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Das Museum als Ort gesellschaftlicher Verhandlungen

11.12.2020, Text: Michaela Brandl, Basis.Kultur.Wien, Redaktion: Judith Mantler, Basis.Kultur.Wien - Volksbildungswerk/Ring ÖBW
Temporärer Lernraum: In einem aufblasbaren Museum in Wien fand im Herbst ein partizipatives Kulturvermittlungsprogramm statt.
  • Foto: Alle Rechte vorbehalten, God's Entertainment, auf erwachsenenbildung.at
    Das temporäre Museum in Wien: Eine Replik des Guggenheim Museums in New York.
  • Foto: Alle Rechte vorbehalten, God's Entertainment, auf erwachsenenbildung.at
    Das temporäre Museum in Wien: Eine Replik des Guggenheim Museums in New York.
Im Herbst 2020 fand im Rahmen des Kunstförderprogramm SHIFT ein Kulturvermittlungsprogramm in einer besonderen Location statt: In einem temporären Museum, einer aufblasbaren meterhohen Replik des Guggenheim Museums in NY.

GGGNHM – Guggenheim in Floridsdorf?

Von 17. September bis 10. Oktober 2020 war am Floridsdorfer Spitz ein temporäres Museum zu besichtigen: eine meterhohe Replik des Guggenheim Museums in NY, gebaut und bespielt durch das KünstlerInnenkollekiv "God´s Entertainment".

 

In dieser Installation im öffentlichen Raum wurden Arbeiten ausgestellt, die sich mit der Aktualität verschiedener Ereignisse der österreichischen Geschichte, mit "Sachverhalten, Ideen, Potentialen und unbequemen Fragen in einer Zeit des Hin- und Hergerissenseins, zwischen (verklärter) Vergangenheit und Zukunftsangst" befassten. Gezeigt wurden unter anderem Fotografien, Installationen und Performances zu Themen wie Wahlrecht und Arbeiterbewegung. Wie war es damals? Wie ist es heute? In seinem Grundthema widmete sich dieses Museum also unterschiedlichen politischen Geschehnissen aus der Österreichischen und Wiener Vergangenheit mit dem Versuch, gegenwärtige Bezugspunkt aufzuspüren und neu zu verhandeln.
Mit seinem Standort in Floridsdorf wurde das Projekt bewusst an einem dezentralen Ort angesiedelt, auch um dort mit den lokalen BewohnerInnen in Kontakt zu treten. Kulturpolitische und institutionelle Barrieren des Kunstsystems sollen dadurch aufgebrochen werden.

Das Museum als Ort gesellschaftlicher Verhandlungen

Unter der Leitung von Michaela Brandl, der Projektleitung des Projekts SHIFT bei Basis.Kultur.Wien, fand ein die Ausstellung begleitendes Kulturvermittlungsprogramm statt. Ursprüngliches Ziel war es, Interessierte dazu zu motivieren, selbst Führungen im Museum anzubieten und somit die Perspektiven der lokalen Bevölkerung zu einem Teil des Projekts zu machen. Im Vorfeld dazu sollten Workshops mit Interessierten aus dem Bezirk stattfinden. Als wesentlicher Antrieb für die Ausarbeitung der Workshopreihe galt die Frage, wie es möglich sein kann, die Institution Museum zum Ort gesellschaftlicher Verhandlungen zu machen.

 

Aufgrund der Covid19-Pandemie musste das geplante Kulturvermittlungsprogramm abgewandelt angeboten werden. Die Idee, Interessierte als KulturvermittlerInnen einzubinden, konnte nicht umgesetzt werden. Auch die Workshopreihe fand nicht im Vorfeld der Ausstellung sondern direkt in der Ausstellungsphase statt.

