Migrieren, Schreiben lernen, Deutsch lernen
Zehn Frauen und Männern bietet das BHW NÖ Raum, um Lesen und Schreiben auf Deutsch zu lernen. Einige von ihnen können sich bereits spontan auf Deutsch verständigen. Andere versuchen eben noch, sich Grußworte und Anredeformen anzueignen. Sie sind zwischen 16 und 66 Jahren alt, kommen aus Syrien, Afghanistan, Somalia und anderen Nahost-Staaten. Wenige hatten die Möglichkeit, zur Schule zu gehen. Ein paar können in ihrer Muttersprache lesen und schreiben. Gemeinsam ist ihnen, dass sie ihre Zeit nutzen, um sich Sprache und Schrift anzueignen. Die reine Unterrichtszeit ist knapp bemessen: drei Unterrichtseinheiten fasst das Lernangebot - einmal die Woche.
Ausgangspunkte
Interessanterweise kamen alle bisherigen Teilnehmenden mit Buchstaben-Kenntnissen. Sie konnten einzelne Buchstaben schreiben, oft benennen; die dunklen Vokale (a und o) deutlich sprechen. Bilder von Gegenständen, Farben, Kärtchen mit Darstellung von Tätigkeiten in Kombination mit Schwungübungen, Lautlokalisierung und Lautdiskriminierung boten immer wieder die Ausgangspunkte der Arbeit. Ein überschaubarer Wortschatz, der in einfachen Übungsformaten mit direkter Rückmeldung geübt wird, erwies sich als gruppentauglich. Wiederkehrende Übungsformen in ähnlicher zeitlicher Abfolge werden von den Lernenden geschätzt: Sie dienen der Orientierung, bringen Rhythmus in die Gruppe und lassen Handlungssicherheit entstehen.
Abläufe
Ein paar Dinge haben sich als Fixpunkte im Alphabetisierungskurs etabliert: Die Wiederholung von Namen oder Wörtern zu Beginn (meist im Kreis) und das SMS an alle Anwesenden am Ende; Inhalt: "Kurs am [Datum des nächsten Kurstages]". Alle haben ein Handy, die meisten ein Smartphone. Das SMS zu beantworten kann sich aber fast niemand leisten. Die Werteinheiten werden sorgsam für den Kontakt mit den Zurückgelassenen gesammelt und aufgespart. Allerdings erhalte ich als Kursleiterin öfter mal WhatsApp- oder imo-Nachrichten; vereinzelt kommen sogar Anrufe, Audio-Nachrichten oder Videos herein. Es kann durchaus sein, dass das Einloggen in ein kostenloses WLAN auch außer Haus genutzt wird. Im Haus jedenfalls ist es ein wunderbarer Anwendungsfall für das Diktieren und Eintippen von Buchstaben und Ziffern.
Tempo
Es gibt zwei gegensätzliche Faktoren, die das Arbeitstempo im Kurs bestimmen: Der eine ist die Erwartung, ohne Umschweife ans Ziel zu gelangen; der andere die Erschöpfung nach körperlichen und psychischen Strapazen, verbunden mit dem Wunsch, getragen zu werden. Die Herausforderung besteht darin, beide Faktoren beim Aufbau einer arbeitsfähigen Gruppe zu berücksichtigen. Geglückt ist das bis jetzt immer dann, wenn Gestaltungsmöglichkeiten und Handlungsrahmen auf einander abgestimmt waren: beispielsweise beim Benennen eines Gegenstandes, dem Heraushören einzelner Laute, dem lautweise Aufbauen des Wortes, dem Trennen eines Wortes in Silben (mit Papier und Schere), dem Zusammenbauen eines Silbenpuzzles, dem Einordnen eines selbst erstellen Silbenklappbuches in das alphabetische Register der eigenen Kursmappe.
Erwartungen
So werden im Sprachhandeln mit Materialien Lernvoraussetzungen klar und Fortschritte bewusst. Das ist eine essenzielle Voraussetzung für ein Kursgeschehen, in dem Erwartungen und Ziele nicht metasprachlich ausgehandelt werden können. Eindeutig übertroffen haben die Kursteilnehmenden jedenfalls meine Erwartungen an ihre Geduld: War eine Übung auch noch so unverständlich, es wurden Arbeitsweisen und Lösungen präsentiert. Es scheint, als wäre diese Geduld in ihrem Leben schon besonders geschult worden.
Perspektiven
Was heißt das nun für förderungsrelevante Kategorien wie Lernergebnis-Orientierung, sprachliche Förderung und lebenslanges Lernen? Ein passender Alphabetisierungskurs kann da wohl ein Beitrag zur Erhöhung der Partizipationschancen sein; genauso wie eine aufnahmefähige Wohnumgebung, eine lernförderliche Arbeitsmöglichkeit und letztendlich die Aussicht auf ein existenzsicherndes Leben.
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