"Erwachsenenbildung ist politisch am wenigsten sichtbar"

25.11.2025, Text: Wilfried Frei, Redaktion/CONEDU
Elke Gruber im Interview zur Emeritierung: über ihren außergewöhnlichen Bildungsweg, das Window of Opportunity der 2000er-Jahre und darüber, warum Erwachsenenbildung heute klarer denn je positioniert werden muss.
em. Professorin Elke Gruber im Gespräch mit Wilfried Frei anlässlich deren Emeritierung von der Karl-Franzens-Universität Graz am 29. Oktober 2025
Foto: Alle Rechte vorbehalten, Neugebauer, auf erwachsenenbildung.at

em. Univ.-Prof.in Dr.in Elke Gruber kennen viele in der österreichischen Erwachsenenbildung als Universitätslehrende, als Autorin zahlreicher Publikationen, und als treibende Kraft bildungspolitischer Errungenschaften der letzten Jahrzehnte – unter anderem im Feld der Professionalisierung. Mit 1. Oktober 2025 wurde sie von der Karl-Franzens-Universität Graz emeritiert. Prof.in Dr.in Maria Stimm hat  als Nachfolge die Leitung des Fachbereichs Erwachsenen- und Weiterbildung übernommen. 

Vor wenigen Tagen erhielt  Prof.in Gruber auf Beschluss der Steiermärkischen Landesregierung  das  "Ehrenzeichen des Landes Steiermark für Wissenschaft, Forschung und Kunst 1. Klasse" verliehen. Anlässlich einer Emeritierungsfeier am 29. Oktober sprach Wilfried Frei, Institutsleiter von CONEDU im Beisein von rund 130 Gästen mit Elke Gruber über deren persönlichen Weg, ihre Errungenschaften als Professorin, und Wünsche für die Erwachsenenbildung.

Elke, wie ist es für dich, heute hier zu sein - umgeben von Menschen, die dich über viele Jahre begleitet haben und nun diesen Übergang mit dir feiern?

Elke Gruber: Es berührt mich sehr. Da sind Kolleginnen und Kollegen aus verschiedenen Ländern, ehemalige Studierende, Menschen aus der Bildungspolitik und Partner *innen aus gemeinsamen Projekten. Viele von ihnen haben mich über Jahre geprägt - fachlich, aber auch menschlich. Und natürlich spielt mein Mann eine besondere Rolle, weil er all die Phasen mitgetragen hat, oft auch unter Bedingungen, die für Partnerschaften nicht immer einfach sind. Diese Mischung aus Verbundenheit, Dankbarkeit und Freude ist heute sehr präsent. Es fühlt sich nicht wie ein Abschied an, sondern wie ein gemeinsamer Blick auf ein langes Stück Weg, das wir miteinander gestaltet haben.

Wenn du auf deinen Weg zurückblickst - wie würdest du ihn nachzeichnen?

Elke Gruber: Mein Weg war alles andere als linear, und vielleicht bin ich deshalb der Erwachsenenbildung besonders verbunden. Sie selbst ist ja ein Feld der zweiten Chancen und der Umwege. In der DDR war mir, aufgrund des sozialen Hintergrunds, der direkte Bildungsweg zur Matura verwehrt. Das war eine prägende Erfahrung. Ich habe sie dann am zweiten Bildungsweg nachgeholt - und das hat meinen Blick auf Bildung geöffnet: Bildung kann Räume öffnen, selbst in Systemen, die stark kontrolliert sind.

Das Studium der Medizinpädagogik in Berlin war fachlich spannend und politisch herausfordernd. Und dann kam dieser völlig unerwartete Wendepunkt: die Begegnung mit meinem späteren Mann, der damals als Student aus Österreich zu Gast war. Dass aus einem wissenschaftlichen Austausch eine Lebenspartnerschaft wird, hätte ich nicht gedacht, aber genau so war es. Diese biografische Entscheidung, mit ihm nach Österreich zu gehen, war nur durch die Heirat möglich. Heute wirken solche Umstände absurd, aber damals waren sie Realität.

