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Kompetenzanerkennung wissenschaftlich erforscht

21.09.2020, Text: Petra Steiner, wba, Redaktion: Karin Reisinger, wba
Was macht Professionalität bei der Validierung von Kompetenzen aus? Wissenschaftliche Untersuchung bringt Ergebnisse zu diesem Neuland im Bildungsbereich.
  • Foto: CC0 Public Domain, Shutterstock, http://shutterstock.com
    Validierung wissenschaftlich beforscht
Von 2015 bis 2018 wurde das Kompetenzanerkennungsverfahren Weiterbildungsakademie Österreich (wba) beforscht. Das ForscherInnenteam vom Österreichischen Institut für Berufsbildungsforschung (öibf) und von den Arbeitsbereichen Erwachsenenbildung und Weiterbildung bzw. Erwachsenenbildung und berufliche Bildung (Universität Graz und Klagenfurt) klärt mittels empirischer Erhebung erstmals in umfassender Weise, was Professionalität und Expertise bei Validierungsfachkräften ausmacht.

Offene und wertschätzende Elemente sind auch bei abschlussorientierter Kompetenzanerkennung von Bedeutung

Aus individueller Sicht ist bei Validierungsverfahren die Unterscheidung zwischen summativer Validierung und formativer Validierung von Bedeutung. Summative Validierung führt zu einem Abschluss, zu einem Zertifikat, formative Validierung findet dagegen in einer offenen beschreibenden Form statt, am Schluss steht beispielsweise ein mehrseitiges Portfolio (vgl. dazu den Artikel "Wie das Anerkennen von Kompetenzen gelingt"). Wenn bei summativen Verfahren der Abschluss und ein "Zertifikat" im Vordergrund stehen, so ist bei formativen Verfahren der persönliche Gewinn im Vordergrund, indem die eigenen Kompetenzen begleitet und angeleitet reflektiert werden.

 

Die wba gehört zu den summativen Validierungsverfahren und führt zum Abschluss "Zertifizierte/r Erwachsenenbildner/in" sowie auf der Stufe 2 zum Abschluss "Diplomierte/r Erwachsenenbildner/in". Eine der vielen Erkenntnisse der Begleitforschung der wba-Kompetenzanerkennung ist, dass auch bei summativen Verfahren die formativen Aspekte wichtig sind, bzw. wichtig sein können. Die WissenschaftlerInnen kommen neben der Diagnose, dass Professionalität und Expertise vorhanden sind, zu dem Schluss, dass die formativen (offen beschreibenden) Teile der Kompetenzanerkennung vermehrt eingesetzt werden sollten, da diese beispielsweise "berufs-biografische Wertschätzung und systematische Darstellung von Erfahrungswissen" ermöglichen (vgl. dazu die Empfehlungen zum Umgang mit den Nachweisformen im Forschungsbericht auf Seite 207ff.).

Validierungsfachkräfte halten die Spannung zwischen prüfender und fördernder/pädagogischer Haltung

In diesem Zusammenhang steht das Ergebnis der wissenschaftlichen Begleitforschung, dass die wba-MitarbeiterInnen über eine "pädagogische Haltung" bei der Anerkennungsarbeit verfügen (vgl. dazu den Abschlussbericht ab Seite 135). Das heißt, sie stellen bewusst das Individuum in den Fokus, haben einen wertschätzenden Zugang und weisen auf informell erworbene Kompetenzen hin, die mitunter auf den ersten Blick nicht sichtbar sind. Die Validierungsfachkräfte der wba prüfen eingereichte Nachweise nicht nur, sondern achten auch aktiv auf das nicht auf den ersten Blick sichtbare Potenzial der wba-KandidatInnen. Sie fordern zum Beispiel dazu auf, im Berufsleben erworbene Kompetenzen zu beschreiben und einzureichen. Diese Kompetenzen, bzw. deren Wert und Verortung im Anerkennungsverfahren, sind den Personen selbst oft nicht bewusst. Die Validität der Kompetenzanerkennung, also die "Gültigkeit", eines der höchsten Qualitätskriterien von Validierung, ist insofern gegeben, als die Kompetenzlage der ErwachsenenbildnerInnen damit erfasst wird. ErwachsenenbildnerInnen werden im Falle der wba darüber hinaus aber auch in ihrem Potenzial zu Weiterentwicklung erkannt und behandelt.

 

Im Forschungsbericht wird ein Spannungsfeld zwischen beiden Zugängen diagnostiziert, die "prüfende Haltung" – also das Achten auf Vorgaben, Leitprinzipien und formale Abläufe – des wba-Personals wird einer "pädagogischen Haltung" gegenübergestellt. Für die Professionalität von Validierungspersonal von summativen Anerkennungsverfahren bedeutet dies, dass beide Zugänge, auch wenn sie sich mitunter widersprechen, berücksichtigt, ausgehandelt und in Balance gehalten werden müssen. Im Abschlussbericht wird dies so formuliert: "Im Rahmen von Validierungsverfahren, die auf die Anerkennung von Kompetenzen anhand vordefinierter Standards abzielen, ist professionelles Handeln demnach in einem Spannungsfeld zwischen der Anforderung, Nachweise individueller Kompetenzen dem vorgegebenen Qualifikationsprofil objektiv und reliabel zuzuordnen, und dem gleichzeitigen Anspruch die individuelle Bildungs- und Berufsbiografie valide zu berücksichtigen, eingebettet." (ebd. Seite 140). Beschäftigt man sich mit der Definition von "Professionalität" in vielen sozialen Bereichen, so ist genau dieses Ausbalancieren und Gestalten von widersprüchlichen Anforderungen ein Merkmal professionellen Handelns (vgl. ebd. Seite 111f.).

