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"Ich sehe ein großes Entwicklungspotential für Büchereien"

06.09.2012, Text: Christian Ocenasek, bifeb
Gerald Leitner, Geschäftsführer des Büchereiverbandes Österreich, spricht im Interview über Bedeutung und Perspektiven des Büchereiwesens. (KEBÖ-Serie, Teil 8)
Mehr als 20 Millionen Bücher verleihen die insgesamt 1.500 Bibliotheken Österreichs jährlich. Beschreibt diese Zahl die Leistung der Bibliotheken ausreichend?

Die Zahl alleine sagt wenig aus, um das österreichische Bibliothekswesen und dessen Bedeutung zu erkennen. Eines ist gewiss: Ohne Büchereien wäre eine flächendeckende Versorgung mit Literatur in Österreich nicht möglich. Der Buchhandel ist außerhalb der großen Städte praktisch nicht vertreten. Aber wir machen viel mehr als nur Bücherverleihen, wir betreiben aktive Leseförderung, sind Ort der Kommunikation, der Informationsvermittung, des Wohlfühlens.


Wie werden diese Büchereien geführt?

83% der öffentlichen Büchereien werden ehrenamtlich geführt. Das sind zum Teil Minieinheiten, die wir uns schwer hauptamtliche geleitet denken können. Umgekehrt muss man sagen, dass es ohne dieses Netz der kleinen Bibliotheken keine Literaturversorgung am Land gäbe. Und das trifft vor allem immobile Personen, Kinder oder auch ältere Menschen, die vor Ort gar nichts auswählen könnten. Für viele ist der Zugang zu Information, Bildung und Kultur nur dadurch möglich. Die großen Entlehnzahlen werden aber von den hauptberuflich geführten Bibliotheken geleistet.


Ich spüre eine Ambivalenz in deinen Äußerungen zum Ehrenamt.

Da muss man sich die rechtliche Situation anschauen. Von den 27 Mitgliedstaaten der EU haben 18 ein Büchereigesetz, das festschreibt, wann eine Gemeinde eine Bibliothek erhalten muss. Österreich gehört bedauerlicherweise nicht dazu. Wenn die Erhaltung und der Betrieb der Bibliotheken auf Freiwilligkeit aufgebaut und die Finanzierung nicht garantiert ist, wird vieles beliebiger, die Entwicklungsmöglichkeiten werden schwieriger. Das schlägt sich auch auf die Nutzung nieder. In Finnland, wo es sicher das avancierteste Bibliotheksgesetz gibt, benutzen 60% der Finnen die Bibliotheken. In Österreich sind es 12-14%. Das zeigt uns das Entwicklungspotential auf.


Eine Herausforderung, die durch die rasante digitale Entwicklung sicher nicht einfacher wird.

Ja, ich sehe für die Bibliotheken zwei große Herausforderungen. Erstens die Transformation des Medien- und Informationsmarktes. Und zweitens die finanzielle Krise, die uns sicher alle noch stärker treffen wird. Wenn man nicht begreift, dass Bildung und Zugang zum Wissen die Grundvoraussetzung für weitere Entwicklung ist und dort Einschnitte macht, dann wird man sich der Zukunft entschlagen. Wenn man nicht schaut, dass man die Leute zum Lesen bringt, und dazu muss auch in öffentliche Bibliotheken investiert werden, dann hat man kein Zukunftskonzept. Wie weit wir das der Politik klarmachen können… Das wird unsere Aufgabe sein.
Auf die Transformation des Medien- und Informationsmarktes müssen wir uns aktiv einstellen. Wir erleben Veränderungen der Distributionsschienen der Bücher. Verlage schließen sich immer mehr zu großen Einheiten zusammen, die am e-book Sektor immer mehr eigene Angebote entwickeln. Amazon verkauft in Amerika mittlerweile mehr Lizenzen als Bücher. Wenn sich das in Österreich auch so entwickelt, wird der Buchhandel enorm unter Druck geraten. Wenn der e-book Anteil stark steigt, bringt das die Bibliotheken in eine dumme Situation. Urheberrechtlich betrachtet ist ein e-book etwas ganz anderes als ein Buch. Bei den Büchern bestimmt der Bibliothekar, was in die Bücherei kommt. Beim e-book legt das der Verlag fest. Kein Verlag kann Bibliotheken verbieten Bücher anzukaufen und zu verleihen, aber kein e-book publisher ist verpflichtet Lizenzen an Bibliotheken zu verkaufen. Das zerstört eigentlich den sinnvollen Aufbau von e-book libraries.   


