„Digitalisierung, nein danke“ – aber warum?

07.10.2024, Text: Karin Lamprecht (geb. Kulmer), Redaktion/CONEDU
Ein Teil der Bevölkerung steht der Digitalisierung skeptisch bis ablehnend gegenüber. Studien beleuchten, welche Ursachen dahinter liegen und wie diese Gruppe mit Bildungsangeboten angesprochen werden könnte.
Wählscheibentelefon, eine Hand hält den Hörer, eine Hand bedient die Wählscheibe
Analog statt digital – für manche Menschen ist die Digitalisierung mehr Last als Nutzen.
Foto: Unsplash Lizenz, Wesley Hilario, https://unsplash.com

Eine verdrängende oder ablehnende Grundhaltung gegenüber digitalen Anwendungen geht häufig (aber nicht immer) mit geringen digitalen Kompetenzen einher. Hier sieht die Erwachsenenbildung für sich einen Auftrag, denn wer das Internet nutzt, hat nicht nur bessere Jobchancen, sondern auch mehr Teilhabemöglichkeiten und einen einfacheren Alltag. Dabei ist es mitunter schwierig, desinteressierte Personen für Bildungsangebote zu gewinnen. Ein erster Schritt kann es sein, sich mithilfe von Studien genauer anzusehen, wer genau zur Gruppe der „Digitalen Skeptiker*innen“ gehört und was die Beweggründe dieser Personen sind.

„Ich sehe keinen Mehrwert in der Nutzung digitaler Technologien“

Dem D21 Digital Index zufolge stehen vor allem Menschen mit minimalen Digitalkompetenzen der Digitalisierung ablehnend gegenüber. Dazu gehört die Gruppe der „genügsamen Verdränger*innen (Offliner*innen)“, die in Deutschland etwa 6 % der Bevölkerung ausmacht. Häufig handelt es sich um Vertreter*innen der älteren Generation, die einen großen Teil ihres Lebens ohne Internet ausgekommen sind und keinen Mehrwert darin sehen, aktiv am digitalen Leben teilzunehmen. Auch eine aktuelle Studie der Statistik Austria zur Nichtnutzung des Internets hebt hervor, dass sowohl der fehlende erkennbare Mehrwert als auch der als zu hoch empfundene Zeitaufwand wichtige Gründe dafür sind, warum Menschen das Internet nicht verwenden.

Dem gegenüber sind die „zufriedenen Aussitzer*innen“ (in Deutschland 9 % der Bevölkerung aus allen Altersgruppen) sehr wohl online vertreten und verfügen über ein Mindestmaß an digitalen Kompetenzen, haben aber keine Ambitionen, sich neues Wissen anzueignen. Häufig handelt es sich um Personen mit geringeren formalen Bildungsabschlüssen, die generell weniger weiterbildungsaffin sind.

„Sensorische Einschränkungen erschweren mir die Nutzung der Geräte“

Für Österreich untersuchte die Studie „Bildung und digitale Kompetenzen im Alter“ speziell das Nutzungsverhalten älterer Österreicher*innen über 65 Jahren. Etwa 25 % von ihnen nutzen keine digitalen Technologien. Die Mehrheit dieser Offliner*innen ist über 80 Jahre alt oder verfügt maximal über einen Pflichtschulabschluss – oder beides. Als Gründe für die Nicht-Nutzung werden (neben der geringen Relevanz für das tägliche Leben) sensorische Einschränkungen angegeben. Schlechtes Seh- oder Hörvermögen kann eine Hürde bei der Bedienung digitaler Geräte darstellen und den Zugang zu Lernmöglichkeiten erschweren.

„Die Bedienung ist mir zu kompliziert“

Eine weitere Studie stammt aus der Schweiz und widmete sich speziell älteren Internet-Nutzer*innen und Offliner*innen. Zu letzterer Gruppe zählen 26 % der Schweizer*innen ab 65 Jahren. Als Grund für die Nichtnutzung geben sie mit 77 % am häufigsten an, dass ihnen die Bedienung zu kompliziert ist. Seltener werden Sicherheitsbedenken und fehlende Kompetenzen bzw. ein hoher Lernaufwand genannt – das bestätigt auch die österreichische Studie.

