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Fünf Schlüsselbereiche einer Erwachsenenbildung 4.0

01.09.2017, Text: Otto Rath, freier Redakteur/CONEDU, Redaktion: Online-Redaktion
Der Übergang von der Industriegesellschaft in die Wissensgesellschaft fordert von der Erwachsenenbildung neue Zugänge. (Serie: Digitale Erwachsenenbildung)
  • Foto: CC0 Public Domain ArmyAmber/pixabay.com, "apps-digitalisierung-virtuell"
    Von der Industrie- zur Wissensgesellschaft: Trend zu individualisiertem und informellem Lernen durch Digitalisierung
Bildung im Kontext von Arbeit 4.0 soll Arbeitskräfte mit Qualifikationen ausstatten, die in einem digitalisierten Arbeitsumfeld relevant sind. Dazu erschien bereits im März 2017 ein Blogbeitrag auf EPALE. Wenn Arbeit 4.0 allerdings nicht nur als Reaktion auf Industrie 4.0 verstanden wird, sondern als Teil des Übergangs von der Industriegesellschaft in die Wissensgesellschaft, werden Bildungsprozesse mit zusätzlichen Zielvorgaben versehen. Dazu zählen Selbstständigkeit sowie die Entwicklung von Veränderungskompetenz, von Eigenverantwortung und von unternehmerischer Kompetenz.

 

Veränderungskompetenz

Für Alice Fleischer (WIFI Österreich, Vorsitzende der Konferenz der Erwachsenenbildung Österrreichs – KEBÖ) muss Weiterbildung „ermöglichen, mit Veränderungen umgehen zu können, und auch mit digitaler Kompetenz auf neue Herausforderungen reagieren zu können."

 

Veränderung in komplexen Kontexten ist eine Herausforderung, weil Entwicklungen in komplexen Systemen nicht vorhersagbar sind, wie Peter Kruse eindrucksvoll darstellt. Problemlösungen mit erprobten Methoden aus der Vergangenheit funktionieren daher nicht: Das Lernen aus der Vergangenheit wird durch den Verlust der Linearität unmöglich gemacht. Otto Scharmer vom Massachusetts Institute of Technology folgend könnte man auch sagen: Probleme der Zukunft sind mit den Ansätzen aus der Vergangenheit nicht lösbar.

 

In der Theorie U beschreibt Scharmer die Bedingungen gelingender Veränderung und definiert auch Parameter von Bildung 4.0. Scharmer geht davon aus, dass die meisten aktuellen Lernmethoden auf einem Lernen aus der Vergangenheit beruhen und stellt dem das in der Theorie U beschriebene Presencing gegenüber, das das Lernen aus der Vergangenheit durch das Lernen aus der Zukunft ersetzt.

 

Digitale Kompetenzen stärken

Ohne ausreichende digitale Kompetenzen wird eine selbstbestimmte Existenz in der Wissensgesellschaft schwierig. Die Aneignung der notwendigen Kompetenzen findet zunehmend im Kontext des informellen Lernens statt, aber auch in der organisierten Erwachsenenbildung, wo sich die Lernsettings und damit auch die Kompetenzen und Haltungen der Unterrichtenden verändern. Alice Fleischer fasst ihre Sicht der Lehrenden zusammen: „LehrerInnen, keine Be-LehrerInnen. Sie setzen digitale Tools kompetent ein, sie unterstützen Menschen, selbstwirksam und handlungsfähig zu sein und verstehen sich als Lernermöglicher. Sie fördern gezielt die Selbstlernkompetenz, das heißt das Zutrauen und die Fähigkeit sich selbst Wissen anzueignen."

 

Neue Infrastruktur

Erwachsenenbildung 4.0 geht – speziell im digitalen Bereich - über Weiterbildung und Seminarangebote hinaus. Anja C. Wagner, Mitgründerin von und nach Eigendefinition „Bildungsquerulantin" bei FrolleinFlow, weist auf die zentrale Rolle neuer Infrastruktur und neuer Räume für eine selbstständige Art des Lernens hin. So zum Beispiel auf Co-Workings und Makerspaces die es möglich machen, Bildungsprozesse informell und funktional zu gestalten.

 

Die Erwartungen an die Individualität und die Selbstständigkeit der Menschen steigen, der Anteil an informellem Lernen ebenfalls. Ändern wird sich für die Einrichtungen nicht nur die Didaktik und Methodik, sondern auch die Art der Angebote. Als Beispiele für zukunftsfähige Formate, insbesondere im Bereich der digitalen Kompetenzen, seien Nanodegrees, Techhires, Makerspaces und TechShops genannt.

 

Individualisierung

„Die individualisierte Bildung wird die Massenbildung der Industriegesellschaft ablösen.", so Wolf Lotter. „Individualisierte Bildung und nicht das reproduzierte Wissen oder die höchstmögliche Anpassung ermöglicht Exzellenz." Als exzellent werden in diesem Zusammenhang Menschen mit der Fähigkeit verstanden, originär zu sein und einen Nutzen für andere zu erzeugen - nicht jene, die über besondere Fähigkeiten in einem Fachbereich verfügen, dies aber nicht in den Alltag übersetzen können.

 

Wege vom Paternalismus

Anja C. Wagner definiert als aktuelle Zielvorgaben für Bildungsprozesse: „Erwerbstätigen eine Kompetenz zu geben, die es ihnen ermöglicht, aus sich selbst zu lernen, Neues zu entwickeln und für sich selbst einen neuen Job zu schaffen."

 

Dies ist nur möglich, wenn Paternalismus durch den Aufbau von Eigenverantwortung ersetzt wird. „Der Zugang zu neuen Impulsen ist entscheidend. Wir müssen weg vom Denken, dass Bildung die Menschen irgendwohin führt. Wir müssen mehr Vertrauen entwickeln", so Wagner weiter.

 

Die Bedeutung von Eigenständigkeit betont auch Peter Webhofer, Organisator des ersten Smart Work Camps in Graz im Oktober 2016: „Je mehr Technologie, desto wichtiger werden Werte und ethische Einstellungen."

 

Bei all den Möglichkeiten, die sich auf dem Weg zur Wissensgesellschaft - auch durch Work 4.0 auftun – bleibt die jedem Veränderungsprozess innewohnende Unsicherheit: Wer schafft den Sprung in die schöne Welt der digitalen Möglichkeiten bei allem Bemühen nicht, etwa weil das Kapital im Sinne Bourdieus fehlt, und welche Strategien stellen sicher, dass niemand zurückgelassen wird?

Quelle: EPALE E-Plattform für Erwachsenenbildung in Europa