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Büchereiperspektiven: Bibliotheken bleiben

11.06.2021, Text: Simone Kremsberger, Büchereiverband Österreichs
Die neue Ausgabe der Büchereiperspektiven widmet sich der Bibliotheksarbeit in der Pandemie und bietet Ausblicke in die Zukunft.
  • Abbildung: Alle Rechte vorbehalten, Christoph Weiermair, https://www.bvoe.at
    Ausschnitt aus dem Cover-Bild der neuen Ausgabe der Büchereiperspektiven.
Die Bibliothek: Das ist, wo Bücher in den Regalen auf ihre Entdeckung warten. Das ist, wo Menschen aufeinander treffen, wo Gespräche beginnen. Das ist, wo man sitzen, lesen, denken kann. Einen Kaffee trinken oder eine Sprache lernen. Hier strampeln Babys zu ersten Reimen und Liedern. Kinder sehen gebannt einem Bilderbuchkino zu. Jugendliche versammeln sich zu einem Leseklub oder einfach zum Abhängen. Die Bibliothek kann der Ort sein, wo Mama Pflanzensamen holt und Opa einen Computerkurs macht. Ein magischer Ort, wo man Geschichten hören und Experimente ausprobieren kann, wo man das Dorf treffen und die Stadt gestalten kann, wo man neue Welten erkundet und andere Menschen findet. Das Bild ist intakt. Doch seit die Bibliothek so aussehen durfte, sind 15 Monate vergangen.

 

Seit März 2020 ist die Bibliothek wie alle anderen Bereiche des Lebens von der Corona-Pandemie betroffen. Das Schwerwiegende an der Pandemie: Sie trifft uns alle. Privat, beruflich, mit kleineren und großen Verlusten, manchmal existenziell. Die Menschen, die in den Bibliotheken arbeiten, die Menschen, die sie nutzen, haben alle ihre eigenen persönlichen Folgen der Krise zu tragen. Hinzu kommt, dass das Konzept der öffentlichen Bibliothek den Maßnahmen zur Eindämmung einer Pandemie diametral entgegengesetzt ist. Bibliotheken sind offen und heißen willkommen, sie setzen auf Austausch und auf Aufenthalt. Abstand halten, Kontakte vermeiden, Treffen so kurz wie möglich halten – das ist das Gegenteil davon.

Zeit für eine Zwischenbilanz

Umso bemerkenswerter ist es, wie Bibliotheken diese Zeit meistern und wie großartig es ihnen bisher gelungen ist, den Kontakt zu den LeserInnen und die Versorgung mit Medien aufrechtzuerhalten. Bibliotheken mussten immer wieder die Türen schließen. Sie mussten Dienste einschränken, zugleich andere schaffen und ausbauen: Liefer- und Abholservices, digitale Angebote und vieles mehr. Statt langfristiger Planung war spontanes Handeln und Ausprobieren an der Tagesordnung. Nun wird es Zeit, eine Zwischenbilanz zu ziehen und zu überlegen: Was haben wir geschafft? Was wird bleiben? Was wird in Zukunft gebraucht? Und wie können Bibliotheken wieder zu ihrer gesellschaftlichen Rolle finden?

 

Die neue Ausgabe der Büchereiperspektiven bietet Erfahrungsberichte von BibliothekarInnen, die vom Betrieb der letzten Monate erzählen, ebenso wie Fachbeiträge von ExpertInnen, die den Wandel der Bibliothek während der Pandemie und darüber hinaus beleuchten. Ergänzt wird der Schwerpunkt durch Beiträge, welche die die Bedeutung von Bibliotheken für die Gemeinschaft in Erinnerung rufen – darunter auch Beispiele neuer Büchereien, die als engagierte Beteiligungsprojekte entwickelt wurden. Denn selbst in dieser kargen Zeit sind neue Bibliotheken entstanden.

Bibliotheken werden gebraucht

Sie werden gebraucht. Nicht allein, um das Tor zum wieder weit öffnen zu können – sondern auch und vor allem aus sozialen Gründen. Wenn das gesellschaftliche Leben wieder Auftrieb bekommt, wird es Orte brauchen, wo sich Menschen sicher begegnen und aufhalten können, ohne etwas konsumieren zu müssen. Die Klüfte in der Gesellschaft haben sich durch persönliche und wirtschaftliche Verluste, durch unterschiedliche Haltungen zum Umgang mit der Pandemie und den Schutzmaßnahmen, durch Isolation und einseitige Kommunikation in virtuellen Filterblasen verschärft. Es wird neutrale Orte brauchen, um Menschen wieder zusammenzubringen, die auseinandergedriftet sind. Bibliotheken können einen entscheidenden Beitrag auf dem vermutlich langwierigen und keineswegs einfachen Weg aus der Pandemie leisten.

 

Es gibt viel zu tun: Informations- und Medienkompetenz vermitteln, demokratische Mitsprache ermöglichen, Gesprächskultur für notwendige Diskussionen schaffen. Verlorengegangene Zielgruppen zurückgewinnen, Familien unterstützen, die lokale Kunst- und Kulturszene wieder stärken. Oder einfach ein offenes Ohr für Bedürfnisse haben: Manchmal braucht ein Mensch nicht mehr als Ansprache oder ein gutes Buch. Bibliotheken können sich auf ihre Kompetenzen besinnen, ihr Profil schärfen und sich dementsprechend neu platzieren. Und sie sollten es laut und öffentlichkeitswirksam machen, um sich in Zeiten knapper Budgets behaupten zu können. Der Bedarf ist da. Die Bilder von den Menschen, die nach den Lockdowns vor der Bücherei Schlange stehen, die Stapel von Buchpaketen, die auf Auslieferung oder Abholung warten, die Blumen und Dankesworte, die zurückkommen – sie sind Zeichen dafür, dass Bibliotheken gebraucht werden.

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