Erwachsenenbildung und sprachliche Teilhabe im Asyl- und Polizeikontext

20.02.2026, Text: Vera Ahamer, Redaktion: Angelika Hrubesch, VHS / lernraum.wien
Der Lehrgang „Dolmetschen im Asyl- und Polizeibereich“ zur Professionalisierung von Laiendolmetscher*innen in sensiblen Bereichen wie Asyl- und Polizeiwesen ist ein demokratiepolitisch und gesellschaftlich relevantes Mittel der Partizipation mit erwachsenenbildnerischer Ausrichtung.
Foto: CC BY, Vera Ahamer (lernraum.wien), auf erwachsenenbildung.at

Seit zehn Jahren wird an den Wiener Volkshochschulen in Kooperation mit UNHCR Österreich und der Universität Wien ein Lehrgang für Laiendolmetscher*innen im Asyl- und Polizeiwesen angeboten. Seit 2022 liegt die Abwicklung beim lernraum.wien, der Forschungsstelle für Mehrsprachigkeit, Integration und Bildung der Wiener Volkshochschulen.

Auf den ersten Blick wirkt die Positionierung – neben Lehrgängen wie „Deutsch als Zweitsprache“ oder „Alphabetisierung/Basisbildung für Erwachsene“ – ungewöhnlich. Dolmetschen wird oft mit Konferenzen oder Hochschulen verbunden oder als Tätigkeit verstanden, die Zweisprachige quasi „automatisch“ ausüben können.

Im Mittelpunkt steht hier jedoch nicht eine enge Qualitätsdefinition von Dolmetschen, sondern der Lehrgang für Laiendolmetscher*innen im Asyl- und Polizeikontext als Lern- und Bildungsfeld der Erwachsenenbildung. Dolmetscher*innen agieren meist ohne formale Ausbildung als Schlüsselakteur*innen, auf deren Leistungen Klient*innen unmittelbar angewiesen sind. Qualitativ hochwertiges Dolmetschen gewinnt damit doppelte Relevanz: Es ermöglicht sowohl Selbstermächtigung der Dolmetschenden als auch die Ermächtigung der Gedolmetschten.

Dolmetschen als gesellschaftlich eingebetteter und reflexiver Handlungsprozess

Dolmetschen in migrations- und gesellschaftspolitisch sensiblen Kontexten ist nicht nur Umsetzung von Wissen und Technik, sondern selbst Gegenstand von Erwachsenenbildung. Im Sinne einer klassischen erwachsenenbildnerischen Ausrichtung rücken dabei nach außen gerichtete Kompetenzdimensionen in den Mittelpunkt und bietet zahlreiche Anlässe zur Reflexion: zur eigenen Rolle im dialogischen und institutionellen Gefüge, zu ethischem Handeln sowie zur kritischen Auseinandersetzung mit den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen der gedolmetschten Interaktion. Der Lehrgang greift diese Praxiserfahrungen systematisch auf, bringt sie in die gemeinsame Reflexion im Lernsetting ein und leitet daraus konkrete Handlungsmöglichkeiten ab.

Gleichzeitig wird ein personenzentrierter Lebenslaufansatz verfolgt. Eigene Erfahrungen aus der Dolmetschpraxis sowie biographische Dimensionen – Bildungshintergrund, ökonomischer Status, Migrationserfahrung, Mehrsprachigkeit, verschiedene Lebenswelten – dienen als Ausgangspunkte für reflexive Lernprozesse.

Reflexion als Beitrag zur Professionalisierung

Selbstreflexion verbindet äußere Rahmenbedingungen mit verinnerlichten Erfahrungen und wird zu einem Kernmerkmal professionellen Handelns im Dolmetschprozess. In einem produktiven Sinn ist sie defizitorientiert: Dolmetscher*innen erkennen Grenzen ihrer Kompetenzen, benennen sie und können vor, während oder nach Gesprächen alternative Lösungen entwickeln, Fehler eingestehen und mittels Nachfragen korrigieren – bis hin zur begründeten Auftragsverweigerung. Diese Strategie gilt es systematisch zu einem Instrumentarium zu vereinen, auf das im Umgang mit Unsicherheit, Überforderung und im Sinne von Lernendenautonomie zurückgegriffen werden kann.

