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Wie Community Medien kritische Medienkompetenz fördern

26.09.2018, Text: Karin Kulmer, Online-Redaktion
In Zeiten von Digitalisierung und Fake News wird die Förderung einer kritischen Medienkompetenz immer wichtiger. Die ExpertInnen Helmut Peissl und Carla Stenitzer erläutern, warum die Erwachsenenbildung hier gefordert ist und welches Potential der freie Rundfunk als Lernraum für erwachsene MedienproduzentInnen hat.
  • Foto: CC0 Public Domain, https://pixabay.com
    Kritische Medienkompetenz durch aktives Medienhandeln fördern
Medien spielen eine wichtige Rolle für Menschen aller Altersgruppen – als Informationsquelle, als Mittel zur sozialen Interaktion und als Basis der politischen Meinungsbildung. „Medien sind Gegenstände des täglichen Gebrauchs, sie vermitteln Sichtweisen und Orientierungen, sie ermöglichen es, sich zu anderen in Beziehung zu setzen und sie ermöglichen individuelles und kollektives Handeln", formuliert es Medienexperte Helmut Peissl, der sich seit den 1980er Jahren mit Community Medien im Rundfunkbereich beschäftigt und zahlreiche Studien und Projekte im Bereich Medien und Bildung verfasst hat.

 

Digitale Kompetenz bzw. Medienkompetenz ist in den letzten Jahren zu einem allgegenwärtigen Schlagwort geworden. „Dies ist nicht zuletzt auf die problematischen Effekte der dominanten kommerziellen Social Media Plattformen zurückzuführen", so Peissl. Das Thema erhält derzeit viel Aufmerksamkeit bei der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen. Bildungsangebote für Erwachsene sind jedoch rar gesät. Angesichts aktueller Phänomene wie Hate Speech, Filterbubbles oder Fake News ist es allerdings an der Zeit, Medienkompetenz als wichtige Kompetenz für alle Altersgruppen zu fördern und deren Vermittlung vor allem auch als Aufgabe der Erwachsenenbildung zu verstehen.

 

Das Konzept der Kritischen Medienkompetenz

Das Konzept der Medienkompetenz umfasst nach Dieter Baacke (1997) die Aspekte Medienkritik, Medienkunde, kritische Reflexion der eigenen Mediennutzung und Mediengestaltung. Dieses Konzept dient im deutschen Sprachraum bis heute als wichtige Referenz, wie Helmut Peissl erklärt. „Angesichts des Medienwandels müsste das Konzept aber noch um die Aspekte Datenbewusstsein und Privacy erweitert werden."

 

Gerade die eigene Medienproduktion hilft dem Experten zufolge bei der Entwicklung einer kritischen Medienkompetenz. Und diese wird durch die Digitalisierung immer wichtiger – im Web 2.0 können alle mitgestalten. Nichtkommerzielle Community-Medien wie etwa Freie Radios und Community TVs verfolgen solche Mitmach-Ansätze schon seit Jahren. Engagierte Menschen gestalten dort – oft auf ehrenamtlicher Basis – eigene Programme und Sendungen.

 

Community Medien als Lernräume

Viele Menschen finden auf Eigeninitiative zu den Freien Medien, sagt Carla Stenitzer. Sie ist selbst seit 2009 im Feld tätig und leitet den Ausbildungsbetrieb des Freien Radios „Radiofabrik" und des Community TV-Senders „FS1". Auslöser, sich zu engagieren, sind laut Stenitzer beispielsweise private Umbrüche oder politische bzw. mediale Ereignisse – etwa der Umfang mit oder die Darstellung von bestimmten Gruppen oder Ansichten. „Häufig spielt hier eine persönliche Betroffenheit eine Rolle."

 

In Österreich konnte die Möglichkeit, legal als nichtkommerzielles Radio senden zu dürfen, erst nach einem Urteil des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte gegen das Rundfunkmonopol ab 1993 durchgesetzt werden, wie Helmut Peissl erzählt. Im Jahr 1998 gingen die ersten Freien Radios auf Sendung und begannen sich damit – neben öffentlich-rechtlichem und kommerziellem Rundfunk – als dritter Rundfunksektor zu etablieren. Derzeit sind in Österreich 17 nichtkommerzielle Rundfunkstationen aktiv, davon 14 Radiosender und 3 TV-Sender.

 

Kritische Medienkompetenz durch aktives Medienhandeln fördern

Stenitzer zufolge verändert sich die Medienwahrnehmung vieler SendungsgestalterInnen durch die eigene Medienproduktion. „Das Wissen darüber wie Medien produziert werden, ermöglicht auch die Auseinandersetzung mit der Gestaltung ‚fremder' Medieninhalte." So käme es immer wieder zu ‚Aha-Momenten', wenn sich Menschen beispielsweise plötzlich bewusst würden, dass es kein Zufall ist, wenn bei bestimmten TV- oder Radio-Formaten alle Befragten eine (Scherz-)frage falsch beantworten – sondern dass es sich um eine ganz bewusste Auswahl im Schnitt handelt, was in der fertigen Sendung zu hören ist.

 

„Es kommt unseren Beobachtungen nach also nicht nur zu einer technischen, sondern auch zu einer inhaltlichen Auseinandersetzung mit Medien", fasst Carla Stenitzer zusammen. „Natürlich muss gesagt werden, dass diese Aspekte von Person zu Person unterschiedlich ausgeprägt sind und auch damit zusammenhängen, wie stark Personen die Möglichkeiten der Freien Medien wahrnehmen."

 

Wie Erwachsenenbildung Medienkompetenz fördern kann

Beide ExpertInnen betonen, dass es angesichts aktueller gesellschaftlicher Entwicklungen dringend notwendig sei, kritische Medienkompetenz vor allem im Erwachsenenbildungsbereich vermehrt zu fördern. „Hier niederschwellige Bildungsangebote für alle Generationen zu gestalten ist eine Herausforderung für alle engagierten Menschen im Bildungsbereich", so Helmut Peissl.

 

Vor allem die Produktion eigener Medien helfe den TeilnehmerInnen, das eigene Medienhandeln kritisch zu hinterfragen und einen anderen Blick auf fremde Medienprodukte zu gewinnen. Potential bieten Carla Stenitzer zufolge Kooperationen zwischen Einrichtungen der Erwachsenenbildung und Freien Medien – etwa in Form von Workshops, bei denen TeilnehmerInnen eigene Radiosendungen oder Podcasts gestalten.

 

Vorschau: Kritische Medienkompetenz und Erwachsenenbildung zum Nachlesen

Im Herbst 2018 erscheint eine neue Publikation in der Reihe „Dossier erwachsenenbildung.at", die sich mit kritischer Medienkompetenz, Erwachsenenbildung und Community Medien beschäftigt. Das umfangreiche Dossier wird online sowie unter der freien Lizenz CC BY als E-Paper (PDF) sowie als E-Book (EPUB, MOBI) kostenlos zum Download verfügbar sein.

Quelle: EPALE E-Plattform für Erwachsenenbildung in Europa
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