („Counter Archives and adult learning“) und zur Arbeit mit Zeitzeug:innen im Kontext der Erwachsenenbildung fand am 25. Juni 2026 statt. Die Aufzeichnung dazu ist auf der Plattform abrufbar. Ein weiteres Webinar zur Perspektive der Lernenden ist für 2027 geplant.
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