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"Let’s C": Neue Leitung am Bundesinstitut für Erwachsenenbildung

01.09.2014, Text: Anna Head, bifeb
Christian Kloyber übernimmt mit September 2014 die Leitung des Bundesinstituts für Erwachsenenbildung (bifeb). Ein Gespräch über Pläne, Motivation und Schräglage.
  • Foto (c) Sabine Holzner
    Christian Kloyber übernimmt Leitung des bifeb
  • Foto (c) Anna Head
    Im Gespräch über Pläne, Motivation und Schräglage
Was wird deine erste „Amtshandlung“ als Leiter des Bundesinstituts für Erwachsenenbildung (bifeb) sein?
Gut, dass „Amtshandlung“ unter Anführungsstrichen steht, denn dieser Zugang zu meiner Rolle als interimistischer Leiter des Bundesinstituts entspricht mir überhaupt nicht; weder sind wir Amt, noch setze ich Handlungen im autoritären Sinne. Aber ja, ich habe mir vorgenommen einige meiner wichtigen Ziele schon von Beginn an sichtbar zu machen. Das eine Ziel ist nach innen gerichtet: es gilt den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des bifeb und unserem Verständnis von gelingender Zusammenarbeit und unserer Freude in der und für die Erwachsenenbildung zu arbeiten. Nach außen hin ist mein Ziel, die Zusammenarbeit mit Kooperationspartnern, ReferentInnen, ExpertInnen und ErwachsenenbildnerInnen erfolgreich weiterzuführen, auszubauen, zu stärken – und daraus wieder im Diskurs Ziele und Aufgaben zu erkennen, anzupassen und zu entwickeln. Ein weiteres Ziel, das mir am Herzen liegt ist, das bifeb auch in der Region sichtbarer zu machen. Das ergibt sich z. B. aus einer gewissen konsequenten und kritischen Sicht auf unseren Standort und der damit verwobenen Zeitgeschichte.

Was wird sich für dich verändern?
Mit Gelassenheit aber auch mit Tatendrang möchte ich auf diese Frage eingehen. Natürlich kenne ich meine Stärken und mein Entwicklungspotential; vor diesem Hintergrund werde ich wohl mein Zeitmanagement anpassen, Prioritäten neu setzen und noch stärker das Netzwerk des bifeb mitgestalten. Was sich nicht verändern soll ? das möchte ich hier auch gleich anbringen ? ist die Möglichkeit für kreatives und überraschendes Verbinden ungewohnter Zusammenhänge (mein Interesse und mein Expertentum aus anderen Feldern sind hier angesprochen, wie die zeitgenössische Kunst, die Exil- und Emigrationsforschung und internationale Kontakte, die über Europa hinaus reichen).

Dein „mission statement“?
Eigentlich sehe ich weder „mission“ noch ein „statement“ als notwendig an, vielmehr möchte ich ein anderes „Fremdwort“ aus dem Englischen bemühen: commitment. Und für mich übersetze ich das mit „Engagement“ ? also meine Bereitschaft, mein Bemühen, meine Einsatzfreude und die damit verbundene „Selbstverpflichtung“ für die Ziele der Erwachsenenbildung. Diese leite ich vor allem und immer von humanistischen und demokratischen Grundsätzen ab und darum beziehe ich auch die Rolle des Bundesinstituts für Erwachsenenbildung historisch, aktuell und für die Zukunft darauf.

