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Finanzielle Grundbildung mit MigrantInnen gestalten

13.12.2017, Text: Birgit Aschemann und Karin Kulmer, Online-Redaktion
Bei der Diskussion über spezielle Financial Literacy-Angebote für MigrantInnen darf strukturelle Benachteiligung nicht außer Acht gelassen und Armut nicht mit fehlender Kompetenz verwechselt werden.
  • Foto: CC0 Public Domain, http://pixabay.com
    Financial Literacy: Wichtige Grundlage, aber kein Allheilmittel zur Armutsbekämpfung
Finanzkompetenz ist unter dem Schlagwort „financial literacy" auch in Österreich in den Mittelpunkt von Diskussionen gerückt. Die Gründe dafür sind vielfältig: Wirtschafts- und Finanzkrisen, aber auch steigende Verschuldung und die Zunahme prekärer Arbeitsverhältnisse. Für finanzielle Grund- bzw. Allgemeinbildung, Finanzkompetenz oder Financial Literacy kursieren nicht nur verschiedene Bezeichnungen, sondern auch eine Fülle an Definitionen. Letztlich verfolgen sie alle ein gemeinsames Ziel, nämlich den guten Umgang mit der knappen Ressource Geld.

 

Was man können muss, um finanzkompetent zu sein

„Wer mit dem eigenen Geld und dem eigenen Konsumverhalten umgehen kann, ist weniger gefährdet, in die Schuldenfalle zu tappen", so Thomas Mader von KLARTEXT – Schuldnerberatung Oberösterreich. Zentrale Inhalte einer grundlegenden finanziellen Bildung seien daher sowohl Grundwissen über Gesetze und Verschuldung, als auch das Auskommen mit den eigenen Einkünften oder die Reflexion des Konsumverhaltens.

 

WU-Professorin Bettina Fuhrmann zufolge erweist sich Finanzkompetenz als bedeutende Voraussetzung, um in alltäglichen finanziellen Angelegenheiten sinnvolle Entscheidungen treffen zu können. Menschen, die finanziell gut zurechtkommen, unterscheiden sich demnach vor allem durch ihre Verhaltensweisen und Einstellungen von anderen. Sie überlegen tendenziell länger vor einer Kaufentscheidung, achten darauf, ihre Rechnungen pünktlich zu bezahlen und sparen mehr an.

 

Studien zeigen Aufholbedarf bei Financial Literacy

Financial Literacy ist ein „life skill" – eine Fähigkeit mit unmittelbar lebensrelevanten Auswirkungen. In Schulen würde das Thema eher theoretisch behandelt und zu wenig auf das eigene Leben umgelegt, so Martin Taborsky, Mit-Autor der Studie „Financial Literacy in Austria".

 

Empirische Befunde orten großen Aufholbedarf bei der Financial Literacy in Österreich. „Finanzkompetenz – nicht genügend", lautet die Diagnose von Bettina Fuhrmann. Sie zeigt, dass nicht nur bei Menschen mit geringem Bildungsniveau, sondern auch bei SchülerInnen kaufmännischer Schulen und Studierenden der Wirtschaft erhebliche Wissenslücken vorhanden sind.

 

Financial Literacy: Kein Allheilmittel zur Armutsbekämpfung

Fuhrmann zufolge haben zehn Prozent der österreichischen Haushalte Probleme, ihre laufenden Ausgaben zu bestreiten und offene Rechnung zu bezahlen.

 

Wenn Menschen mit den ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln nicht auskommen, ist dann immer mangelnde Financial Literacy schuld? Nein, sagt Katharina Kurzmann – wenn beispielsweise prekäre Lebensbedingungen vorlägen, dürfe das nicht auf fehlende individuelle Kompetenzen geschoben werden. Denn „Armut ist kein Mangel an Kompetenz, sondern Gegenstand gesellschaftlicher und staatlicher Verantwortung."

 

Financial Literacy ist demnach zwar eine wichtige Grundlage und kann marginalisierte Gruppen ein Stück weit stärken, stellt aber kein Heilmittel zur Bekämpfung struktureller Armut dar. Sie muss also Hand in Hand mit staatlichen bzw. politischen Maßnahmen zur Armutsbekämpfung gehen.

 

Finanzkompetenz bei MigrantInnen

Kurzmann bietet bei einem Wiener Träger Sozialberatung für MigrantInnen an und hat sich in einer Abschlussarbeit mit finanzieller Grundbildung von und für MigrantInnen beschäftigt. Finanzielle Probleme sind ihr zufolge tatsächlich ein häufiges Thema in der Beratung, wobei oft prekäre Lebenssituationen vorlägen. Während eine höhere Armutsgefährdung von Menschen mit Migrationshintergrund durch Studien belegt ist, gibt es keine Belege für einen Zusammenhang zwischen mangelnden Finanzkompetenzen und einer unwirtschaftlichen Haushaltsführung bei MigrantInnen.

 

Das illustrieren auch die Erfahrungen aus der Migrantinnen-Beratung im Frauenservice Graz. Migrantinnen, die mit finanziellen Themen dorthin kommen kommen, leben oft sehr sparsam und können gut rechnen. Allerdings haben sie wenig Geld und wenig Spielraum für Unvorhergesehenes und sind daher oft besonders gefährdet, in finanzielle Notlagen zu geraten.

 

Ansätze für die Gestaltung finanzieller Grundbildung

Wie kann finanzielle Grundbildung für MigrantInnen sinnvoll gestaltet werden?
Ein Bericht der OECD aus dem Jahr 2015 empfiehlt, spezielle Angebote für MigrantInnen einzuführen. Die AutorInnen Adele Atkinson und Flore-Anne Messy betrachten die Situation finanzieller Grundbildung von MigrantInnen auch unter dem Aspekt finanzieller Rückflüsse in die Herkunftsländer, die für viele Familien essentiell sind. Mehrsprachigkeit, die Einbeziehung weiterer Familienmitglieder und die inhaltliche Behandlung transnationaler Bankgeschäfte sind als Inhalte solcher Angebote besonders wichtig.

 

Ewelina Mania und Monika Tröster möchten finanzielle Grundbildung stärker in der Basisbildung verankern. Sie haben dazu ein Kompetenzmodell entwickelt, das die Anforderungen im Bereich „Umgang mit Geld" explizit und ausschließlich auf Basisbildungsniveau beschreibt. Das Modell hilft bei der Planung konkreter Bildungsangebote – in der Arbeit mit MigrantInnen sollten dabei migrationsspezifische Erfordernisse mitbedacht werden.

 

Im Rahmen der Initiative Erwachsenenbildung ist Financial Literacy bereits heute ein impliziter Bestandteil von Basisbildungsangeboten für MigrantInnen. Die TeilnehmerInnen in Basisbildungskurse erwerben Grundfertigkeiten wie Alltagsmathematik nicht kontextfrei, sondern immer in Bezug zu praktischen Alltagssituationen. Sie üben beispielsweise das Rechnen mit Geld anhand von Einkaufs- und Haushaltssituationen in Verbindung mit den entsprechenden Wörtern, Dialogen und Redewendungen auf Deutsch. Diese verschränkte und alltagsnahe Vermittlung von Grundkompetenzen ist durch die „Prinzipien und Richtlinien für Basisbildungsangebote" sichergestellt, zu deren Umsetzung sich alle Kursanbieter verpflichten.

Weitere Informationen:
Quelle: EPALE E-Plattform für Erwachsenenbildung in Europa