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„Im ‚Neuen‘ und ‚Falschen‘ steckt sehr viel Überraschendes"

20.09.2017, Text: Bianca Friesenbichler, Online-Redaktion
Die Theaterpädagogin Dagmar Ransmayr hilft als Leiterin und Regisseurin der MigrantInnen-Theatergruppe „Die Fremden“ MigrantInnen dabei, ihre Geschichten, Themen und Rollen auf die Bühne zu bringen. So werden sie sicht- und hörbar.
  • Foto: Theatergruppe Die Fremden
    Dagmar Ransmayr: Nominiert in der Kategorie "ErwachsenenbildnerIn 2017: Entwicklung durch Bildung"
Unter allen Einreichungen für den diesjährigen Staatspreis für Erwachsenenbildung hat die Jury in der Rubrik „ErwachsenenbildnerIn 2017" drei Personen nominiert: Manuela Vollmann, Dagmar Ransmayr und Ute Paulweber. Im folgenden Artikel werden die erwachsenenbildnerischen Tätigkeiten von Dagmar Ransmayr näher vorgestellt. Interessierte können noch bis 10. Oktober online abstimmen.

 

Theaterpädagogin in interkulturellen und inklusiven Settings

Dagmar Ransmayr ist Supervisorin, Organisationsentwicklerin, Beraterin, Trainerin und Theaterpädagogin. „Ich arbeite seit 27 Jahren im Feld der Erwachsenenbildung - vorwiegend im niedrigschwelligen Bereich und mit marginalisierten Personengruppen, die selten eine Lobby haben, die für sie spricht oder sich für sie einsetzt. Interkulturelle und diverse Arbeits- und Zielgruppen sind mir sehr vertraut", so Ransmayr.

 

Ihr Fokus liegt auf der Theaterpädagogik. 1992 gründete sie die damals erste MigrantInnen-Theatergruppe Österreichs „Die Fremden", die sie seither ehrenamtlich leitet. Seit 2003 ist sie Vorstandsmitglied und ehrenamtliche Projektmitarbeiterin für Aktion Regen, ein Verein für Entwicklungszusammenarbeit, sowie Lehrende und Praxisleiterin an der Schule für Sozialbetreuungsberufe der Caritas Wien, Ausbildungs-Supervisorin und Ansprechperson für Studierende mit Migrationshintergrund.

 

„Die Fremden" – MigrantInnen eine Stimme geben

Mit dem Theaterspielen bietet Dagmar Ransmayr Menschen, die in Österreich ihre neue Heimat gefunden haben, auch wenn sie nur geringe Deutschkenntnisse haben, eine Ausdrucksform. Seit 1992 haben 75 Personen aus 41 Ländern in 21 Produktionen und bei rund 500 Aufführungen der Theatergruppe „Die Fremden" mitgewirkt.

 

Die SpielerInnen zeigen ihre Geschichten, Sehnsüchte, Biografien, Ängste und Wünsche auf der Bühne und werden dadurch sichtbar und hörbar. „Ich unterstütze Menschen dabei, ihre Themen auf die Bühne zu bringen und sich mit Stolz aus der Sprachlosigkeit heraus zu bewegen", so Ransmayr. Die Theatergruppe thematisiert auch Fragen des Zusammenlebens und der aktuellen politischen Diskussion sowie Fragen einer diversen, inklusiven Gesellschaft. Unterdrückung und Unterdrückt-Werden sind dabei zentrale Themen, die aber auch kritisch hinterfragt werden.

 

„Die SpielerInnen trotzen durch ihre unterschiedlichen Deutschkenntnisse und Akzente einer traditionellen Theaterperfektion", so Ransmayr. „Im ‚Neuen' und ‚Falschen' steckt sehr viel Überraschendes und Poetisches. Die Irritation aufgrund des Spiels mit Sprache erzeugt bei den ZuseherInnen manchmal selbst Fremdheit. Es entsteht eine ungewohnte neue Welt, auf die sie sich einlassen (müssen), in der traditionelle künstlerische Ansprüche neu gemischt werden."

 

Theater durch Dialog, Spontanität und Diskussion

Dagmar Ransmayr arbeitet als Leiterin und Regisseurin der Theatergruppe nach den Methoden des Theaters der Unterdrückten nach Augusto Boal. Nicht sie bestimmt die Themen und Inhalte der Stücke, sondern die SpielerInnen bringen sie ein – aus ihren Erfahrungen und aus ihrer Lebenswelt. Es sind jene Themen, die die SpielerInnen bewegen, denen sie auf ihrer Reise oder Flucht begegnet sind. „Ich bin Begleiterin, die Teilnehmenden selbst setzen die thematischen Schwerpunkte", so Ransmayr.

 

Die TheaterspielerInnen orientieren sich zunächst nicht an einem auswendig gelernten Text, sondern agieren spontan aus ihrem Fühlen und Handeln heraus. Sie nutzen anfangs Bewegung, Tanz und Pantomime als internationale Sprachen.

 

Zentrales Element bei der Entstehung eines Theaterstückes nach dem Theater der Unterdrückten ist der Dialog. Von der ersten Idee bis zum fertigen Stück ist es ein (zeit-)intensiver Weg mit vielen Diskussionen. Die Aufgabe von Ransmayr ist es, diesen Weg behutsam zu begleiten und Szene für Szene, Figur für Figur aus der Fülle zu schälen. „Ich habe einen sehr langen Atem und sehr viel Geduld in der Arbeit mit Menschen unterschiedlicher Kulturkreise. Manchmal braucht es Zeit", beschreibt Ransmayr ihre Arbeit. So dauert es in der Regel etwa ein Jahr, bis ein Stück fertig ist.

 

Alle Aufführungen werden im Anschluss mit dem Publikum diskutiert. „Nie hat sich ein gespieltes Theater-Produkt als endgültig begriffen. Oft hat der Austausch mit dem Publikum neue Facetten zum Thema ‚Fremdheit' geöffnet und neue Entwicklungen in einem Stück geschaffen", resümiert Ransmayr.

 

Ausblick: Kinder- und Familienschwerpunkt und nächste Produktion „Fahraway"

In Zukunft möchte sich Ransmayr mit der Theatergruppe „Die Fremden" stärker einem Kinder- und Familienpublikum zuwenden. „Viele Teilnehmende sind in den letzten Jahren und Jahrzehnten Eltern geworden, haben ihre Heimat hinterfragt und eine neue versucht zu finden. Die Themen Fremdheit, Diversität usw. für Kinder aufzubereiten, ist eine große Herausforderung, ein reizvoller Plan", so Ransmayr.

 

Für 2017 steht die Produktion „Fahraway" am Programm. Diese ist eine Geschichte über das Auswandern und Zurückkehren. Es geht darin um die Passagiere eines Überlandbusses, ihre Vergangenheit und ihre Erfahrungen mit Migration. Die Produktion versteht sich als Generationengeschichte und eine Geschichte über das Fahren, aber auch eine Geschichte über das (Stecken-) Bleiben, das Festgehaltenwerden und das Ausbeuten von chancenlosen MigrantInnen.

 

Trailer: „Fahraway"