Validierungsfachkräfte haben Expertise für Verfahren, Inhalte und das Anwendungsfeld

Gänzlich neu in der pädagogischen Forschung ist, dass Bereiche der Expertise von Validierungsfachkräften erhoben werden. Die ForscherInnen fanden heraus, dass wba-MitarbeiterInnen drei Typen von Expertise haben müssen, um professionell in der Validierung zu sein (Seite 124ff.): Verfahrensexpertise, Inhaltsexpertise und Feldexpertise.

 

Die Verfahrensexpertise von Validierungsfachpersonal ist das gesamte Wissen über das etablierte Verfahren einer Kompetenzanerkennung. Sie beinhaltet Wissen über folgende Fragen: Wie sind die Abläufe? Welche vorgegebenen Mechanismen gibt es? Was muss in welcher Phase berücksichtigt werden? Welche Qualitätskriterien gelten? (Die wba richtet sich beispielsweise nach den "Cedefop-Leitlinien für die Validierung nicht-formalen und informellen Lernens", in denen Gültigkeit, Vertrauenswürdigkeit, Transparenz, Zugänglichkeit eine große Rolle spielen.)

 

Aber die Verfahrensexpertise allein reicht nicht, es braucht auch die Inhaltsexpertise. Inhaltsexpertise bedeutet, dass die Validierungsfachkräfte die Anforderungen laut den Vorgaben, im Fall der wba des Qualifikationsprofils genau kennen, und darüber hinaus verstehen, was sich inhaltlich hinter Nachweisen verbirgt. Sie wissen über unterschiedliche Lernformate wie Lehrgänge, Kurse, Online-Formate Bescheid und wissen, was das für den Kompetenzerwerb bedeutet. In der Praxis hören sich die Gedankengänge des Validierungspersonals während der Vorbewertung eines Portfolios einer Kandidatin so an: "... mein Kopf rattert ständig, das haben wir im Qualifikationsprofil drinnen welche Kompetenzen gibt's und was passt da jetzt schon irgendwie zusammen ..." (Transkriptauszug aus dem "Laut-Denken-Protokoll", ebd. Seite 125).

 

Und zuguterletzt fanden die ForscherInnen auch einen Expertisebereich, den sie Feldexpertise nennen. Damit sind Wissen und Erfahrung gemeint, die in diesem Fall zum gesamten Feld der Erwachsenenbildung gehören und die die richtige Gewichtung und Deutung von Nachweisen innerhalb der Kompetenzanerkennung komplettieren. Diese Feldexpertise ist deshalb vonnöten, da es beim wba-Abschluss um einen Abschluss im Berufsbereich "Erwachsenenbildung" geht. Das heißt, bei anderen Validierungsverfahren wird die "Feldexpertise" anders gelagert sein. Ob sie in jedem Validierungsverfahren vonnöten ist, geht aus der vorhandenen Forschung nicht hervor. In der Praxis hören sich die Gedankengänge des Validierungspersonals während der Vorbewertung eines Portfolios einer Kandidatin so an: "...und das alles zusammengefasst was sie macht, alles ganz einschlägig Erwachsenenbildung, da muss man immer drauf schauen, weil es gibt dann Grenzfälle, aber in ihrem Fall ist das kein Grenzfall [...] – was mir halt auffällt, was mir wichtig ist, die Praxis wird in jedem Fall anerkannt, das ist keine Frage, weil sie so lange und so einschlägig in der Erwachsenenbildung ist." (Transkriptauszug aus dem "Laut-Denken-Protokoll", ebd. Seite 126f)

Validierung kann durch pädagogische Zugänge zu Eigenverantwortung, Emanzipation und Bildung beitragen

Die ForscherInnen schlussfolgern, dass eine Validierungspraxis, die nicht auf bürokratisches Bewertungshandeln reduziert werden soll, durch pädagogische Zugänge Möglichkeiten für Eigenverantwortung, Emanzipation und Bildung schaffen kann. Das ist eine gute Nachricht. Validierungspersonal soll dafür über Verfahrens-, Inhalts- und Feldexpertise verfügen und zur professionellen Aushandlung zwischen einer prüfenden und einer pädagogischen Handlungsorientierung befähigt sein (vgl. dazu ebd. Seite 140). An dieser Stelle sollen als Denkanstoß zwei Fragen gestellt werden, die im Rahmen von Validierung zu diskutieren sind: Ist ein Validierungsverfahren denkbar, das auf pädagogische Zugänge verzichtet und damit nur mehr bürokratisch orientierte Bewertung ist? Und was wären die Folgen von derartigen rein technizistischen Validierungsverfahren für Individuum und Gesellschaft?

Knowhow-Entwicklung zu Kompetenzanerkennung geht weiter

Derartige Fragen müssen in der Weiterentwicklung von Kompetenzanerkennung berücksichtigt werden. Mit der vorgestellten Begleitforschung jedenfalls ist ein Schritt zur Bestimmung von Professionalität bei Validierungspersonal getan. Das im vorgestellten Forschungsprojekt gewonnene Wissen wird darüber hinaus in weitere Projekte eingespeist – beispielsweise wirken sowohl die wba als auch eine Forscherin vom öibf im Erasmus+-Projekt PROVE mit, bei dem es um Kompetenzmodelle für Validierungsfachpersonal geht.

 
 
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