Von der Utopie zur Realität: Ring-Tagung 2026 in Linz
Unter dem Motto „Wir gestalten die Welt – von der Utopie zur Realität" lud der Ring Österreichischer Bildungswerke im April 2026 zu seiner alljährlichen Tagung ins Bildungshaus Sankt Magdalena in Linz. Zwei Tage lang setzten sich haupt- und ehrenamtliche Mitarbeiter:innen der Ring-Mitgliedsorganisationen mit der gesellschaftlichen Funktion utopischen Denkens und dessen Bedeutung für die Praxis der Erwachsenenbildung auseinander.
Utopien werden im öffentlichen Diskurs häufig als weltfremde Zukunftsentwürfe abgetan. Dabei liefern utopische Konzepte immer wieder zentrale Impulse für soziale Innovationen und gesellschaftlichen Wandel – die auch in zahlreichen Projekten der lokalen Bildungs- und Kulturarbeit sowie der Gemeinwesenarbeit sichtbar werden. Genau dieses Spannungsfeld zwischen visionärem Denken und konkreter Umsetzung stand im Mittelpunkt der zweitägigen Fortbildung.
Vortrag: Utopische Konzepte als Impulse für gesellschaftlichen Wandel
Den inhaltlichen Einstieg bildete ein gemeinsamer Vortrag von Dr.in Barbara Litsauer (Institut für Wissenschaft und Kunst / Universität Wien) und Assoc. Prof.in Mag.a Dr.in Irene Cennamo (Alpen-Adria-Universität Klagenfurt) unter dem Titel „Utopische Konzepte als zentrale Impulse für soziale Innovationen und gesellschaftlichen Wandel".
Barbara Litsauer zeichnete in einem historischen Rückblick nach, wie frühere Utopien zur gesellschaftlichen Realität wurden: Menschenrechte, Frauenwahlrecht, leistbarer Wohnraum, medizinischer Fortschritt, enzyklopädisches Wissen für alle. „All dies sind Beispiele, die die Wirkmacht utopischen Denkens zeigen. Aber sie zeigen auch, dass Utopien einen prozesshaften Charakter haben und immer wieder neu verhandelt werden müssen“, so Litsauer.
Irene Cennamo rückte den Begriff der „Future Skills“ in den Mittelpunkt - Fähigkeiten, die Menschen befähigen, in einer sich wandelnden Welt souverän, verantwortungsvoll und gemeinschaftlich zu handeln. Besonders hob sie die Visionskompetenz hervor: „jene Fähigkeit, Wirkliches und Mögliches miteinander zu verbinden und daraus Handlungsoptionen zu entwickeln“, so Cennamo.
Projektpräsentationen: Utopische Ansätze in der Bildungsarbeit
Im Anschluss an die theoretischen Inputs eröffneten sechs Projektpräsentationen einen Einblick in die Bildungspraxis. Dabei wurde deutlich, dass utopische Ansätze – in inhaltlicher Breite und Vielfalt gedacht – in der lokalen Bildungs- und Kulturarbeit sowie in der Gemeinwesenarbeit bereits vielfach konkrete Umsetzung erfahren haben: Die Mitmachregion Neulengbach und Umadum steht für partizipative Regionalentwicklung, bei der Bürger:innen aktiv an der Gestaltung ihres Lebensumfelds mitwirken. Der FrauenLernRaum des ASH Forums schafft niederschwellige Bildungszugänge für Frauen, die über konventionelle Angebote schwer erreichbar sind. Das Projekt „Soziales Miteinander / Caring Communities“ des Salzburger Bildungswerks lebt organisierte Nachbarschaftshilfe, die auf gegenseitiger Fürsorge und Unterstützung basiert. Das Klimahörspiel „Wir erinnern uns an die Zukunft" des Freien Radios Innviertel nähert sich klimapolitischen Zukunftsfragen auf künstlerisch-kreativem Weg an. Die ZEITBANK plus setzt das Prinzip eines zeitbasierten Tauschnetzwerks um und erprobt damit alternative Formen wirtschaftlichen Miteinanders. Degrowth Vienna schließlich stellt wachstumsorientierte Wirtschaftsmodelle grundsätzlich infrage und entwickelt Konzepte für ein „gutes Leben für alle“ innerhalb ökologischer Grenzen.
Kreatives Abendprogramm: Stop Motion als Methode
Das Abendprogramm am Freitag bot Raum für einen methodisch-kreativen Zugang zum Tagungsthema: Mit der Stop-Motion-Technik gestalteten die Teilnehmer:innen eigene kurze Filmsequenzen zu ihren utopischen Vorstellungen von Erwachsenenbildung. Die Methode ermöglichte eine spielerische Auseinandersetzung mit dem Thema: Welche Bilder, Begriffe, Objekte oder Szenen verbinden wir mit „Utopie und Erwachsenenbildung“? Mithilfe einer Vielzahl verschiedener Materialien wurde das Thema so auf niederschwellige Weise greifbar und sichtbar. Die gemeinsame kreative Arbeit stärkte dabei nicht nur den Wissenstransfer, sondern auch den Zusammenhalt in der Tagungsgruppe – und bereitete allen große Freude.
Zukunftswerkstatt: Erwachsenenbildung „mit Folgen“
Der zweite Tag stand im Zeichen einer Zukunftswerkstatt unter der Leitung von Mag. Hans Holzinger von der Robert-Jungk-Bibliothek für Zukunftsfragen in Salzburg. Die Methode nach Robert Jungk gliedert sich in Kritik-, Utopie- und Realisierungsphase: Probleme werden benannt, Ideen frei entwickelt und anschließend konkrete Umsetzungsschritte erarbeitet. „Betroffene werden so zu Beteiligten, und aus der Benennung von Problemen entstehen Lösungsansätze“, so Holzinger.
Die Teilnehmer:innen richteten den Blick dabei unter anderem auf folgende Fragen: Wie kann Bildungsarbeit gesellschaftliche Wirkung entfalten? Mit welchen Formaten lassen sich Zielgruppen erreichen, die bislang wenig Zugang zu organisierten Bildungsangeboten haben?
In der Phase der konkreten Umsetzungsschritte entwickelten die Kleingruppen eine Vielfalt an Ideen: aufsuchende Bildungsarbeit, kreative Aktionen zur Gewinnung junger Menschen, Geh-Gespräche, offene Dorfabende und Schnitzeljagden – die Bandbreite der vorgeschlagenen Methoden und Formate zeigte, wie produktiv und ideenreich der gemeinsame Prozess war.
Abschluss: Resümee und Ausblick
Den Abschluss der Tagung gestalteten Prof.in Irene Cennamo und Ring-Generalsekretär Georg Primas mit einem Resümee und Ausblick. Die Tagung habe gezeigt, dass eine als besser gedachte Zukunft nicht nur imaginiert, sondern in gegenwärtigen Praxiskontexten bereits erprobt und sichtbar gemacht werde, so Cennamo. Auch Primas betonte, dass utopisches Denken eine wichtige Ressource der Erwachsenenbildung sei, weil es gesellschaftliche Veränderungsprozesse anstoße und mitgestalte. Die Verbindung aus theoretischer Auseinandersetzung und Zukunftswerkstatt trug dazu bei, visionäre Ideen zu entwickeln und die eigene Bildungspraxis weiterzudenken.
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