Vor welchen Aufgaben steht das bifeb?
Seit November 1990 bin ich nun am Bundesinstitut für Erwachsenenbildung. In dieser Zeit hat sich die Erwachsenenbildung wesentlich weiterentwickelt und das bifeb steht vor allem in den letzten Jahren wieder aktiv mit im Zentrum dieser Veränderungen. Meine Stichworte hier sind: Das bifeb ist Akteur für die Professionalisierung der Erwachsenenbildung, Ort und Forum für Dialog und Diskurs, Entwicklungspartner und bildungspolitischer Akteur. Das sind auch die wesentlichen Aufgaben. Die Ergebnisse werden sichtbar im Kooperativen System der österreichischen Erwachsenenbildung (Entwicklung und Anerkennung der Professionalität von ErwachsenenbildnerInnen, wie z. B. durch die Weiterbildungsakademie), auf der Ebene von Anbietern von Erwachsenenbildung durch Qualitätsstandards (wie zum Beispiel durch ÖCERT, aber auch durch Programmstandards, wie z. B. mit der Initiative Erwachsenenbildung), und im Mitarbeiten an österreichischen und europäischen Zielen, wie den Zugang zu Basisbildung und Pflichtschulabschluss für Erwachsene. Die Herausforderungen der nächsten Zeit liegen vor allem aber auch in der Umsetzung als Kompetenzzentrum für Erwachsenenbildung. Hier sprechen folgende Stichwörter unsere Aufgaben an: Weiterentwicklung unseres Angebots in der Aus- und Weiterbildung, wie z. B. im Feld der Bildungsberatung und des Bildungsmanagements; Gestaltungsräume weiter führen, als Forum für gesellschaftspolitische Themen wie politische Bildung, Förderung des kritischen Diskurses um Integration, Migration, Mehrsprachigkeit, Dialog zwischen den Generationen...

Das bifeb als Schnittstelle zwischen ministerieller und institutioneller Erwachsenenbildung: Welche Herausforderungen siehst du?
Eigentlich freue ich mich sehr auf die Herausforderungen und die damit verbundenen neuen Aufgaben; dazu gehört ein enges Zusammenarbeiten mit den KollegInnen der Abteilung Erwachsenenbildung des BMBF, um Ziele und Steuerungsaufgaben mit zu tragen und zu entwickeln. Andererseits ist das bifeb einer Tradition verbunden, mit unseren Partnern der Erwachsenenbildung, der Konferenz der Erwachsenenbildung Österreichs (KEBÖ) im gemeinsamen Dialog die Aufgaben der Erwachsenenbildung umzusetzen und ebenso für die Herausforderungen der Zukunft vorbereitet zu sein. Hier gilt es unseren Blick zu schärfen, da sich seit 1973 die Bildungslandschaft grundlegend verändert hat (mit 1973 spreche ich den geltenden Rahmen des „Förderungsgesetzes“ an). Als Stichworte merke ich hier an: der sehr dynamisch gewachsene „neue“ Sektor der Erwachsenenbildung (und ebenso die LLL-Akteure) außerhalb der KEBÖ (NGOs, Vereine, Initiativen, außeruniversitäre Forschung...) sowie die zentripetale Wirkung, also die Auswirkungen nach innen – in die tradierten Bildungsarchitekturen ? durch internationale und europäische Instrumente und Akteure (PISA, PIAAC, EQR; OECD, Europäische Kommission, Europarat, UNESCO; ESF, Erasmus Plus, ...). Hier eine konstruktive, mitgestaltende aber auch kritische und analytische Haltung zu gewährleisten, das sehe ich als eine besondere und schwierige Herausforderung.

Was kann das bifeb bieten?
Das bifeb ist ein „fast“ idealer Ort (mit der Anmerkung: was ist schon „ideal“?) für die Aus- und Weiterbildung von ErwachsenenbildnerInnen, für Dialog und Gespräch, Raum für neue Gedankenzusammenhänge, um Energie für Entwicklungsmöglichkeiten zu schöpfen, interessante Menschen kennenzulernen, Netzwerke auszubauen, Brücken zu schlagen zwischen unterschiedlichen Feldern der Erwachsenenbildung (Forschung, Wissenschaft, Praxis, Kritik, Schule, Beruf, Aus- und Weiterbildung, Kunst, Kultur, Literatur...) und das in einer geografisch und historisch sehr interessanten Region.

