Rezension: Handbuch Kompetenzentwicklung im Netz
Digitalisierung und Vernetzung hat die Lebenswelt verändert, auch die Art und Weise des Lernens. Welchen Einfluss dies auf die Lernwelt hat und wie diese angesichts der Entwicklungen gestaltet werden kann, greift das Handbuch anhand unterschiedlicher Lernumgebungen (Schule, Hochschule, Unternehmen) auf. Ziel des Handbuchs ist nicht nur eine empirisch gestützte Beschreibung der Realität und ein Prognostizieren auf dieser Basis. Der Sammelband will auch Praxis mitgestalten und die als nötig erachteten Entwicklungen in Gesellschaft, Bildung und Wirtschaft mit-initiieren.
Bausteine einer neunen Lernwelt
Der Sammelband spannt den Bogen über die unterschiedlichen Aspekte der Kompetenzentwicklung im Netz und wird seinem bescheidenen Untertitel - "Bausteine einer neuen Lernwelt" damit mehr als gerecht. In einem ausführlichen Basisabschnitt - "Hinführung" genannt - behandeln mehrere Beiträge die Digitalisierung von Wirtschaft und Gesellschaft, die Rolle von Computern als Lernpartner und Denkwerkzeuge, das Netz als Lern-Infrastruktur sowie die dabei nötige Selbstorganisation und Ermöglichungsdidaktik. Aber auch Werte, "Denkzwänge" und die mit dem digitalen Wandel verbundenen Rollenwechsel auf Seiten der BildungsdienstleisterInnen greifen die Autoren auf. Auch praktische Aspekte wie Geschäftsmodelle werden in zwei Beiträgen behandelt. Weitere Abschnitte des Sammelbandes befassen sich mit Herausforderungen für Schulen und Hochschulen sowie - schwerpunkthaft - mit Herausforderungen in Unternehmen und Arbeitswelt. Der Entwicklung von Mediennutzungs-Kompetenz im Erwachsenenalter ist ein eigener Abschnitt gewidmet.
Die Gesellschaft der Zukunft als "Kompetenzgesellschaft"
Den theoretischen Ausgangspunkt bildet Erpenbecks Definition von Kompetenzen im Sinne von "Fähigkeiten, in (zukunfts-)offenen Problem- und Entscheidungssituationen selbstorganisiert und kreativ zu handeln". Vor dieser hohen Bedeutung der Handlungsfähigkeit ist Wissensvermittlung weder zentral noch eine Aufgabe von "Unterrichtenden" oder überhaupt von Menschen - so der Konsens in den Beiträgen des Bandes. Die Wissensweitergabe im Präsenzunterricht hat ausgedient, Wissensaneignung kann digital erfolgen, und Kompetenzentwicklung findet generell im Kontext der Lebens- und Arbeitswelt statt. Vor diesem Hintergrund spannen die Beiträge des Bandes einen weiten Bogen.
Gemeinsam in der Wolke: Zeitgemäße Lernarchitekturen
Das Buch bietet insbesondere für die Erwachsenenbildung interessante Anregungen zur Gestaltung von digitalen Ermöglichungsräumen und Lernarchitekturen (zum Beispiel in den Beiträgen von Eckelt/Enk und von Sauter/Staudt). Als kurzfristiges Zielbild wird hier bspw. das "Social blended learning" angeführt, also ein Mix aus digitalem Arrangement, Präsenzkontakt und Praxisphasen, welches "das Beste aus beiden Welten" verbindet. "Cloud Learning" ist eine weiteres Stichwort im Kontext von Lernen 4.0 und meint von Lernenden selbst organisierte soziale Netze, in denen Lernressourcen individuell und on-demand genutzt werden.
Was sind denn nun die neuen Kompetenzen?
Fundamentale Aspekte der Kompetenzentwicklung im Netz sehen die Herausgeber in der Fähigkeit, die Möglichkeiten der Datennetze anzuwenden, für Lernende und das eigene Lernen zu nutzen, aber auch an ihrer Weiterentwicklung und Verbreitung mitzuwirken. Erpenbeck meint: "Digitalisierung und Kompetenzentwicklung sind Geschwister". Welche Kompetenzen voraussichtlich im Arbeitskontext noch wichtiger werden als bisher benennt Thomas Jenewein konkreter in seinem Beitrag zur "Zukunft des Arbeitens und Lernens". Neben einigen anderen Kompetenzen werden die Fähigkeit selbtgesteuert zu lernen und mit Big Data umzugehen an Bedeutung zunehmen, so der Autor.
Kompetenzen selbst gemacht
Insgesamt weisen die Überlegungen der Herausgeber und AutorInnen (wie häufig im Kompetenzdiskurs) einen starken Arbeitsmarktbezug auf. Dabei ist die große Bedeutung der Individualisierung in den Beiträgen des Bandes unumstritten. Dahingehender Druck entsteht u.a. durch neue Möglichkeiten von Arbeitgebern, digitale Arbeitsaufträge kleinteilig und spontan zu vergeben, mit der Folge einer geringeren Bindung von WissensarbeiterInnen an Unternehmen. Durch solche Entwicklungen wird die hohe Eigenverantwortung von Individuen für die eigene Kompetenzentwicklung verstärkt oder eben - je nach Perspektive - verschärft. Diese Aspekte werden im Sammelband beschrieben, aber kaum problematisiert. Im Gegenteil: Die Gestaltung einer persönlichen digitalen Lern-Infrastruktur und eine beständige Reflexion des eigenen Problemlösungsverhalten sind vor diesem Hintergrund (nahliegende) Empfehlungen.
Leseempfehlung
Ohne den Schwerpunkt Erwachsenenbildung in einem eigenen Abschnitt explizit zu sammeln, bieten die Beiträge über den ganzen Sammelband verteilt zahlreiche Erkenntnisse und Anregungen für die Erwachsenenbildung. Allein das 42-seitige einschlägige Glossar hat für sich bereits hohen Informationswert. Das umfangreiche Werk von 660 Seiten präsentiert seine Inhalte in kleinen, leicht verdaulichen Portionen, wie man es sonst am ehesten von guten Online-Texten gewohnt ist – und ist insofern für eine Generation von Online-LeserInnen verfasst.
Zu den Herausgebern
John Erpenbeck gilt als Experte im Kompetenzdiskurs und hat den Lehrstuhl für Wissens- und Kompetenzmanagement an der School of international Business and Entrepreneurship (SIBE) inne. Werner Sauter ist u.a. Gründer des Instiuts E-Business und Management. Er ist als Berater für Unternehmen und Bildungsanbieter tätig und unterstützt diese bei der Konzipierung, Umsetzung und Implementierung kompetenzorientierter Lernsysteme.
Erpenbeck, John / Sauter, Werner (2017): Handbuch Kompetenzentwicklung im Netz. Bausteine einer neuen Lernwelt. Stuttgart: Schäffer-Poeschel Verlag. ISBN: 978-3-7910-3793-6, EUR 69,95
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