Bevölkerungsteilhabe durch Schaffung neuer Kommunikationsräume

Im Fokus der Workshopreihe stand eine gemeinsame Auseinandersetzung mit den künstlerischen Arbeiten, aber auch das Anbieten eines Raums, in dem persönliche Geschichten und Erfahrungswerte über die Vergangenheit geteilt werden konnten.
Insgesamt fanden vier Vernetzungstreffen bzw. Workshops statt, die unterschiedliche (Lern-) Prozesse bei den TeilnehmerInnen angestoßen haben:

Einbindung neuer Wissensformen

Ortsspezifische Erfahrungswerte und persönliche Sichtweisen wurden als Wissensformen in den Workshops durch ihre Einbettung in das Kunstvorhaben neu kontextualisiert und wiederbelebt. Ziel war die Sichtbarmachung und Neubewertung dieser marginalisierten Wissensformen und deren Anerkennung als gleichberechtigte Impulsgeber innerhalb eines kritischen Diskurses. Insbesondere der tendenziellen Exklusion von SeniorInnen und Frauen unterschiedlicher kultureller Herkunft aus dem öffentlichen Diskurs wurde durch das Einbinden des Frauencafès Karl-Seitz-Hof und des Pensionistenclubs Floridsdorf entgegengewirkt. Durch die Integration in ein zeitgenössisches Kunstprojekt wurde ihnen eine zentrale Stimme geben.

BürgerInnen aus dem Bezirk als MultiplikatorInnen

Verschiedene TeilnehmerInnen wie z.B. ZeitzeugInnen aus vergangener österreichischer Geschichte sowie Mitglieder des Frauencafès Karl-Seitz-Hof wurden zu MulitplikatorInnen. Durch ihre Einbindung wurde eine positive Irritation in der lokalen Anwohnerschaft hergestellt und letzte Barrieren für einen Museumsbesuch wurden zu Fall gebracht. Die Erschließung neuer Publikumsgruppen innerhalb der Anwohnerschaft wurde gefördert und das flexible Erproben von Blickrichtungen und Perspektiven auf unterschiedliche Gesellschaftsformen ermöglicht.

Generationenübergreifender Austausch

An den Workshops und Vernetzungstreffen nahmen BürgerInnen unterschiedlicher Generationen und unterschiedlicher Herkunft teil. Dem allbekannten Kulturgut und anerkannten wissenschaftlichen Methode der Oral History wurde in den Workshops wieder Aufmerksamkeit geschenkt. Diese Form der Wissensvermittlung als soziale Praxis stärkte den relevanten Aspekt von sozialem Zusammenhalt im urbanen Raum und der darauf aufbauenden Identifikation mit dem direkten Umfeld.

Neue Perspektiven in der sozialen Wahrnehmung

Mit der Entscheidung zur Workshopteilnahme verließen die TeilnehmerInnen ihren Alltagsrhythmus und ihr gewohntes soziales Terrain. Dieser Schritt kann zu einer neuen sozialen Wahrnehmung und Rollenzuschreibung von außen führen und vor allen Dingen den Anfang einer Dynamisierung von bisherigen Perspektiven im Gegenüber hervorrufen.

Workshops haben politisches Bewusstsein angestoßen

Inhaltlich wurden im Kontext des vor Ort laufenden Ausstellungsthemas in einem sehr offenen und wohlwollenden Rahmen biografische Elemente und die Lebenswelten der TeilnehmerInnen ausgearbeitet.

 

Besonders im Frauencafé Karl-Seitz-Hof konnte eine Aktivierung und Politisierung in Gang gesetzt werden. Der Karl-Seitz-Hof ist ein Gemeindebau in Wien und im Rahmen des Frauencafés treffen sich hier wöchentlich Frauen mit unterschiedlichen kulturellen Hintergründen. Die bearbeiteten Themen werden hier aufgegriffen und bereichern und beleben den Austausch der Frauen untereinander auch zukünftig. Weiters fungieren die Frauen als Multiplikatorinnen in ihrem sozialen Umfeld.
Es wurden Begriffe wie Heimat und Identität thematisiert und in einen individuellen Bezug gesetzt sowie die gesellschaftliche Relevanz von Kunst besprochen. Besonders die Bewusstmachung des sozialen Engagements der Frauen fernab der offiziell bekannten biografischen Eckdaten, auch in Bezug auf die gesellschaftliche Rolle von Frauen, war ein unerwartetes und sehr großes Thema.

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