Science Talk > Lebenslanges Lernen

22.09.2026, Text: Sarah-Lisa Winter, bifeb
Beim Science Talk, einem Public-Science-Format des BMFWF, diskutierten Expert:innen darüber, was Menschen zum Lebenslangen Lernen bewegt, welche Hürden den Zugang erschweren und welche Rolle Weiterbildung angesichts gesellschaftlicher Veränderungen spielen kann.
Der Kuppelsaal mit dem Podium des Science Talks an der TU Wien.
Foto: Alle Rechte vorbehalten, Eva Steinheimer, Science Talk, auf erwachsenenbildung.at

Wie und wozu lernen Menschen im Verlauf ihres Lebens? Neugier, Interesse und der Wunsch, die eigene Umwelt zu verstehen, zogen sich als Motive durch den Science Talk des BMFWF. Gleichzeitig zeigte die Diskussion an der TU Wien, dass intrinsische Motivation allein nicht darüber entscheidet, wer an Bildung und Weiterbildung teilhaben kann.

Am Podium diskutierten Karin Gugitscher vom Österreichischen Institut für Berufsbildungsforschung, Angelika Hrubesch vom lernraum.wien, Institut für Mehrsprachigkeit, Integration und Bildung der Wiener Volkshochschulen, und Peter Schlögl vom Institut für Erziehungswissenschaft und Bildungsforschung der Universität Klagenfurt. Moderiert wurde der Science Talk von Doris Helmberger-Fleckl, Chefredakteurin der Wochenzeitung „Die Furche“.

Bildungswege verlaufen nicht immer geradlinig

Den Ausgangspunkt der Diskussion bildeten die eigenen Lernbiografien der drei Expert:innen. Gugitscher berichtete von ihrem Weg aus dem Berufsleben an die Universität. Erst ein Förderprogramm ermöglichte ihr, mit über 40 Jahren ein Studium aufzunehmen. Neben persönlichem Interesse und Motivation brauchte es dafür auch Zeit, geeignete Rahmenbedingungen und Unterstützung. Hrubesch wiederum erzählte von begonnenen und wieder abgebrochenen Bildungswegen. Auch solche Erfahrungen sind Teil von Bildungsbiografien.

Schlögl hob die Bedeutung von Begegnungen mit Menschen hervor. Im Dialog, in Gemeinschaften können die Fähigkeiten erkannt, Feedback gegeben und zum Weiterlernen ermutigt werden. Mit lebenslangem Lernen verbindet er zudem ein philosophisches Motiv: Überraschung, Staunen und Neugier bringen Menschen dazu, sich mit ihrer Umwelt auseinanderzusetzen.

Neugier allein reicht nicht

Doch die Voraussetzungen, dieser Neugier auch nachzugehen, sind unterschiedlich. Gugitscher berichtete von bürokratischen und strukturellen Hürden beim Zugang zum Studium, die sie aus einer privilegierten Situation heraus überwinden konnte. Für Menschen mit ausländischen Abschlüssen, sprachlichen Barrieren oder fehlender persönlicher Unterstützung können solche Hürden wesentlich schwerer wiegen.

Auch frühere Bildungserfahrungen prägen das Verhältnis zum Lernen. Wer in der Schule oder im weiteren Lebensverlauf schlechte Erfahrungen gemacht hat, kann organisierte Lernformen statt mit Motivation und Neugier auch mit Belastung, Anforderung oder Zumutung verbinden.

Daraus ergibt sich eine klare Anforderung an die Angebote der Erwachsenenbildung: Sie müssen unterschiedliche Zugänge ermöglichen und auch die Menschen ansprechen, die institutionellen Lernerfahrungen skeptisch gegenüberstehen oder sich von einem zu akademisierten Angebot nicht angesprochen fühlen. Hrubesch rückte dabei sozioökonomisch benachteiligte Personen in den Blick. Formate müssten an unterschiedliche Interessen und Vorkenntnisse anschließen.

Lernen in einer von Umbrüchen geprägten Gegenwart

Digitale Disruption und Künstliche Intelligenz, Veränderungen der Arbeitswelt, Fachkräftemangel, Migration und Klimakrise bilden den gesellschaftlichen Kontext, vor dem eine Diskussion über Lebenslanges Lernen stattfinden muss. Wie kann Erwachsenenbildung in einer so dystopisch anmutenden Lage Unterstützung und Orientierung bieten?

