Wie Erwachsenenbildung mit Flucht und Asyl umgeht
Erwachsenenbildung nimmt eine Schlüsselrolle ein
Erwachsenenbildung nimmt bei der Bewältigung der mit Flucht und Asyl verbundenen Herausforderungen eine Schlüsselrolle ein. „Bildungseinrichtungen sind besonders gefordert, da die Qualifikationen der Flüchtlinge so rasch wie möglich an am österreichischen Arbeitsmarkt verwertbare Kompetenzen herangeführt werden müssen", schreibt die bekannte Migrationsforscherin Gudrun Biffl. Sie plädiert für ein stufenweises Heranführen der Geflüchteten an den Arbeitsmarkt und diskutiert verschiedene Möglichkeiten dazu. Von Praktika oder Produktionsschulen über Einbindung in Freiwilligenorganisationen bis hin zu einem Integrationsmonitoring reichen ihre Vorschläge. Anstrengungen für eine rasche Integration der Flüchtlinge, so Biffl, trügen dazu bei, dass diese „ihre Potenziale entfalten, ein eigenständiges Leben führen können und damit sich selbst und der Gesellschaft ‚von Nutzen' sind".
Die Gruppe der Geflüchteten ist aber keineswegs auf eine passive Zielgruppe von Erwachsenenbildung zu reduzieren, die an zu beseitigenden Defiziten leidet. Integration ist ein mehrseitiger Prozess, bei dem Lernen und Bildung nicht nur von der aufnehmenden Mehrheitsgesellschaft ausgeht. Beim ehrenamtlich geführten Verein KAMA beispielsweise können Asylsuchende und Asylberechtigte in selbst gestalteten Kursangeboten ihr Wissen mit anderen Menschen ohne Fluchthintergrund teilen. So sollen soziale Lernprozesse angestoßen sowie verinnerlichte Vorurteile, Barrieren und Ängste hinterfragt und abgebaut werden, schreiben Katja Kloimstein und Anita Pichler vom KAMA im aktuellen Meb.
Bildungsarbeit mit Geflüchteten soll Normalitäten infrage stellen und nicht unreflektiert erzeugen
Neben der Forderung nach einer raschen Integration steht im aktuellen Magazin auch die Frage im Raum, wie Strukturen und Angebote von Erwachsenenbildung herrschende Machtverhältnisse und paternalistische Strukturen reflektieren. Thomas Fritz von den Wiener Volkshochschulen fragt in seinem Beitrag pointiert: „Ist die Erwachsenenbildung in Österreich eine ‚Benimmschule' für ‚unzivilisierte Geflüchtete' oder ein Ort der politisch bewussten, emanzipatorischen Bildung, die sich vor allem durch eine Begegnung auf Augenhöhe, Diskursivität und eine klare humanistische Haltung auszeichnet?". Der Autor fordert die Institutionen der Erwachsenenbildung auf, diesbezüglich eine kritische Position zu beziehen und danach zu trachten, dass ihre KursleiterInnen nicht zu Sprachen- und WertevermittlerInnen reduziert werden.
Um einen solchen Ort zu gestalten, fordern die VertreterInnen des Linzer Vereins das kollektiv ein permanentes Hinterfragen von herrschenden Normen, Regeln und Strukturen. Kritische Bildungsarbeit solle die Utopie eines gleichberechtigten Miteinanders zum Ziel haben und Veränderungen anstoßen.
„Müssen es immer Flüchtlingsströme sein?"
Dass mit den Berichten über Flucht und Asyl zahlreiche Vorurteile und Wertungen verbunden sind, zeigt sich nicht zuletzt im Sprachgebrauch. „Müssen es wirklich immer wieder ‚Flüchtlingsströme' oder ‚Flüchtlingswellen' sein, die über Österreich ‚hereinbrechen'?" fragen die beiden Herausgeberinnen Julia Schindler und Christa Sieder im Editorial der Ausgabe. Die Sprachwissenschaftlerin Constanze Spieß rät daher zu einem kritischen Umgang mit derlei Metaphern und empfiehlt stattdessen wertneutral von Migrations- oder Zuwanderungsbewegungen zu sprechen.
Gemeinsamer Tenor der Beiträge des aktuellen Magazins: Es ist an der Zeit, dass Erwachsenenbildung in der Migrationsrealität ankommt und diese mitgestaltet.
Magazin um redaktionelle Beiträge erweitert
Eine redaktionelle Erneuerung erweitert das seit 10 Jahren bewährte Konzept des Magazin erwachsenenbildung.at. Auf den Call for Papers hin eingereichten Beiträge werden ab der aktuellen Magazinausgabe durch redaktionelle Beiträge ergänzt, um das Thema zu vertiefen und die Lektüre für die Leserinnen und Leser noch interessanter zu machen.
Online-Diskussion zur Ausgabe am 29. Juni
All jene, die sich näher über das Thema des aktuellen Magazin erwachsenenbildung.at informieren möchten, haben am Donnerstag den 29. Juni 2017, Gelegenheit dazu: Ab 15:30 findet die einstündige Online-Diskussion „wEBtalk" statt. Herausgeberin Julia Schindler gibt dabei einen Überblick über Flucht, Asyl und Erwachsenenbildung, Christine Weiss von ISOP und VertreterInnen von KAMA Linz erzählen aus der Praxis. Teilnehmen kann man einfach und kostenlos über das Internet. Mehr unter diesem Link.
Fachmedium und aktuelle Online-Information
Magazin erwachsenenbildung.at (Meb) ist das Fachmedium für Forschung, Praxis und Diskurs der österreichischen Erwachsenenbildung. Es wird vom Bundesministerium für Bildung (BMB) gemeinsam mit dem Bundesinstitut für Erwachsenenbildung (bifeb) dreimal jährlich herausgegeben und vom Verein CONEDU redaktionell koordiniert. Eingereichten Artikel durchlaufen ein Review von ExpertInnen des Fachbeirats. Das aktuelle Magazin erscheint parallel zur kostenlosen auf https://erwachsenenbildung.at/magazin erhältlichen Online-Ausgabe auch im BoD-Verlag und ist als Druckausgabe zum Selbstkostenpreis von EUR 12,99 oder als preiswertes E-Book erhältlich.
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