Was kann das bifeb leisten?
Als Seminar- und Veranstaltungsort sind wir bemüht, für alle Teilnehmenden an unserem Programm optimale Bedingungen zu bieten: als Aufenthaltsort, als Ort der Entspannung mit gutem Essen und Trinken, als Arbeitsort und als Raum für Lernen und Lehren. Dafür stellen wir Service und Ressourcen möglichst unkompliziert zur Verfügung. Hier erinnere ich an einen besonderen „Service“ des bifeb: wir haben eine der besten Fachbibliotheken der Erwachsenenbildung in Österreich. Als Kompetenzzentrum der Erwachsenenbildung haben wir die Expertise, Erfahrung und Engagement der pädagogischen MitarbeiterInnen des bifeb, ihr Fachwissen und ihre österreichweite und internationale Vernetzung. Aber erst die enge Zusammenarbeit mit den ExpertInnen und ReferentInnen aus Wissenschaft, Forschung, Lehre und Praxis macht unser Programm erst möglich.

Was ist das bifeb für dich?
Seit 1991 ein Teil meiner beruflichen, persönlichen und emotionellen Heimat, der andere Teil liegt weit in der Ferne, aber das ist eine andere Geschichte.

Wie bist du in die Erwachsenenbildung gekommen?
Auch hier lieber kurz und stichwortartig, da sich dahinter eine lange Lebensgeschichte verbirgt: also, 1988 nach 10 Jahren Studium, Forschung und Lehre in Mexiko (Universidad Nacional Autónoma de México, Instituto Politécnico Nacional) konnte ich als Exilforscher an der Ausstellung „Wien 1938“ mitarbeiten – und kam dabei in Kontakt mit der österreichischen Erwachsenenbildung; in Mexiko (Stichwort: Ivan Illich, Manifest von Cuernavaca) war ich für das dortige Unterrichtsministerium mit dem Design von Aus- und Weiterbildung von ErwachsenenbildnerInnen (vor allem Sprache/n, Grundbildung, technische Bildung) betraut. Private und gesundheitliche Umstände brachten mich 1991 wieder nach Österreich zurück, und es bot sich mir eine Arbeitsstelle am Bundesinstitut für Erwachsenenbildung, zuerst für einen engeren Aufgabenbereich (Sprachen, Selbstlernmaterialien), den ich aber sehr bald und auch aus eigener Initiative erweitern konnte.

Was ist deine Motivation für die Arbeit?
Meine Motivation ist die Freude und die Bereicherung im Zusammenarbeiten mit den KollegInnen und MitarbeiterInnen des bifeb. Es ist jeden Morgen einfach schön ins bifeb zu kommen, mit einem „guten Morgen“ den Tag neu zu beginnen, mit der Gewissheit, dass wir ein gutes und verlässliches Team sind. Motivation ist, am bifeb-Campus alt bekannte und vertraute KollegInnen der Erwachsenenbildung zu treffen, die als ReferentInnen mit uns arbeiten, die als TeilnehmerInnen hier sind. Ja, und vor allem auch für mich, hier neue Menschen kennenzulernen und neugierig sein zu dürfen.

Stichwort „Schräglage“:
Das spanische Wort dafür ist die „inclinación“ – die man auch als Hinwendung sehen kann, also als eine Eigenschaft der Motivation. Der Begriff „Schräglage“ kam mir vor kurzem in den Sinn, als ich mit Pablo Ortíz Monasterio – einer der spannenden zeitgenössischen Fotografen in Mexiko ? und seiner Assistentin Corinna Koch an einem kleinen Buchprojekt zum Surrealisten Wolfgang Paalen zu arbeiten begonnen habe (ich hoffe, dass der Bildband bis 2015 fertig wird). Als Grundkonzeption beschäftige ich mich mit der Veränderung durch Bewegung und Richtungswechsel. Bild und Text sollen die Fortbewegung und die Richtungsänderung bei sich steigernder oder rasch abnehmender Geschwindigkeit zum Ausdruck bringen können – wie die Gedanken- und Gefühlswelten des Künstlers in diesem Fall. Kurz vor dem (möglichen) Fallen oder der Beschleunigung. Wie das Denken und Lernen selbst – auf einer anderen Ebene meines Denkens und meiner inneren Dialoge. Die Veränderung der Richtung geschieht dabei immer durch Schräglage (in Analogie zur Kurve beim Fahren mit dem Motorrad oder Fahrrad, usw.); so erklärt sich mein Interesse an der Schräglage als Impuls für die Richtungsänderung und Metapher für Veränderung und Risiko.

