Erwachsenenbildung als Brücke zwischen Wissenschaft und Demokratie

07.09.2026, Text: Andrea Bigl, bifeb
Wie können Wissenschaft, Demokratie und Erwachsenenbildung gemeinsam gesellschaftliches Vertrauen stärken? Eine Tagung am bifeb widmete sich dieser Frage mit wissenschaftlichen Impulsen, Praxisbeispielen und intensiven Diskussionen.
Das Referierenden-Team der Tagung.
Foto: Alle Rechte vorbehalten, Andrea Bigl, auf erwachsenenbildung.at

Desinformation, Polarisierung und  Misstrauen gegenüber Institutionen stellen Demokratie und Wissenschaft vor große Herausforderungen. Welche Rolle kann die Erwachsenenbildung in dem Spannungsfeld von legitimer Kritik und Vertrauen übernehmen? Und wie kann sie wissenschaftliches Denken, gesellschaftlichen Dialog, politische Urteilskraft und Vertrauen stärken? Diese Fragen standen im Mittelpunkt der Tagung „Demokratie. Wissenschaft. Erwachsenenbildung.“ am 6. und 7. Juli 2026 am Bundesinstitut für Erwachsenenbildung (bifeb).

Demokratie und Wissenschaft beruhen auf ähnlichen Grundlagen: Transparenz, Rationalität, Kritikfähigkeit und einem offenen Diskurs. Demokratische Entscheidungen brauchen informierte Bürger, freie Forschung wiederum braucht demokratische Verhältnisse. Gleichzeitig hängen Skepsis gegenüber der Wissenschaft und Misstrauen gegenüber der Demokratie häufig zusammen.

Die Tagung brachte Forschende und Praktiker:innen aus Erwachsenenbildung, politischer Bildung und Wissenschaftsvermittlung zusammen. In Keynotes, Workshops und World Cafés beleuchteten sie das Verhältnis von Demokratie und Wissenschaft aus unterschiedlichen Perspektiven und diskutierten mögliche Beiträge der Erwachsenenbildung.

Wissenschaft braucht Vertrauen – aber auch Kritik

In seiner Keynote „Trust Issues? Die komplexe Beziehung von Wissenschaft und Vertrauen“ setzte sich Jan Niggemann mit der Frage auseinander, wann Vertrauen in Wissenschaft gerechtfertigt ist und wann Misstrauen angebracht sein kann. Wissenschaft solle weder pauschal abgelehnt noch unkritisch als neutrale Autorität akzeptiert werden.

Kritik sei etwa dort notwendig, wo Machtverhältnisse, Ausschlüsse und Abhängigkeiten die Arbeit wissenschaftlicher Institutionen beeinflussen. Solche problematischen Strukturen zeigen sich nach Niggemann etwa in prekären Arbeitsbedingungen, intransparenten Förderstrukturen und autoritären Hierarchien, aber auch in der Ausgrenzung kritischer Forschungsansätze. Eine solche Kritik sei nicht wissenschaftsfeindlich. Vielmehr könne sie dazu beitragen, wissenschaftliche Strukturen und die Entstehung von Wissen demokratischer zu gestalten.

Für die Erwachsenenbildung ergibt sich daraus eine wichtige Aufgabe: Sie soll wissenschaftliche Ergebnisse nicht nur verständlich vermitteln, sondern Menschen auch dazu befähigen, Aussagen, Methoden, Interessen und Machtverhältnisse kritisch zu prüfen. Zugleich soll sie Raum für das Wissen und die Erfahrungen der Teilnehmenden schaffen. Auf diese Weise kann Erwachsenenbildung Urteilsfähigkeit, Dialog und demokratische Teilhabe an der Entstehung von Wissen fördern.

Demokratie zwischen Zustimmung und Misstrauen

In ihrer Keynote „Demokratie und Erwachsenenbildung – Zwischen Hoffnung und Politik“ ging Daniela Ingruber von einem Widerspruch aus: Die Zustimmung zur Demokratie ist grundsätzlich hoch, gleichzeitig ist das Misstrauen gegenüber politischen Institutionen und Akteur:innen weit verbreitet.

Besonders bei jüngeren Menschen sei dieses Misstrauen häufig mit dem Gefühl verbunden, politisch wenig bewirken zu können. Demokratie erscheine daher vielfach als erstrebenswertes Ideal, während ihre derzeitige Ausgestaltung weniger überzeuge.