Du kamst im Zuge der Aktion zur „Beschäftigung stellenloser Lehrer in der Erwachsenenbildung“ an die Uni in Graz, später durch deine Berufungen nach Klagenfurt, und auch wieder zurück.

Elke Gruber: In Österreich habe ich durch die Unterstützung von Werner Lenz, Hans Dvorak und Erich Ribolits sehr schnell Zugang zum Feld der Erwachsenen- und Weiterbildung gefunden- sowohl wissenschaftlich als auch praktisch. Dieser Beginn hat meinen weiteren Weg geprägt: Forschung, Politikberatung, Qualitätsentwicklung und institutioneller Aufbau gehen für mich seither Hand in Hand.

Klagenfurt war für mich eine enorm produktive Zeit. Die Universität war klein, die Wege kurz - vieles ließ sich sehr unmittelbar gestalten. Die Zusammenarbeit mit Kolleg*innen, der Aufbau des Bereichs, die Vielzahl an Projekten und die Begeisterung der Studierenden haben mich dort geprägt.

Die Reisebedingungen waren allerdings mühsam. Drei Stunden von Graz nach Klagenfurt über die Pack (Anm.d.R.: ein Gebirge) - ich hatte genug Zeit, zum Nachdenken, aber es war anstrengend. Auch das ist Teil der biografischen Wahrheit.

In Graz habe ich später einen Lehrstuhl übernehmen dürfen, der historisch große Bedeutung hat, weil es der erste für Erwachsenenbildung war. Es war mir wichtig, diesen Standort weiterzuentwickeln, ihn zu öffnen, internationaler und vernetzter zu gestalten. Die Vielfalt der Rollen - Forschung, Lehre, Herausgeberschaften, Qualitätsentwicklung, Gremienarbeit - hat mich gefordert, aber genau das entspricht meinem Naturell: Ich brauche das Zusammenspiel verschiedener Perspektiven.

Du hast die Entwicklung der Erwachsenenbildung in Österreich jahrzehntelang mitbeobachtet und mitgestaltet. Wie könnte man die Phase, die mit deinem beruflichen Wirken zusammenfällt, in der Geschichte der Erwachsenenbildung künftig bezeichnen?

Elke Gruber: Nach den Phasen von Aufbau, Konstitutierung und Etablierung würde ich die letzten Jahrzehnte als „Ausbau und Wandel der Erwachsenenbildung“ bezeichnen. Österreichs EU-Beitritt 1995 hat das Feld geradezu transformiert. Internationale Kooperation, europäische Förderstrukturen, Qualifizierungsprogramme, Strategien - all das hat neue Spielräume eröffnet. Politik, Wissenschaft und Praxis haben enger zusammengearbeitet als je zuvor. Das war eine außergewöhnliche Zeit.

Du bist ja nicht nur als reflektierende, sondern auch als gestaltende Wissenschafterin bekannt geworden. Wodurch entstand dieses „Window of Opportunity“ in den 2000er-Jahren?

Elke Gruber: Innovation entsteht, wenn Menschen aus unterschiedlichen Rollen Vertrauen zueinander haben und gemeinsame Ziele teilen. Das ist seltener, als man glaubt. Es war ein Zusammenwirken mehrerer Elemente: politischer Wille, engagierte Akteur*innen in der Verwaltung, wissenschaftliche Perspektiven und eine Praxis, die offen für Professionalisierung und Qualitätsentwicklung war. Daraus entstanden Projekte, die bis heute das Feld prägen: die Weiterbildungsakademie Österreich, der Qualitätsrahmen Ö-Cert, nationale und regionale Strategien, die Stärkung der Basisbildung, die Bildungsberatung. Diese Initiativen haben Strukturen geschaffen, die weit über ihre Entstehungszeit hinauswirken.

