Ausstellung: Das kurze Leben der Ruth Maier. Wien - Oslo - Auschwitz
In Kursen über den Holocaust über Auschwitz zu reden ist für alle herausfordernd – Lernende und Unterrichtende. Besonders für Menschen mit keiner oder wenig formaler Bildung sind Vermittlungsangebote oftmals zu hochschwellig und bleiben auf der Ebene von Wissens-, hier Faktenvermittlung und können nur schwer an das Vorwissen und biographisch-familiäre Erfahrungen anknüpfen. In einer Migrationsgesellschaft und angesichts immer weniger Zeitzeug*innen braucht es hier eine Neuorientierung (siehe auch Vermittlung von Nationalsozialismus und Holocaust in einer von Migration geprägten Gesellschaft).
Mit einer Ausstellung in Deutsch, Englisch und Einfacher Sprache und dazugehörigen Workshops versuchen die Wiener Volkshochschulen, das Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes und der Verband Österreichischer Volkshochschulen, diesen Herausforderungen zu begegnen und einen niederschwelligen Zugang zur Holocaust Education zu bieten.
Eine Ausstellung in Einfacher Sprache
Die vom Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes (DÖW) gemeinsam mit dem norwegischen Zentrum für Holocaust- und Minderheitenstudien (HL senteret) 2017/18 erstellte Wanderausstellung „Das kurze Leben der Ruth Maier (1920-1942): Wien – Oslo – Auschwitz“ wurde in jeweiligen Adaptionen mittlerweile in Wien, Bad Ischl, Oslo und anderen norwegischen Orten, bei den Vereinten Nationen in New York, in Washington sowie in Brno gezeigt.
Der Geschäftsbereich Initiative Erwachsenenbildung an den Wiener Volkshochschulen erarbeitete mit dem Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes 2022 eine Adaptierung der Ausstellung in Einfacher Sprache, Standarddeutsch und Englisch, der ab Herbst 2022 ein spezielles Vermittlungsprogramm zur Seite gestellt wurde. Der Fokus richtet sich auf Menschen mit Flucht- und Migrationshintergrund mit wenig formaler Schulbildung in Österreich. Die Workshops zur Ausstellung wurden mit mehreren Kursgruppen aus Basisbildung und Pflichtschulabschluss der Wiener Volkshochschulen umgesetzt.
Warum Ruth Maier?
In ihren Tagebüchern beschreibt die jugendliche Wiener Jüdin den zunehmenden und immer offener auftretenden Antisemitismus. Bald beginnt die Familie die Flucht aus Österreich zu planen. Im Dezember 1938 kommt ihre Schwester mit einem Kindertransport nach England, Ruth selbst ist zu alt dafür und flüchtet nach Norwegen zu einer befreundeten Familie ihres bereits verstorbenen Vaters. Ihre Mutter und ihre Großmutter muss sie in Wien zurücklassen.
Bis zu ihrer Deportation nach Auschwitz im Jahr 1942 führt sie ihr Tagebuch weiter. Ausführlich beschreibt Ruth darin ihr Leben als Geflüchtete in Norwegen, ihre Identitätskrisen, ihr Fremd-Sein, ihre Schwierigkeiten mit Sprache und Gesellschaft. Auch ihre Liebesbeziehung zur Norwegerin Gunvor Hofmo bearbeitet sie darin. Nach dem deutschen Überfall auf Norwegen im Jahr 1940 gerät Ruth leider erneut in den Einflussbereich der Nationalsozialist*innen. Im November 1942 wird sie verhaftet, nach Auschwitz deportiert und bereits wenige Tage später ermordet.
Schon in diesen kurzen Auszügen aus ihrem Leben finden sich zahlreiche Anknüpfungspunkte, die von Workshopteilnehmenden aufgegriffen wurden. Von Diskriminierungserfahrungen, verschiedenen Fluchtregimen über die Familientrennung bis hin zu Identität und Homosexualität reicht die Breite an angesprochenen Themen. Natürlich stellen sich auch Fragen nach Gleichsetzung von je eigenen Erfahrungen und Opferkonkurrenz.
Ausstellung und Workshops versuchen also entlang der konkreten Lebensgeschichte von Ruth Maier und ihrer Familie einen Zugang zu strukturgeschichtlichen Zusammenhängen zu ermöglichen. Über die konkrete persönliche Geschichte soll ein Verständnis für allgemeinere historische Entwicklungen entstehen. Gerade für junge Menschen mit Fluchthintergrund (aber nicht ausschließlich) bieten sich Anknüpfungspunkte zur eigenen Lebenswelt. Gemeinsamkeiten und Unterschiede in der Erfahrungswelt können damit spür- und sichtbar gemacht werden.
Flucht und der Umgang mit geflüchteten Menschen stellen über die letzten Jahrzehnte zentrale Themen in der weltweiten, europäischen und österreichischen gesellschaftlichen Debatte dar. Vor dem Hintergrund historischer Erfahrungen und Entwicklungen können aktuelle Diskussionen neu eingeordnet und beurteilt werden. Auch werden beim Thema Flucht Kristallisationspunkte in der Menschenrechtsdebatte sichtbar, da hier Menschenrechte umfassend und in all ihren Facetten zur Diskussion gestellt und letztlich gewährt, aber auch verweigert werden. Die universelle Bedeutung der Menschenrechte wird hier anhand vielfältiger Themen verhandelt.
Partizipative Gestaltung
Sowohl die Adaptierung der Ausstellung in Einfache Sprache als auch die Workshopkonzeption erfolgte mit Teilnehmenden von Basisbildungs- und Pflichtschulabschlusslehrgängen der Wiener Volkshochschulen.
Die Ausstellung war Ende 2022 in den öffentlich zugänglichen Räumlichkeiten der VHS Ottakring zu sehen, auch bei der Eröffnung wirkten Teilnehmende der Basisbildungs- und Pflichtschulabschlusslehrgänge der Wiener Volkshochschulen mit.
2024: Ausstellung "on tour" in Österreich
Im Jahr 2023 tourte die Ausstellung durch mehrere Wiener Volkshochschulen, war im DÖW, dem Stadttheater von Gmunden und bei der HOSI Wien zu sehen und wird ab Jänner 2024 über den Verband Österreichischer Volkshochschulen auf Österreich-Tour gehen. Mit der Ausstellung wird dabei immer ein Multiplikator*innenworkshop zur pädagogischen Arbeit angeboten.
Bei Interesse an Ausstellung, Workshopkonzept oder Multiplikator*innenworkshops können sich Interessierte an Nikolaus Ecker wenden.
Über die Autor*innen: Magdalena Bauer und Nici Mairhofer arbeiten in der Vermittlung im Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes (DÖW) und haben Workshops in Basisbildungskursen der VHS Wien umgesetzt. Nikolaus Ecker leitet das Jugendbildungszentrum in der Initiative Erwachsenenbildung der VHS Wien und war an der Ausstellungskonzeption und der Erarbeitung der Workshops beteiligt.
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