Als eine Erklärung für diesen Widerspruch verwies Ingruber auf politischen Populismus. Populistische Kommunikation überhöhe das „Volk“ und setze auf bewusste Tabubrüche, einfache Lösungen und eine gezielt eingesetzte Bildsprache. Erwachsenenbildung könne dem entgegenwirken, indem sie Formen demokratischer Beteiligung wie Bürger:innenräte aufgreift. Außerdem brauche es öffentliche Orte, an denen Menschen einander begegnen, zuhören, diskutieren und auch konstruktiv streiten können.

Praxisbeispiele aus Wissenschafts- und Demokratiebildung

In Workshops lernten die Teilnehmenden unterschiedliche Projekte und Zugänge kennen:

  • Das Projekt „Wissen schaffen zu Wissenschaft“ von akzente Voitsberg verbindet Wissenschaft und Demokratie durch interaktive Vorträge, Podcasts, Theater und ein Barcamp mit der Lebensrealität von Menschen im ländlichen Raum.
  • Gina Streit vom Regionsmanagement Osttirol zeigte anhand grenzüberschreitender Projekte, wie Erwachsenenbildung, Demokratiebildung und Beteiligung Menschen ins Gespräch bringen und wissenschaftliche Erkenntnisse mit praktischer Erfahrung verbinden können.
  • Martin Klemenjak von der Fachhochschule Kärnten stellte Beispiele politischer Erwachsenenbildung in der Ausbildung von Sozialarbeiter:innen vor. Dazu zählten ein Kooperationsprojekt, ein Gastvortrag, ein virtueller Kinobesuch und ein Polit-Talk.
  • Petra Siegele vom OeAD präsentierte mit den Wissenschaftsbotschafter:innen, dem Citizen Science Award und Sparkling Science 2.0 Angebote, die Wissenschaft auch außerhalb klassischer Hochschulkontexte zugänglich machen.
  • Lena Schoissengeyer vom Demokratiezentrum Wien stellte das Erasmus+-Projekt MILEY und eine digitale Lernkarte zu Orten der Demokratiegeschichte in Österreich, Deutschland und Tschechien vor. Die Plattform ist unter democracy-map.eu abrufbar.
  • Isolde Meyer und Ursula Perfler berichteten über die „Universität im Dorf“. Seit 2001 bringen Wissenschafter:innen der Universität Innsbruck ihre Forschung einmal jährlich in die Osttiroler Gemeinde Außervillgraten und treten dort mit der Bevölkerung in Austausch.

Erwachsenenbildung schafft Räume für Teilhabe

Am zweiten Tag arbeiteten die Teilnehmenden in World-Cafés. Sie diskutierten über das Verhältnis von Demokratie und Wissenschaft, über Vertrauen in Bildungsinstitutionen, den Umgang mit Desinformation und die Kompetenzen, die Erwachsenenbildner:innen für diese Aufgaben benötigen.

Ein zentrales Ergebnis war: Erwachsenenbildung vermittelt nicht nur Wissen. Sie bringt wissenschaftliche Erkenntnisse mit den Erfahrungen der Menschen zusammen, macht vorhandene Kompetenzen und Potenziale sichtbar und ermutigt die Teilnehmenden, sich in demokratische Prozesse einzubringen.

Damit das gelingt, braucht es passende Rahmenbedingungen, ausreichend Zeit und Angebote, die auch bisher wenig erreichte Gruppen ansprechen. Als mögliche Wege nannten die Teilnehmenden aufsuchende Bildungsarbeit, neue Formen der Kommunikation und Beteiligungsformate. Demokratie soll dabei nicht nur Thema sein, sondern im gemeinsamen Lernen auch erlebt und erprobt werden.

Welche Kompetenzen braucht es?

Nach Einschätzung der Teilnehmenden brauchen Erwachsenenbildner:innen fachliches Wissen, Praxiserfahrung und die Fähigkeit, wissenschaftliche Erkenntnisse verständlich und methodisch gut zu vermitteln.

Ebenso wichtig sind Kreativität, Offenheit für neue Zugänge, Authentizität und eine klare Haltung. Menschenrechte dienen dabei als Kompass. Erwachsenenbildner:innen sollten außerdem die eigene Arbeit kritisch hinterfragen, Wissenslücken erkennen und bei Bedarf Expert:innen hinzuziehen.

Bei der Arbeit mit Gruppen kommt es darauf an, Gespräche gut zu moderieren und die Potenziale der Teilnehmenden zu erkennen und zu fördern. Sichere Orte für Begegnung und gemeinsam vereinbarte Regeln schaffen dafür einen geeigneten Rahmen. Wenn Entscheidungen in der Gruppe gemeinsam getroffen werden, kann Demokratie unmittelbar erlebt und eingeübt werden.

Die Tagung war eine Kooperation von
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