Dein wissenschaftlicher Zugang war immer stark praxisorientiert. Damit stehst du in einer Tradition mit Wilhelm Flitner und anderen, die Erziehungswissenschaft als eine Wissenschaft von der Praxis - für die Praxis definiert haben. Würdest du das auch so beschreiben?

Elke Gruber: Für mich war Praxis nie nur ein Anwendungsfeld, sondern ein Spiegel. Ein Resonanzboden. Ich wollte nie distanziert analysieren, sondern gemeinsam mit Menschen forschen, die selbst Teil eines Bildungsprozesses sind. Daraus entstand mein partizipativer Forschungszugang: Forschung nicht über, sondern mit den Beteiligten.

Das hat mich in vielen Feldern begleitet - in der Professionalisierung, der Qualitätssicherung, der Politikberatung. Und es hat mich gelehrt, dass Wissenschaft Gestaltungsspielräume hat. Sie kann Dinge bewegen, wenn sie Verantwortung übernimmt.

Was wünscht du „der Erwachsenenbildung“ für die Zukunft?

Elke Gruber: Zwei Dinge. Erstens sollte die Erwachsenen- und Weiterbildung endlich jene Bedeutung erhalten, die ihr zukommt. Betrachtet man die Lebenszeit, ist sie der größte Bildungsbereich. In der öffentlichen Wahrnehmung, der Finanzierung und der politischen Struktur kommt das aber kaum vor. Das ist ein Missverhältnis.

Zweitens darf das Feld nicht zwischen der Pädagog*innenbildung und der Elementarpädagogik zerrieben werden. Beide Bereiche haben zu Recht enorme Aufmerksamkeit erhalten. Aber Erwachsenenbildung muss ihren eigenen Platz behaupten, mit ihrer Methodenvielfalt, ihrer Offenheit und ihrer gesellschaftlichen Funktion. In Zeiten digitaler Plattformanbieter und privater Bildungsstiftungen ist das wichtiger denn je. Bildung muss öffentlich zugänglich bleiben. Das ist für mich ein demokratischer Grundsatz.

Seit 1. Oktober bist du offiziell emeritiert. Wie gehst du mit diesem Übergang um?

Elke Gruber: Mit einer Mischung aus Gelassenheit, Neugier und einer gewissen Wehmut. Ich habe viel Freude daran, mehr Zeit zu haben für Reisen, für meinen Mann, für private Projekte. Gleichzeitig spüre ich aber, dass ich noch Energie habe und mich weiterhin einmischen möchte, ohne meiner Nachfolge etwas auszurichten. Ich werde weiterhin schreiben, kleinere Projekte begleiten, im Ö-Cert-Akkreditierungsrat tätig sein. Ich sehe diesen Übergang nicht als Schlussstrich, sondern als Neuordnung.

Du planst mit deinem Mann Dr. Joachim Gruber ein gemeinsames Buchprojekt. Was hat es damit auf sich?

Elke Gruber: Mein Mann und ich möchten eine Sammlung kurzer Texte über unser Aufwachsen in zwei sehr unterschiedlichen Systemen verfassen - DDR und Österreich. Kleine Beobachtungen, Alltagsgeschichten, Szenen aus Schule, Familie, Arbeitswelt. Das klingt vielleicht unspektakulär, aber wir merken, dass darin sehr viel Zeitgeschichte steckt. Und vielleicht ist das Schreiben über diese Erfahrungen auch eine Form des Übergangs- ein biografisch zentriertes Zeitgeschichteprojekt im besten Sinn.

Das ausführliche Gespräch wurde mit Einverständnis von Elke Gruber gekürzt und zur Veröffentlichung aufbereitet. Ein Interview mit Prof.in Dr.in Maria Stimm, der neuen Leiterin des Fachbereichs Erwachsenen- und Weiterbildung am Institut für Erziehungs- und Bildungswissenschaften der Karl-Franzens-Universität Graz, wird noch vor Jahresende erscheinen.

 

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