Gleichzeitig ist Selbstreflexion kompetenzorientiert. Der Lehrgang ermöglicht es Laiendolmetscher*innen, sich ihrer mehrsprachigen Ressourcen, Bildungsbiographien und Migrationserfahrungen bewusst zu werden und oft informell oder nicht anerkannt erworbene Kompetenzen gezielt einzusetzen. Professionelles Handeln beginnt dort, wo Einsichten wie „ich weiß, dass ich etwas nicht weiß“ oder „mir war nicht bewusst, dass ich das weiß“ Ausgangspunkt kontinuierlichen Lernens werden. Dieser Prozess ist im Dolmetschen nie abgeschlossen: Sprache verändert sich, Gesprächssituationen sind aufgrund ihrer fachlichen, inhaltlichen und sozialen Dynamik kaum vollständig vorhersehbar.

Handlungsfähigkeit durch Professionalisierung

Professionalisierung garantiert aber nicht automatisch Handlungsfähigkeit oder Empowerment auf allen Seiten. Im behördlichen und institutionellen Kontext dominieren häufig laienhafte Vorstellungen von Sprache und Translation, die symmetrischer Kommunikation eher entgegenstehen. Hinzu kommt: Dolmetschen ist in Österreich – abseits von Konferenz- oder Gerichtskontexten – kein geregelter Beruf. Im Asyl- und Polizeibereich entstehen Qualitätsstandards erst langsam. Eine stärkere Sensibilisierung der Auftraggeber wäre daher ein bislang unterschätzter Faktor.

Auf berufssoziologischer Ebene setzt der Lehrgang einen wichtigen Impuls im Qualifikations- und Professionalisierungsprozess. Die Berücksichtigung des Lehrgangszertifikats in Eignungs- und Auswahlkriterien etwa des BMI oder der Polizei wirkt bereits als Anreiz für Laiendolmetscher*innen, sich weiterzubilden.

Dolmetschen als demokratiepolitischer Faktor

Die skizzierten Aspekte der Dolmetschpraxis und -ausbildung für Lai*innen verdeutlichen die demokratiepolitische Relevanz des Dolmetschens. Sie betrifft insbesondere die ethischen Dimensionen translatorischen Handelns: Berufskodizes, Fehlerkultur und Rollenreflexion sind zentral, um asymmetrischen Gesprächskonstellationen entgegenzuwirken und die Integrität der Gedolmetschten zu wahren.

Dolmetschen kann damit einen Beitrag zu Partizipation und Handlungsfähigkeit – für Gedolmetschte wie für Dolmetscher*innen leisten. Gedolmetschten eröffnet es Zugang zu Informations- und Unterstützungsressourcen an der Schnittstelle zwischen Institution und Individuum und damit zu demokratischer Teilhabe. Für Dolmetscherinnen schafft eine reflektierte Auseinandersetzung mit der Berufsrealität Impulse für kollegialen Austausch, der in Richtung Berufsverband und Interessensvertretung wirken kann.

Professionalisierung bedeutet auch Sichtbarkeit – gerade angesichts aktueller Entwicklungen im Bereich Künstliche Intelligenz. Wo in wenig prestigeträchtigen Kontexten vereinfachte Vorstellungen von Sprache und Kostendruck als Begründung für den Einsatz von KI genügen, wächst die demokratiepolitische Dimension menschlicher Dolmetschleistungen und von Lehrgängen wie dem beschriebenen. Bei Interaktionen mit unvorhersehbarer, stark kontextabhängiger Dynamik – etwa mit kleinräumigen dialektalen Varianten oder sich rasch verändernden Soziolekten – stoßen KI-Systeme an Grenzen. Sie können nicht wie menschliche Dolmetscher*innen reflexiv mit Unsicherheit, Rollenambivalenzen und Machtasymmetrien umgehen.

Insofern könnten die für die Erwachsenenbildung relevanten 14 Thesen zu Sprache und Sprachenpolitik um eine weitere ergänzt werden: Qualitätsvolles menschliches Dolmetschen ermöglicht den Zugang zu demokratischen Ressourcen.

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