Dein Lebensmotto?
Ich hatte schon immer Schwierigkeiten „das“ Lebensmotto zu finden, vielmehr sind es spannende Gedanken, die mich begleiten. Einer dieser herausfordernden Denkanstöße wurde von Hermann Broch in Sprache gefasst: „Wissenslosigkeit ist das Wissen der Schönheit, Erkenntnislosigkeit ist ihr Erkennen, jenes ohne Vorsprung von Denken, dieses ohne Überschuss von Wirklichkeit und in der Erstarrung ihres Gleichgewichts erstarrt das flutende Gleichgewicht zwischen Denken und Wirklichkeit.“ (Hermann Broch, Der Tod des Vergil)

Dein Vorbild?
„Echte“ Vorbilder habe ich im eigentlichen Sinne nicht. Aber ich bewundere viele Menschen und ihre Lebenswege vor allem auch in besonders kritischen und existentiellen Situationen und ihre Entscheidungen, beziehungsweise ihr Werk, ihre Arbeit, ihre Auseinandersetzungen. Vertriebene und Verfolgte durch den Nationalsozialismus zum Beispiel. Als Exilforscher konnte ich da „meine“ besonderen Menschen kennenlernen ? eher Beispielsmenschen als „Vorbildmenschen“ – und unter ihnen die politischen, demokratischen Selbstbewussten, die WissenschaftlerInnen, ForscherInnen, KünstlerInnen, die wenigen politischen Akteure... Und hier ist mir eine Erinnerung sehr wichtig: vor etlichen Jahren in Mexiko sah ich eine Dokumentation über Yehudi Menuhin. Menuhin stand mit nackten Füßen in einer oberösterreichischen Wiese bei Mauthausen. Er sprach über die Opfer des Nationalsozialismus, auch die in seiner Familie, er sprach über die Musik und seine Konzerte auch in Österreich, und meinte, dass er nun mit seinen nackten Füßen in der Erde stünde, die vom Rauch und der Asche seiner jüdischen Bekannten, Familienangehörigen, tausender jüdischer Opfer, Sinti und Roma, Homosexueller, politisch Verfolgter angereichert wurde. Und dennoch und gerade hier mitzuwirken, zu gestalten, und gerade deshalb Lebenswille, Mut, Freude, die schöpferische Kraft (er-/ auf-)leben zu lassen...

Worin wird sich deine Arbeit von der deiner Vorgängerin Margarete Wallmann unterscheiden?
Das wird sich erst später zeigen, ich lege es aber nicht darauf an, mich unterscheiden zu wollen. Vielmehr sehe ich mich in der Rolle eine Aufgabe zu übernehmen und im gemeinsamen Sinne fortzuführen. Mit Margarete Wallmann hat mich von Beginn an viel Gemeinsames verbunden, was die Ausrichtung und die Bedeutung der Arbeit in der Erwachsenenbildung betrifft.

Was habe ich vergessen zu fragen?
Don’t know – let’s C.

Ein Schlusssatz?
Kein Schlusssatz und kein Schlusswort. Ich freue mich auf die neuen Gespräche und die Zusammenarbeit am Bundesinstitut für Erwachsenenbildung.
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