Diese Herausforderungen geben ja schon ein bisschen einen Einblick auf einen Teil der Aufgaben eines Büchereiverbandes, der Interessensvertretung. Kannst du etwas zum Verband und seinen Tätigkeiten erzählen?

Der Büchereiverband wurde 1948 auf Anregung des Ministeriums gegründet. Im Verband gibt’s Einzelmitglieder - keine Personen, sondern nur Einrichtungen - und Institutionenverbände. Zwei große Verbände, das Bibliothekswerk als Verband der kirchlichen Büchereien und die Betriebsbüchereien. Mit Ausnahme der wissenschaftlichen Büchereien sind alle öffentlichen Büchereien vertreten. Ein großer Schwerpunkt unserer Arbeit ist die Aus- und Weiterbildung, von denen ein guter Teil am bifeb) stattfindet, aber auch vieles in den Bundesländern. Wir haben jährlich 5000 Tagesteilnahmen von BibliothekarInnen bei den Fortbildungen. Wir erstellen Homepages für Bibliotheken und bieten Bibliothekssoftware an. Wir führen einen Zentralkatalog für Bibliotheken, wo 760 öffentliche Bibliotheken ihre Katalogdaten einspeisen und damit online veröffentlichen können.
Wir haben ein umfangreiches Leseförderungsprogramm. Wir organisieren das größte Literaturfestival Österreich liest, Treffpunkt Bibliothek, wo wir in einer Woche mehr als 500.000 BesucherInnen erwarten. Da machen vom kleinen Dorf bis zur Nationalbibliothek alle mit.
Ja und die Standesvertretung ist natürlich wichtig. Wir versuchen zu lobbyieren. Das Urheberrecht ist hier zum Beispiel von großer Bedeutung. Wenn wir Bibliotheken da nicht stark auftreten, werden europäische Gesetzesänderungen verstärkt im Sinne der Verlage und zu Ungunsten der Bibliotheken gestaltet.  


Welche Bedeutung hat Kooperation für das Büchereiwesen?

Die Kooperation hat viele Schichten. Das eine ist die tägliche Arbeit vor Ort. Da gibt es sehr viele zum Teil losere zum Teil sehr enge Zusammenarbeiten mit den verschiedenen Institutionen der Erwachsenenbildung, die stark von den regionalen Gegebenheiten geprägt sind, oft auch von den persönlichen Zugängen. Die Zusammenarbeit zwischen Büchereien und den anderen Eb-Einrichtungen bietet sich jedenfalls zum Nutzen beider an. Zum Teil sind diese Kooperationen bereits institutionalisiert, wie am Beispiel Wissensturm in Linz  gut sichtbar, wo Stadtbibliothek und Volkshochschule gemeinsame Angebote erstellen.
Überregional gibt es  die Zusammenarbeit in Projekten.  Und österreichweit gibt es  innerhalb der KEBÖ eine ausgezeichnete Zusammenarbeit, die auf gegenseitigem Vertrauen beruht.  


Wo liegen dabei die Herausforderungen, was soll durch die Kooperation bewegt werden?

Wir sollen eine starke Bildungseinheit am tertiären Sektor darstellen und gemeinsam stark auftreten. Was ja auch passiert, indem wir an gemeinsamen Positionspapieren arbeiten und gemeinsame Strategien entwickeln, beim Bildungsvolksbegehren, im Bereich des Lebensbegleitenden Lernens. Für die Bibliotheken heißt das, die Vernetzung mit Partnern in der Erwachsenenbildung weiter zu verstärken und politische  Konzepte zu entwickeln, die attraktiv sind. Der Ort Bibliothek als Lernort, an dem man verweilen kann, gehört sicher noch mehr forciert.


