Publikation: EB soll Teilhabe an digital veränderter Welt ermöglichen
Die Bildungswissenschafterin hat ihre Überlegungen zu Erwachsenenbildung und Digitalisierung in einer Publikation zusammengefasst, die kürzlich in der Reihe „Sektor 4" des BFI Oberösterreich erschien. Im Gespräch mit der Online-Redaktion skizziert sie die Themen, die LeserInnen im Band erwarten.
Karin Kulmer: „Die digitale Transformation ist keine Option, sondern ein Muss", hieß es bei der Learntec 2018. Was bedeutet das für die Erwachsenenbildung?
Birgit Aschemann: Für die Erwachsenenbildung ist damit eine Verantwortung verbunden, die vor allem in der Förderung von Teilhabe besteht. Es geht stark darum Menschen zu unterstützen, an der digital veränderten Welt unabhängig von ihren Ausgangsbedingungen teilhaben zu können. In diesem Zusammenhang ist oft die Rede von „digitaler Grundbildung" – das ist etwas, das alle Menschen haben sollten und brauchen, um im Alltag nach der digitalen Transformation nicht abgehängt zu sein.
Gleichzeitig herrscht im Feld eine große Skepsis, es gibt viele Bedenken. Immer wieder höre ich das Argument, dass an digitalen Formaten wie z.B. MOOCs nur AkademikerInnen teilnehmen. Das ist zwar richtig – aber überwiegend auf den Matthäus-Effekt zurückzuführen, den wir auch bei nicht-digitalen Bildungsformaten vorfinden. Was wir aus dieser Beobachtung mitnehmen sollten, ist ein neu geschärfter Auftrag an die Erwachsenenbildung, Teilhabe zu unterstützen.
Warum ist es gerade für die Erwachsenenbildung so wichtig, sich mit Digitalisierung auseinanderzusetzen?
Was ich besonders wichtig finde: die Zielgruppe des digitalen Lernens sind Erwachsene. Der jüngeren Generation, den sogenannten „Digital Natives", attestiert man grundsätzlich bessere digitale Fertigkeiten. Menschen, die vor 1970 geboren sind und so zu den „Digital Immigrants" zählen, fehlt hingegen häufig das Anwendungs-Know-How. Und das sind keineswegs nur Menschen nach der Erwerbsphase, die sollen teilweise noch 20 oder 25 Jahre arbeiten.
Das zweite Argument dafür, dass sich gerade die Erwachsenenbildung mit Digitalisierung auseinander setzen muss: Digitale Kompetenz ist ein ständig nachwachsendes Lernfeld. Das Wissen und die Fertigkeiten, die wir brauchen, unterliegen einer ständigen Veränderung. Es braucht also Formate, die ein ständiges Weiterlernen ermöglichen.
Welche Risiken und Chancen birgt die Digitalisierung für Erwachsenenbildungseinrichtungen?
Die Erwachsenenbildung hat in puncto Digitalisierung natürlich großen Konkurrenzdruck durch private Anbieter, die in den Markt drängen. Das Hauptrisiko dabei besteht meiner Meinung nach darin, gar nichts zu tun und den Anschluss zu versäumen. Die Erwachsenenbildung sollte stattdessen die Chancen der Digitalisierung nutzen: Zum einen kann man neue Zielgruppen erreichen, die da sind, aber ihren Lernbedarf zurzeit noch wo anders abdecken. Zum anderen ergibt sich besonders durch Offene Bildungsressourcen und MOOCs jetzt die Chance, ohne großes finanzielles Risiko etwas anzubieten. Und eine dritte Chance, gerade für große Verbände, ist das Ausrollen von Angeboten. Die können jetzt alles überall anbieten, sobald es Interesse gibt. Das müssen auch nicht rein digitale Angebote sein – kombinierte Blended Learning-Formate sind gerade für die Erwachsenenbildung ideal. Wenn die Leute im Semester nur drei Mal wohin fahren müssen statt jede Woche, ist das von Vorteil.
Natürlich darf man nicht vergessen, dass die Digitalisierung auch Schattenseiten hat. Sie bringt Veränderungen und Probleme mit sich, kann z.B. den Effizienzdruck und Flexibilisierungsdruck verschärfen. Wie kann man gesundheitserhaltend arbeiten unter den Bedingungen der Digitalisierung? Das sind Fragestellungen, die als Themen der Erwachsenenbildung aufgegriffen werden müssen.
Was müssen ErwachsenenbildnerInnen beim Einsatz von digitalen Formaten beachten?
Es ist wichtig, didaktisch ganz genau das zu beachten, was wir aus der Erwachsenenbildung sowieso wissen und was das Lernen Erwachsener aus andragogischen Gesichtspunkten ausmacht. Das bedeutet zum Beispiel, zu schauen, dass das bestehende Erfahrungswissen aufgegriffen wird, dass ein Transfer stattfindet, dass Alltagsbezug, Anwendungsbezug und Zielgruppenorientierung gegeben sind, und dass es genügend Raum für Austausch gibt.
Man sollte sich zuerst überlegen, was man erreichen möchte, zuerst die didaktische Vorgehensweise und erst dann die Tools dazu aussuchen. Plakativ gesprochen: Nicht mixen, weil man einen Mixer hat, sondern weil man einen Kuchen möchte. Das Ziel sollte nicht sein, jetzt alles nur noch zu digitalisieren. Aber ich habe als Erwachsenenbildnerin die Verantwortung, mir die Möglichkeiten anzusehen und eine informierte Entscheidung zu treffen. Das ist nicht nur eine individuelle Aufgabe, sondern vor allem auch ein Organisationsentwicklungs-Auftrag an die Institutionen. Es reicht nicht, an einzelnen Schrauben zu drehen, sondern man muss die Organisation als Ganzes betrachten.
Über die Publikation
„Digitalisierung, Didaktik, Internettechnologien" ist der fünfte Band in der pädagogischen Schriftenreihe „Sektor 4" des BFI Oberösterreich. Die Publikation richtet sich an das breite Feld der Erwachsenenbildung und bietet Einführung und Überblick, aber auch einen Ausblick auf künftige Entwicklungen im Zusammenhang mit digitaler Erwachsenenbildung. LeserInnen finden hier zahlreiche Beispiele und Handlungsempfehlungen.
Aschemann, Birgit (2018): Digitalisierung, Didaktik, Internettechnologien. Pädagogische Schriftenreihe des BFI Oberösterreich, Band 5. Herausgegeben von Katja Hemedinger. Online kostenlos verfügbar, ISBN: 978-3-9504172-4-1
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