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Basisbildung, was nun?

29.11.2017, Text: Birgit Aschemann, Online-Redaktion
Ist Teilhabe bildungs(un)abhängig möglich? Und was kann die Basisbildung jetzt tun? Eine Fachcommunity traf sich am Bundesinstitut für Erwachsenenbildung auf der Suche nach Austausch und klaren Positionen.
  • Bild: David Röthler, Veröffentlichung mit Genehmigung des bifeb
    Eine Fachcommunity beschäftigte sich am bifeb mit den Perspektiven der Basisbildung.
Die Tagung „Perspektiven der Basisbildung" fand von 21.-22.11.2017 zum dritten Mal statt und stellte sich am Bundesinstitut für Erwachsenenbildung unbequemen Fragen: Ist Bildung in der Lage, gesellschaftliche Ungleichheit zu reduzieren, oder dient sie gar deren Legitimierung? Wie gehen BasisbildnerInnen mit den aktuellen Spannungen und Widersprüchen um?

 

Video: Tagung "Perspektiven der Basisbildung"

Video: David Röthler, November 2017 

 

Bildungsarbeit in Zeiten der Ernüchterung

Bildung war lange Zeit ein zentraler Hoffnungsträger für den Weg in eine gerechtere Gesellschaft. Mittlerweile ist klar, dass dieses Versprechen nicht mehr linear gilt. Auch ändert sich trotz steigender Bildung nichts an der gesellschaftlichen Ungleichheit. Die kompensatorische Funktion der Erwachsenenbildung ist schwach, der Matthäus-Effekt („Wer hat, dem wird gegeben") besteht in Österreich weiter. Daher wird Bildung als Strategie für mehr Chancengerechtigkeit grundsätzlich hinterfragt. Das kann jedoch lähmend auf die Bildungsarbeit wirken und das Engagement in der alltäglichen Praxis untergraben. Eine Suche nach neuen Perspektiven ist angebracht.

 

Der Befähigungsansatz – Potenzial für die Basisbildung?

Im Eröffnungsvortrag stellte die Bildungsforscherin Daniela Rothe die Frage nach Bildung und Gerechtigkeit und präsentierte dazu den Befähigungsansatz von Martha Nussbaum und Amartya Sen. Der Ansatz stellt ein „gutes Leben" ins Zentrum der Bemühungen und des Bildungsauftrags. Er orientiert sich an einer liberalen demokratischen Gesellschaft mit größtmöglicher Entscheidungsfreiheit, Handlungsfreiheit und gelebter Sozialität. „Fähigkeiten" werden in diesem Ansatz als ubiquitär angelegte Potenziale verstanden. Was kann dieser Ansatz für die Basisbildung bedeuten? Das diskutierten die Teilnehmenden kontroversiell. Die „Prinzipien und Richtlinien für Basisbildungsangebote" in Österreich bilden vieles von diesem Ansatz ab, und reale Kurse sind auch Räume freien Denkens und Sprechens, so die einen. Andere kritisierten den Befähigungsansatz als unpolitisch, naiv oder momentan unpassend.

 

Ein gutes Leben als Bildungsziel?

In den anschließenden Diskussionen ging es um Definitionen, Chancen und Grenzen von Basisbildung. Nach Rothes Vortrag zog sich die Frage durch: Darf, kann und soll es in Bildungsangeboten um das Ziel eines guten Lebens gehen? Ist gutes Leben an sich (weiterhin) ein legitimes Bildungsziel - oder wird dies durch aktuelle politische Entwicklungen und Förderbedingungen in Frage gestellt?

 

Die Diskussionen zum Thema waren von Sorge geprägt. Momentan macht die Planungsunsicherheit in der österreichischen Basisbildung vorsorgliche Kündigungen nötig. Die politische Verunsicherung in der Bildungslandschaft ist groß. Das gute Leben als Leitvision von Freiheit und Fülle wirkt provokant, solange existenzielle Fragen virulent sind. Das gilt sowohl für TeilnehmerInnen als auch für Unterrichtende.