„Meine Lese- und Schreibfähigkeiten sind gering“

Im Rahmen der LEO-Studie 2018 betrachteten Klaus Buddeberg und Anke Grotlüschen den Zusammenhang zwischen Literalität und digitalen Praktiken. Demnach nutzen Personen mit geringen Lese- und Schreibfähigkeiten das Internet anders als andere: Anstelle von E-Mails stehen bei ihnen Chats oder soziale Medien im Vordergrund, außerdem profitieren sie von mobilen Technologien und nicht-schriftlichen Praktiken (z.B. Videotelefonie, Erklärvideos oder Sprachnachrichten). Als Beweggründe geben sie an, keinen Bedarf an Kommunikationsformen wie E-Mail zu haben; seltener werden fehlende Kompetenzen oder Sicherheitsbedenken genannt. Geringe Literalität ist tabuisiert und kann eine unausgesprochene Barriere bilden.

„Ich lasse mir bei Aufgaben im Internet helfen“

Vor allem bei digitalen Behördengängen (E-Government) lassen sich Menschen mit geringen digitalen Kompetenzen gerne von Vermittler*innen helfen, die aus dem privaten Umfeld stammen. Weiters bevorzugen sie Anrufe oder persönliche Termine. Das kann sowohl an fehlenden Schreib- und Lesekompetenzen liegen (siehe LEO-Studie 2018) als auch am subjektiv empfundenen fehlenden Bedarf (siehe D21 Digital-Index bzw. Studien zu digitalen Kompetenzen im Alter aus Österreich bzw. der Schweiz). Hohe Kosten für digitale Geräte und Internetzugang können eine zusätzliche Barriere darstellen (siehe Statistik Austria).

„Ich fühle mich von der Digitalisierung überlastet oder gestresst“

Zwar bestätigen die vorliegenden Studien, dass jüngere Menschen und solche mit höherer Bildung stärker von der Digitalisierung profitieren als Ältere oder Menschen mit geringerem Bildungsniveau. Dennoch beschränkt sich eine digital-skeptische oder ambivalente Haltung nicht nur auf die oben genannten Gruppen. Bei höher qualifizierten Menschen liegen Ablehnungsgründe häufig in einer Übersättigung oder im Gefühl, von der Digitalisierung gestresst zu werden. Im D21 Digital-Index werden diese Personengruppen unter den Labels „ablehnende Mitte“ oder „ambivalente Profis“ zusammengefasst.

Digitale Skeptiker*innen mit Bildungsangeboten erreichen – aber wie?

Fehlende Kompetenzen, Überlastung oder Genügsamkeit: Die Gründe für Digitalisierungsskepsis können vielfältig sein. Wie können dennoch Bildungsangebote gestaltet werden, die diese Zielgruppe erreichen? Wichtig scheint es, die Skeptiker*innen dort abzuholen, wo sie stehen.

Wie der Bericht „Digitale Kompetenzen für alle“ ausführt, sind auch Menschen mit geringen digitalen Fähigkeiten online. Sie können z.B. über Soziale Medien, Online-Gruppen oder Communities erreicht werden. Eine SEO-optimierte, barrierefreie Website hilft dabei, gefunden zu werden. Auch über lokale Netzwerke, Multiplikator*innen aus der Zielgruppe oder offizielle Stellen (Arbeitsvermittlungsstellen, Sprachschulen) können Kurse und Workshops beworben werden.

Bei der Ausgestaltung von Bildungsangeboten für digital-skeptische Zielgruppen gilt es, deren spezifische Voraussetzungen zu berücksichtigen. Das kann beispielsweise mit barrierefreien oder mobil-zentrierten Angeboten gelingen, die sich auf Technologien fokussieren, die für die Teilnehmenden einen echten Mehrwert bieten. Lokale Angebote mit persönlicher Unterstützung vor Ort können die Hürde zur Teilnahme senken.

Ein Beispiel dafür sind die kostenlosen Workshops für digitale Einsteiger*innen im Rahmen der Initiative „Digital Überall“. Ein von CONEDU im Auftrag des OeAD entwickelter Qualitätsleitfaden fasst die wichtigsten Kriterien für diese Angebote zusammen und beschäftigt sich mit der Frage, wie digitale Skeptiker*innen erreicht werden können.

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