So lassen sich digitale Lernangebote inklusiver gestalten
Das österreichische Forschungsprojekt „Teilhabeerfahrungen von Menschen mit Lernschwierigkeiten in digitalen Lernumgebungen der Erwachsenenbildung“ hat untersucht, wie Personen mit Lernschwierigkeiten digitale Weiterbildungsangebote nutzen und welche Barrieren oder Unterstützungsbedarfe dabei auftreten. Die Ergebnisse zeigen: Anbietende von Online-Weiterbildungen haben viele Möglichkeiten, ihre Lehrangebote barrierefreier zu gestalten.
Positive Erfahrungen mit digitalen Lernangeboten
Dreizehn Personen mit Lernschwierigkeiten im Alter zwischen 22 und 26 Jahren nahmen möglichst selbstständig an zwei Lernangeboten teil, die nicht speziell für diese Zielgruppe konzipiert wurden. Fünf absolvierten den MOOC „DigiSkills für alle – Machen Sie sich fit für die digitale Welt!" und acht das Lernprogramm „Sitos“ zur Vorbereitung auf das ECDL-Zertifikat.
Sie wurden zu ihren Erfahrungen befragt und es wurde erhoben, in welcher Form Unterstützung für eine erfolgreiche Teilnahme notwendig war. Auf Basis dieser Daten schlagen die Autor*innen Anneliese Franz (atempo) und Alexander Schmölz (Universität Wien) in der Zeitschrift „MedienPädagogik“ Handlungsmöglichkeiten für inklusivere digitale Lernangebote vor.
Die Rückmeldungen der Teilnehmenden zeigten, dass sie das Lernen in digitalen Räumen insgesamt als positiv erlebten. Besonders hilfreich waren die vorgegebene Struktur, der klare inhaltliche Aufbau und regelmäßige Rückmeldungen zum Lernerfolg bei Assessments. Dadurch konnten die Teilnehmenden ihren Lernfortschritt besser einschätzen, Inhalte gezielt wiederholen und Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten gewinnen.
Intuitives Design für mehr Accessability
Für alle Lernenden war die Teilnahme an digitalen Lernangeboten eine neue Erfahrung: Sie wussten vorher nicht, dass es online kostenlose Weiterbildungen gibt. Das zeigt für die Autor*innen, wie wichtig Information für den Zugang zu befähigenden digitalen Räumen ist. Sie empfehlen außerdem, Personen mit Lernschwierigkeiten bei der Gestaltung digitaler Lernangebote einzubeziehen.
Die Teilnehmenden stießen auf Schwierigkeiten im Umgang mit den Lernangeboten. Etwa waren die Registrierung und der Login für die Teilnehmenden herausfordernd. Unübersichtliche Benutzeroberflächen erschwerten das selbstständige Arbeiten und wirkten verunsichernd. Das zeigte sich etwa bei Tests mit Single- und Multiple-Choice-Antwortmöglichkeiten, wie eine Person beschrieb: „Es war für mich nicht ersichtlich, dass mehrere Antworten möglich sind. Ich habe es erst gesehen bei der Rückmeldung. […] Mein Vorschlag wäre, dass man bei der Frage oben in Klammer dazu schreibt, dass mehrere Antworten angekreuzt werden müssen.“
„Leichte Sprache“ und Multimedia helfen beim Verstehen
Die sprachliche Verständlichkeit spielte ebenfalls eine große Rolle. Besonders Inhalte, zu denen die Lernenden kein Vorwissen mitbrachten, erwiesen sich als schwierig. Daher empfehlen die Autor*innen, inhaltlich an die Lebenswelt der Lernenden anzuknüpfen und die Inhalte in „Leichter Sprache“ aufzubereiten. Dafür können z.B. KI-Tools wie capito.ai genutzt werden. Auch begleitende Glossare oder interaktive Elemente zur Erklärung von Fachbegriffen helfen beim Abbau von Barrieren.
Die passende Aufbereitung der Inhalte erwies sich ebenfalls als wichtig. Multimediale Elemente wie Bilder mit Audio-Erklärungen oder Videos machen komplexe Themen anschaulicher und leichter zugänglich. Die Autor*innen raten daher, solche Formate in der inklusiven Bildung mehr zu berücksichtigen.
Individuelles Lerntempo als Vorteil digitaler Angebote
Personen mit Lernschwierigkeiten beschrieben es als positiv, beim digitalen Lernen im eigenen Tempo zu lernen, Inhalte mehrfach wiederholen und Pausen machen zu können. Dadurch empfanden sie auch weniger Leistungsdruck. Eine teilnehmende Person beschrieb das so: „[…] es ist einfacher, weil ich kann meine Zeit nehmen und kann es einfach nochmal so verstehen, und bei der Schule ist es so, dass man kann es nur einmal […] hören, und dann muss man einfach sich das merken. Und hier, ich kann es auch viermal lesen […].“
Gleichzeitig betonten die Befragten, dass individuelle Unterstützung für sie wichtig bleibt – sei es durch Fachkräfte oder Mitlernende. Da Menschen mit Lernschwierigkeiten sehr unterschiedliche Bedarfe haben, braucht es laut den Autor*innen flexible Ansätze für die Teilhabe an digitalen Lernumgebungen. Neben inklusiv gestalteten Angeboten, klaren Anleitungen und Hilfefunktionen bleibt persönliche Begleitung dabei ein zentraler Baustein.
Plädoyer für eine inklusive Architektur des digitalen Raums
Insgesamt sehen die Autor*innen in digitalen Lernumgebungen vielfältige Potenziale für Inklusion und Teilhabe. In der Konzeption digitaler Angebote würden technische Aspekte der Zugänglichkeit (Accessibility) immer mehr berücksichtigt werden. Die Bedarfe von Menschen mit Lernschwierigkeiten und die entsprechende didaktische Aufbereitung und pädagogische Begleitung müssten jedoch noch mehr Beachtung finden. Freie digitale Bildungsangebote könnten Menschen mit Lernschwierigkeiten so individuelle Lernerfahrungen ermöglichen, die für diese Anspruchsgruppe sonst nur eingeschränkt möglich wären.
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