 

JA sagen und NEIN sagen in der Praxis

Am zweiten Tag waren sechs Unterrichtende und KünstlerInnen aus dem Feld der Basisbildung eingeladen, ihre Sichtweisen im Format der „Learning Plays" gegenüberzustellen. Ausgangspunkt der „Learning Plays" ist Brechts Lehrstücke-Theorie. Es geht dabei darum, klar JA oder NEIN zu sagen und eine eindeutige Position zu beziehen. Geübt wurde dies anhand folgender Fragen: Kann und soll Bildung Teilhabe gewährleisten? Ermöglicht Basisbildung Ermächtigung? Ist eine Gesellschaft ohne Basisbildung möglich? Strebt ihr eine Gesellschaft an, die keine Basisbildung braucht? Ja oder nein - oder beides?

 

Auffallend hoher Konsens

So einfach die Fragen auf den ersten Blick klingen, so diffizil sind ihre Implikationen bei genauerem Hinsehen. Ein einfaches Ja oder Nein als Antwort war kaum möglich. Idealistische und pragmatische Positionen wechseln auch innerhalb der Person. Dabei dominierten die Gemeinsamkeiten der DiskutantInnen, der Konsens überwog bei weitem. Echte Konfliktpositionen waren kaum zu finden. Ein inhaltliches Zusammenrücken schien zurzeit wichtiger als ein Erproben neuer Positionen im (spielerischen) Konflikt.

 

Alltägliche Widersprüche – eine unvollständige Liste

Was die Learning Plays verdeutlichten, sind die zahlreichen Widersprüche im Handlungsfeld Basisbildung. Hier nur einige davon:

  • Das Bildungsversprechen hält nicht mehr, und doch müssen wir den Lernenden ihre Wünsche nach ökonomischer Verwertbarkeit zugestehen.
  • Mit der Festlegung von Kompetenzkatalogen sind immer auch Ausgrenzung verbunden.
  • Menschen, die nach Österreich kommen, haben trotz aller Angebote eingeschränkten Zugang zu Bildung.
  • Solidarisierung wird möglicherweise durch eigene Bedürfnisse nach Jobsicherheit begrenzt.
  • Strategien der Skandalisierungen und des Widerstands sind ebenso nötig wie Versuche der Selbstermächtigung innerhalb des Systems.
  • Basisbildung ermöglicht Ermächtigung – aber nicht unter allen Umständen und damit nicht für alle.
  • Lernenden eine eigene Stimme zu ermöglichen ist schwierig, wo man als Unterrichtende/r selbst keine Stimme zum (wirksamen) Neinsagen hat.

 

Freiräume sichern – der Engführung entgegentreten

Bildungsbenachteiligte Menschen stehen zunehmend unter Beobachtung und Rechtfertigungsdruck, während Lernen immer mehr den Charakter von disziplinierender Anpassung gewinnt und Lerninhalte zur Absicherung von Employability enggeführt werden. Ähnliches kann man vom Sektor der Basisbildung selbst sagen, der in der eigenen Projektarbeit unter dem Rechtfertigungsdruck von Controlling-Mechanismen steht - und zunehmend zur Produktion messbarer Ergebnisse (mit den Lernenden) aufgefordert wird.
Dementsprechend ging es in den Diskussionen des 2. Tages häufig um Freiräume, nämlich um Räume für ergebnisoffenes Denken und Tun ohne unmittelbare Zweckrationalität. Solche Räume sind in der Basisbildung zu schützen, und das bifeb selbst will weiterhin Raum für „Bildung als Zuflucht in schwierigen Zeiten" sein.

 

Regina Rosc aus der Abteilung Erwachsenenbildung des BMB stellte klar: auch wenn die Rahmenbedingungen zurzeit keine Calls zulassen, bleibt Basisbildung ein wichtiges Thema in der Erwachsenenbildung und im Bildungsministerium. Einer reinen Reduktion auf messbare Skills wird sich die österreichische Basisbildung weiterhin verwehren.

Quelle: EPALE E-Plattform für Erwachsenenbildung in Europa