Wie ein Projekt die Stimme älterer Frauen sicht- und hörbar macht
„UNERHÖRT!“ heißt das Projekt des Vereins inspire – Bildung und Beteiligung. Im Mittelpunkt stehen das Wissen, die Lebensrealitäten sowie Biografien von älteren Frauen mit und ohne Behinderung im ländlichen Raum. Bereits im Jahr 2024 machten die Projektleiter*innen, regionalen Kooperationspartner*innen und Teilnehmer*innen im Bezirk Liezen mit Aktivitäten im öffentlichen Raum auf Lebenserfahrungen, „unsichtbare“ Fürsorgearbeit und Barrieren aufmerksam. Mit Oktober 2025 geht das Projekt unter dem Titel UNERHÖRT! 2.0 in die zweite Runde. Die Redaktion gibt einen Rückblick auf die bereits geschehenen Aktivitäten und einen Ausblick auf das Geplante.
Ein Nachmittag, der Frauenstimmen hörbar machte
Eine der Aktivitäten, die die Geschichten von Frauen hörbar machte, war die Veranstaltung „Früher war alles anders…“ in der Gemeinde Landl im dort ansässigen Gasthaus Mooswirt. Der Nachmittag gestaltete sich so, dass die Teilnehmer*innen statt eines Stadtspazierganges, der eigentlich geplant war aber wegen Starkregen ausfiel, ins Gasthaus gingen und sich dort über ihre Erfahrungen und Lebensweisen austauschten. Begleitet wurde dieses Erzähl- und Begegnungsformat von der Umweltpsychologin Anna Pribil.
Landwirtschaft, Generationen und unbezahlte Care-Arbeit waren dort Thema. Eine Teilnehmerin erzählte von ihrer geringen Pension – obwohl sie sie sich ihr Leben lang um Kinder und Haushalt gekümmert hat. Eine andere schilderte den nach wie vor schwierigen Zugang zu medizinischer Versorgung. Früher dauerte der Weg zu einer ärztlichen Einrichtung oft Tage, wodurch oft Frauen und Mütter die medizinische Erstversorgung übernahmen. Auch heute ist der Weg ohne Auto oder öffentliche Verkehrsmittel schwer zu bewältigen.
Mit dem Rollstuhl durch die Stadt: Roll over Liezen!
In Liezen machte sich eine diverse Gruppe auf den Weg, um den Alltag im Rollstuhl zu erleben. Ziel des Streifzug "Roll over Liezen! - Eine Stadtrundfahrt" war es, herauszufinden, wo die Stadt barrierefrei ist und wo es Hindernisse gibt. Die Tour wurde von Sonja Redl-Bernberger geleitet, einer Pensionistin mit viel Lebenserfahrung, die selbst lange bei der Bezirkshauptmannschaft gearbeitet hat. Deutlich wurde auch, wo Barrieren den Alltag erschweren. Fehlende oder zu schmale Gehsteige, zu hoch positionierte Bargeldschlitze bei Getränkeautomaten oder Paketabholschalter, die ohne fremde Hilfe nicht zu bedienen sind, sind nur einige der vielen Hürden, die die Teilnehmer*innen im öffentlichen Raum bemerkten und kritisierten. Lob erhielten hingegen die Fußgängerzone sowie mehrere öffentliche Gebäude.
Lebensgeschichten aus Schladming: Weiblicher Geschichte eine Stimme geben
Auch in Schladming rückte ein Unerhört-Streifzug "Schladminger Lebensgeschichten. Ein etwas anderer Stadtspaziergang" jene Frauen ins Zentrum, die in der lokalen Geschichtsschreibung oft unsichtbar bleiben. Startpunkt war das „Bruderladenhaus“, einst Knappenspital und Pflegeheim für verunfallte Bergleute Dort wurden über Jahrhunderte Pflege- und Versorgungsarbeit von Frauen geleistet, ohne ihre Rolle zu dokumentieren oder zu würdigen. Der Rundgang führte weiter zum „Knappenhaus“, wo Erinnerungen an schwere Grubenunglücke sichtbar sind, jedoch kaum die vielen Witwen und Familien, die diese Katastrophen bewältigen mussten.
Am Hauptplatz und im Rathauspark kamen weitere verdrängte Kapitel zur Sprache: Frauen, die Geschäfte, Haushalte und Höfe allein führten, während Männer im Bergbau, bei der Feuerwehr oder im Krieg waren; Großmütter, die nach Kriegsverlusten Familien durchbrachten; und eine selten erwähnte Feuerwehrfrau nach 1945.
Der Spaziergang machte deutlich, wie stark Frauen das soziale, wirtschaftliche und kulturelle Leben im Ort geprägt haben und wie wenig diese Arbeit in der offiziellen Geschichte sichtbar ist. Der Streifzug endete im Gasthof Brunner und weckte großes Interesse an weiteren Erzählformaten im Bezirk Liezen.
Was für die Zukunft geplant ist
Das Projekt „UNERHÖRT” startete im Oktober 2025 in die nächste Runde. Konkrete Orte und Aktivitäten stehen laut Projektinitiatorin Edith Zitz noch nicht fest. Sicher ist jedoch, dass die Förderungen genehmigt wurden und die Bildungsarbeit weitergeführt wird.
Die bisherigen Aktivitäten stießen auf große Resonanz. Für viele Teilnehmer*innen war es bestärkend, über ihr Leben sprechen zu können und Anerkennung für Tätigkeiten zu erhalten, die sie selbst oft als selbstverständlich betrachteten, erzählt Zitz im Gespräch. Gerade in wirtschaftlich und sozial schwierigen Zeiten ist es wichtig, dass ältere Frauen – mit und ohne Behinderung oder chronische Erkrankung – nicht weiter an den Rand gedrängt werden und dass ihre Fürsorgearbeit, ob vergangen oder gegenwärtig, sichtbar und wertgeschätzt wird, betont Zitz abschließend.
Über den Verein
Hinter dem Projekt steht die unabhängige Organisation inspire – Bildung und Beteiligung, ein gemeinnütziger Verein, der sich seit Jahren für ein respektvolles und inklusives Zusammenleben engagiert. Im Mittelpunkt steht die Überzeugung, dass gesellschaftliche Vielfalt bereichert und dass Menschen, die oft übersehen werden, stärkere Unterstützung und mehr Raum brauchen.
Das Projekt wird gefördert durch das Land Steiermark.
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