Für Hrubesch reicht es nicht aus, jeder gesellschaftlichen Herausforderung ein passendes Bildungsangebot gegenüberzustellen. Bildungsangebote können Menschen dabei unterstützen, sich kritisch mit ihrem Umfeld auseinanderzusetzen und auf veränderte Bedingungen zu reagieren. John Evers, Generalsekretär des Verbandes Österreichischer Volkshochschulen, griff diesen Gedanken in der Plenumsdiskussion auf und sprach von der Aufgabe, Menschen angesichts des „nervösen Zeitalters“ darin zu bestärken, sich zu positionieren. Lebenslanges Lernen biete die Chance, gesellschaftliche Veränderungen aktiv mitzugestalten, statt sich ihnen nur anzupassen.

Auch Gugitscher wandte sich gegen ein Verständnis von Lernen als reine Anpassungsleistung: Wie sich Berufe durch KI tatsächlich verändern werden, lasse sich noch nicht verlässlich vorhersagen. Umso mehr brauche es die Fähigkeiten, Entwicklungen zu reflektieren und ihre Dynamiken zu verstehen. Auch bei beruflicher Umorientierung plädierte sie dafür, bereits erworbene Kompetenzen nicht zu entwerten. Vielmehr gehe es darum, mit neuen Kompetenzen und Tätigkeiten auf diesen aufzubauen.

Zeit und Finanzierung beeinflussen den Zugang zu Bildungsangeboten

Neben gesellschaftlichen Veränderungen bestimmen auch zeitliche und finanzielle Ressourcen, wie gut sich Weiterbildung in unterschiedliche Lebenssituationen integrieren lässt. Schlögl verwies in diesem Zusammenhang auf die oftmals begrenzt zur Verfügung stehende Zeit für Lernaktivitäten im Erwachsenenalter. Gerade die mittleren Lebensjahre fühlen sich häufig wie die „Rushhour des Lebens“ an, in der Beruf, Familie und andere Verpflichtungen wenig Zeit übriglassen. Auch auf geschlechtsspezifische Unterschiede bei der Finanzierung von Weiterbildung machte Schlögl aufmerksam: Bei selbst finanzierter Weiterbildung sind Frauen stärker vertreten, bei betrieblicher Finanzierung hingegen Männer.

In Zusammenhang mit der finanziellen Absicherung geriet die abgeschaffte Bildungskarenz bzw. das Nachfolgemodell der Weiterbildungszeit in den Fokus der Diskussion. Gugitscher warf die Frage auf, ob das neue Modell Menschen mit geringerer formaler Qualifikation tatsächlich besser erreichen kann. Kritisch sah sie auch eine zu enge Ausrichtung auf unmittelbare berufliche Verwertbarkeit. Weiterbildung könne auch dann für gesellschaftliche Teilhabe und die Mitwirkung in der Arbeitswelt relevant sein, wenn sie nicht linear arbeitsbezogen ist. Schlögl merkte außerdem an, dass mit der Abschaffung der Bildungskarenz erhebliche Mittel aus dem Bildungswesen weggefallen seien. Er verwies auf rund eine halbe Milliarde Euro und stellte diese Summe den vergleichsweise geringen Mitteln gegenüber, die etwa für Alphabetisierung und Basisbildung zur Verfügung stehen.

Ein Fazit aus der Diskussion

Die Ausgangsfrage des Science Talks war, wie und wozu Menschen im Verlauf ihres Lebens lernen. Während des Abends wurde jedoch offensichtlich, dass neben dem Wie und Wozu unbedingt auch nach den Herausforderungen und Rahmenbedingungen des Lernens gefragt werden muss. Lebenslanges Lernen und Angebote der Erwachsenenbildung können in einer von Unsicherheit und Transformation geprägten Gegenwart Orientierung bieten und Teilhabe ermöglichen. Damit Bildungsangebote jedoch so wirken können, müssen zeitliche und finanzielle Ressourcen und die barrierearme Zugänglichkeit für Menschen in unterschiedlichsten Lebenslagen stärker in den Blick genommen werden.

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