Kannst du uns noch ein bisschen etwas zu dir als Person erzählen? Wie bist du zum Büchereiverband gekommen?

Ich war vorher als freier Journalist tätig, habe bei Wissenschaftsprojekten mitgearbeitet und bin dann gefragt worden, ob ich eine Besprechungszeitung für das Büchereiwesen machen will. Ich habe sukzessive meine Tätigkeiten im Büchereiverband verändert, war dann für die Ausbildung zuständig und bin vor 14 Jahren zum Geschäftsführer bestellt worden.
Ich habe Germanistik und Geschichte studiert und wollte danach definitiv nicht in die Schule gehen. Es war das starke Interesse an Literatur, das mich zur freien Tätigkeit und dann zum Büchereiverband geführt hat. Mittlerweile ist daraus ja mehr eine Management und Lobby-Tätigkeit geworden. Ich bin Vorstandsmitglied in der Vereinigung österreichischer BibliothekarInnen, stellvertretender Kuratoriumsvorsitzender in der österreichischen Nationalbibliothek, war Präsident des Dachverbandes der europäischen Bibliotheken und nun Vorstandsmitglied des Weltverbandes. Wir arbeiten auf KEBÖ-Ebene mit der wba zusammen. Bedeutend ist für mich auch die Mitarbeit bei der Gesellschaft für politische Bildung. Wichtig erscheint mir, gut vernetzt zu sein mit den anderen Playern in der Erwachsenenbildung.


Bei dieser Fülle an Aufgaben und Tätigkeiten - hast du Zeit, auch selbst noch mal ein Buch in die Hand zu nehmen? Was liest du gerade?

Ja, allerdings, bedingt durch meine internationalen Funktionen war ich gezwungen mein Englisch fit zu machen, ich lese seit Jahren fast ausschließlich Belletristik auf Englisch. Zur  Zeit bin ich gerade bei Vargas Llosa, Bad Girl.


Wie viele Bücher hast du in deiner privaten Biblothek?

Nachdem ich sie nicht katalogisiere, weiß ich es nicht genau. Aber es werden so zwischen 6 und 8.000 sein. Also schon eine Gemeindebibliothek.


Was sagst du zum Hörbuch?

Ich  bin ein antiquierter Leser. Das geschriebene Wort und die eigene Interpretation des Gelesenen hat für mich Vorrang. Das Lesen ist die Beschäftigung, bei der ich mich am besten entspannen kann. Und dazu muss ich das Buch auch in der Hand halten.


Was bedeutet für dich Lernen und wo siehst du deine Lernfelder?

Lernen bedeutet für mich Weiterentwicklung. Alles andere wäre Stillstand. Und meine Lernfelder … da gibt es große Gebiete. Weiterhin bei den Sprachen. Ich würde gerne so gut Spanisch und Französisch sprechen können wie Englisch. Aber das Interessanteste für mich ist das ständige Lernen im Umgang mit Menschen. Das kann letztlich auch nicht aus Büchern gelernt werden sondern nur in der Kommunikation. Und dazu braucht es auch die ständige Reflexion.


Danke für das Gespräch


Mag. Gerald Leitner, studierte Germanistik und Geschichte an der Universität Wien. Seit 1998 ist er Geschäftsführer des Büchereiverbandes Österreichs. In der Erwachsenbuildung engagiert er sich als Mitglied  des KEBÖ-Vorstandes und als Vorsitzender der Östereichischen Gesellschaft für Politische Bildung. International ist er im Weltverband der Bibliotheken (IFLA) als Vorstandsmitglied tätig, von 2007 – 2012 war er Präsident des Dachverbandes der Europäischen Bibliotheken (EBLIDA).
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