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Live online und barrierefrei – schwierig, aber nicht unmöglich

27.04.2022, Text: Susanne Witt, Redaktion: Redaktion/CONEDU
Wie lassen sich Live-Online-Veranstaltungen barrierefrei durchführen? Dieser Beitrag fasst Anforderungen und Lösungsansätze zusammen.
  • Person bedient Braille-Zeile am Computer Foto: Unsplash Lizenz, Sigmund, https://unsplash.com
    Je interaktiver die Veranstaltung angelegt wird, umso mehr Aufmerksamkeit erfordern Barrieren.

Ziel ist eine barrierefreie Lernumgebung

Live-Online-Veranstaltungen barrierefrei gestalten – das bedeutet, allen Menschen den Zugang zu Bildungsangeboten zu ermöglichen. Die Forderung ist längst auch im Gesetz verankert: „Lernumgebungen müssen barrierefrei gestaltet werden, um niemanden auszuschließen", heißt es da (siehe WCAG 2.0 BITV 2.0, EU-Richtlinie 2016/2102 in einer Zusammenfassung der Aktion Mensch). Hierzu sind assistive Technologien wie u.a. Screenreader, Tastatureingaben, Untertitel oder Audiodeskription zu berücksichtigen.

Die Hürden bei Live-Online-Veranstaltungen

Barrieren ergeben sich je nach Beeinträchtigung, Veranstaltungstyp und eingesetzten Tools. Je interaktiver die Veranstaltung angelegt wird, umso mehr Aufmerksamkeit erfordern Barrieren. Die erste Hürde besteht bereits in der Anmeldung, die auch für stark sehbehinderte Menschen ermöglicht werden muss. Weitere Barrieren können bei der Bedienung von Anwendungen und Apps während der Online-Veranstaltung auftreten. Die Tastaturbedienung der genutzten Tools ist eine Bedingung für blinde Teilnehmende. Bei einem reinen Vortrag können auditive Beeinträchtigungen auftreten. Eine Präsentation hingegen setzt auf visuelle Effekte wie Grafiken und enthält damit Barrieren für Menschen mit Sehbeeinträchtigungen. Besonders bei kollaborativen Elementen müssen neben Seh- und Hörbehinderung auch körperliche Beeinträchtigungen und die entsprechenden assistiven Technologien mitgedacht werden. Unterschiedliche Lösungsansätze sind daher nötig.

Lösungsansatz: Wahl des Videokonferenztools

Die deutsche Bundesfachstelle Barrierefreiheit stellt einen Vergleich von Videokonferenztools mit Stand vom Sommer 2021 zur Verfügung (Hinweis: seit Juni 2022 steht eine aktualisierte Tabelle zur Verfügung). Der tabellarische Vergleich orientiert sich an den elementaren Bedarfen für eine barrierefreie Nutzung der Programme und bewertet entsprechend die Videokonferenztools Adobe Connect, BigBlueButton, Cisco Webex, Google Meet, GoTo Meeting, Jitsi Meet, Microsoft Teams, Skype und Zoom. Demnach werden viele Barrierefreiheits-Kriterien von den derzeit beliebten Tools Zoom und MS Teams bereits erfüllt. Die Live-Untertitelung war jedoch 2021 nur bei Adobe Connect und Big Blue Button zufriedenstellend umgesetzt. Als Alternative bieten sich externe Lösungen wie z.B. das Tool WebCaptioner an, das auch eine Zoom-Integration ermöglicht.

 

Seit Februar 2022 gilt eine aktuelle Version der EU-Richtlinie über den barrierefreien Zugang zu den Websites und mobilen Anwendungen öffentlicher Stellen. Darin sind zusätzliche Kriterien verankert, die vor allem die technischen Anforderungen an Videokonferenzsoftware betreffen – etwa eine maximale Audiofrequenz von 7.000 Hz oder die Verfügbarkeit einer Audiodeskription. Alle betreffenden Kriterien sind auf der Website der FFG nachzulesen (Additional Criteria EN 301 549 V3.2.1, Clause 6 und 7).

Lösungsansatz: Wahl des Interaktions-Tools

Interaktive Elemente wie Umfragen und Kollaborationen gestalten sich je nach Tool schwierig bis unmöglich hinsichtlich Barrierefreiheit. Viele Support-Seiten von Tool-Anbietern stellen jedoch Listen mit Tastenkombinationen zur Steuerung ihrer App zur Verfügung. Im Netz findet man auch einige Anwendungen wie z.B. Survey Monkey zur Erstellung barrierefreier Online-Umfragen. Weiterhin besteht ein großer Entwicklungsbedarf an zugänglichen digitalen Kollaborationswerkzeugen.

Lösungsansatz: bewusste Wortwahl

Dank einfacher Sprache kann ein größerer Personenkreis die vorgestellten Inhalte aufnehmen. Den Vortragenden obliegt es dabei, mit ihrer Wortwahl auch eingeblendete Grafiken sinnhaft zu beschreiben. Alle visuellen Inhalte müssen verbalisiert werden, um die Veranstaltung barrierefreier zu gestalten und um Missverständnisse zu vermeiden. Im Detail bedeutet das, unspezifische Ortsangaben zu vermeiden (statt „hier sehen Sie..." besser „Links von x befindet sich y").

Lösungsansatz: Vorab-Ressourcen

Menschen mit Beeinträchtigungen profitieren sehr von der Vorab-Zusendung schriftlicher oder sogar multimedialer Unterlagen. Dazu gehören z.B. Textdateien, Audiofiles oder sogar Videos mit Audiodeskription. Wenn es nicht möglich ist, die Vortragsunterlagen vorab schriftlich bereitzustellen, sollten in der Live-Online-Veranstaltung Untertitel erzeugt und eingeblendet werden. Welche Videokonferenztools das können, zeigt ein entsprechender Vergleich.

Lösungsansatz: Support-Personen

Für den Abbau von Live-Barrieren sind technisch versierte Co-Moderator*innen besonders wichtig. Diese bearbeiten im Hintergrund eingehende Chatanfragen und können telefonisch Hilfestellungen geben, wenn das passend ist. Für den Fall von auditiven Beeinträchtigungen können weiters Gebärdendolmetscher*innen eingebunden und eingeblendet werden.

Nachbereitung barrierefrei gestalten

Die Aufzeichnung einer Videokonferenz, die anschließend zur Verfügung gestellt werden soll, benötigt für die Barrierefreiheit Untertitel und eine Audiobeschreibung. Ein Link zu kleineren, ggf. geschnittenen Videos ist hilfreich, ebenso wie die Kennzeichnung einzelner Elemente als Überschrift. Transkripte sollten als „Tagged PDF" und mit sinnvoll benannten Links erzeugt werden.
 
Creative Commons License Dieser Text ist unter CC BY 4.0 International lizenziert.
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