Demokratiewerkstatt zu politischen Beteiligungsmöglichkeiten
Im Oktober fand im Verein Frauen*service Graz eine Demokratiewerkstatt unter dem Titel „Politische Beteiligungsmöglichkeiten jenseits des Wahlrechts“ statt. Die Veranstaltung thematisierte politische Teilhabe in ihren vielfältigen Formen, wie etwa Demonstrationen, Bürger*innenräte oder Petitionen. Ziel der Veranstaltung war es, zu zeigen, dass politische Mitbestimmung nicht auf das Wahlrecht reduziert ist, sondern, dass es mehr Beteiligungsformen gibt, die historisch zu tiefgreifenden gesellschaftlichen Veränderungen geführt haben und so den Diskurs rund um politische Mitgestaltung zu bespielen.
Mehr als 1,5 Millionen Menschen in Österreich haben kein Wahlrecht
Mit der Demokratiewerkstatt zeigte das Frauen*service Graz auf, dass nach wie vor mehr als 1,5 Millionen Menschen in Österreich vom Wahlrecht ausgeschlossen sind. Gemeinsam mit Erwachsenenbildnerin Sabine Marek von Democratism widmeten sich die Teilnehmenden der Demokratie, der „einzigen Gesellschaftsordnung, die gelernt werden muss“, so das berühmte Zitat des Soziologen Oskar Negt, der mit seinen Ansätzen die Demokratiebildung maßgeblich geprägt hat.
Wie politische Teilhabe erlebt wird
Ein Teil der Demokratiewerkstatt bestand darin, darüber nachzudenken und zu besprechen, wo, wann und wie die Teilnehmer*innen das Gefühl haben, mitgestalten und mitbestimmen zu können. Die Diskussion der Teilnehmer*innen zeigte, wie stark unterschiedliche Lebensrealitäten die Wahrnehmung politischer Beteiligung prägen.
Personen mit Migrationshintergrund erzählten, sich vor allem in ihrer politischen Teilhabe gestärkt zu fühlen, wenn Politiker*innen oder Parteien ihren Problemlagen Gehör schenken, obwohl sie nicht wählen dürfen. Ein konkretes Beispiel für eine Beteiligungsmöglichkeit ist der Migrant:innenbeirat Graz, der seit über 30 Jahren besteht, die Interessen von migrantischen Personen und vielen Personen, die nicht wählen dürfen, vertritt und eng mit der Stadtpolitik und Communities zusammenarbeitet.
Andere Teilnehmende des Workshops beschrieben, das Gefühl zu haben, in ihrem Beruf oder bei aktivistischen Tätigkeiten politisch mitbestimmen zu können. Sie sagten aber auch, dass sie bestimmte Privilegien und daher viel Handlungsspielraum hätten.
Über das Gefühl, wahrgenommen zu werden
Für die meisten Teilnehmer*innen der Demokratiewerkstatt war das Gefühl, wahrgenommen zu werden, entscheidend. Dabei spielt sowohl das Gesehen- als auch das Nicht-Gesehen-Werden eine wichtige Rolle, ob sie sich politisch beteiligen wollen. Gleichzeitig wiesen die Teilnehmer*innen darauf hin, dass gerade wenn politische Akteur*innen den Interessen der Bevölkerung wenig oder keine Beachtung schenken, politische Mitbestimmung abseits des Wahlrechtes umso wichtiger sei.
Demokratie ist mehr als nur Politik
Weiters überlegten die Teilnehmer*innen, was Demokratie für sie persönlich bedeutet. Demokratie bezieht sich meist lediglich auf den Bereich der Politik oder des politischen Engagements. In Medien und Alltag finden alternative Formen politischer Mitbestimmung wie Nachbarschaftshilfe, Selbstfürsorge oder Community-Arbeit, kaum Beachtung.
Ein zentrales Thema der Teilnehmer*innen war, dass eine demokratische Lebensform bestimmte Fähigkeiten und Werte einfordert. Dabei ging es um Zusammenhänge der individuellen, gemeinschaftlichen, gesellschaftlichen und politischen Ebene der Beteiligung. Wie kulturelles und gesellschaftliches Zusammenleben ausgehandelt wird, ist beispielsweise maßgeblich geprägt von Kommunikationsfähigkeit, Einfühlungsvermögen, der eigenen Perspektive und gelebten Werte.
Demokratiebildung ist Inhalt und Methode zugleich
Demokratiebildung im Rahmen eines hierarchischen Lehr-Lern-Settings oder strengen Rahmenbedingungen ohne Handlungsspielräume funktioniert nicht, da waren sich die Teilnehmer*innen einig. Wenn man beispielsweise lernen wolle, wie Gesellschaft mitgestaltet werden kann, dann solle sich das auch in den jeweiligen Bildungssettings zeigen.
Sprich, Demokratiebildung – ob nun in der Schule oder auch der Erwachsenenbildung – kann sich nicht nur auf Inhalte beschränken, um glaubwürdig zu sein. Es muss dementsprechend didaktisch-methodisch aufbereitet sein. Eine Teilnehmer*innenorientierung ist hierbei unentbehrlich.
Über das Frauen*service und Democratism
Das Frauen*service ist eine überparteiliche, überkonfessionelle und interkulturell offene Social-Profit Organisation. Als feministische Einrichtung setzt sich das Frauen*service für soziale Gerechtigkeit und gegen Sexismus, Rassismus und Diskriminierung ein. Im Zentrum unserer Arbeit steht die kritische Auseinandersetzung mit der Lebenssituation von Frauen*, das Wissen über Machtstrukturen und strukturelle Benachteiligungen. Der Verein gliedert sich in einen Beratungsbereich, einen Bildungsbereich und das Infocafé palaver.
Mit Democratism möchte Erwachsenenbildnerin Sabine Marek Bildungsräume schaffen, die zum Diskutieren, Denken, kritischen Reflektieren und letztendlich zum Handeln anregen. Grundlage bilden teilnehmerorientierte Lehr- und Lernsettings, die weit über die bloße Vermittlung von Wissen rund um Demokratie hinausgehen. Demokratie soll durch Demokratiebildung erlebbar werden – und dadurch wichtige Kompetenzen vermitteln, die Bürger*innen dazu befähigen, aktiv mitzugestalten.
Nachrichtenserie „Demokratiebildung in der Erwachsenenbildung“
Der Sturm auf das US-Kapitol im Jahr 2021, Angriffe auf deutsche Politiker*innen während des EU-Wahlkampfes und das Erstarken demokratiefeindlicher Bewegungen zeigen, wie tief die Demokratie in der Krise steckt. Wie können wir sie schützen und gestalten? Unsere Nachrichtenserie beleuchtet, welche Rolle Demokratiebildung dabei spielt und informiert über Neuigkeiten, Projekte und Publikationen.
Die Veranstaltung wurde gefördert durch das Bundesministerium für Frauen, Wissenschaft und Forschung, das Land Steiermark und die Österreichische Gesellschaft für Politische Bildung.
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