Bildung im Alter: Erfahrungen statt Defizite in den Fokus stellen
Rund 20% der österreichischen Bevölkerung sind 65 Jahre oder älter, Tendenz steigend. Die Menschen in diesem Alter nehmen immer häufiger an Bildungsangeboten teil, dennoch sinkt im Alter die Wahrscheinlichkeit einer Teilnahme. Und fast jede Dritte Person in Österreich zwischen 55 und 75 Jahren hat ein Bildungsinteresse, setzt es aber nicht um (siehe Bericht „Altern, Lernen und Bildung 2030“ PDF). Was braucht es also, damit ältere Menschen an Lern- und Bildungsangeboten teilnehmen?
An wen richtet sich „Bildung im Alter“?
Die Definition von „Alter“ ist vielfältig. Die Gerontologie unterscheidet etwa zwischen den Begriffen „Alter“ und „Altern“. Während „Altern“ einen fortlaufenden, unumkehrbaren Prozess der biologischen, psychischen und sozialen Entwicklung beschreibt, bezieht sich das „Alter“ auf eine Lebensphase, deren Beginn gesellschaftlich und sozial bestimmt ist. Typischerweise beginnt diese Lebensphase mit dem Ausscheiden aus dem Erwerbsleben und dem Übergang in die nachberufliche Lebensphase. UNO und WHO meinen oftmals über 60- oder über 65-Jährige, wenn sie von älteren bzw. alten Menschen sprechen.
Auch wenn Weiterbildungsangebote für ältere Arbeitnehmer*innen durch den Fachkräftemangel zunehmend an Bedeutung gewinnen, ist demnach vom „Lernen im Alter“ meist dann die Rede, wenn sich Bildungsangebote an Personen in der nachberuflichen Lebensphase richten.
Alte Menschen sind auch Erwachsene
Auch wenn es keine allgemein gültige Grenze gibt, ab welchem Alter man von „Bildung im Alter“ sprechen kann, hat man schnell bestimmte Lern- und Bildungsangebote im Kopf – wie Gedächtnistrainings oder Bewegungskurse. Häufig geht es um den bestmöglichen Erhalt von Fähigkeiten oder um den Umgang mit gesundheitlichen Problemen, und nicht um die (Weiter)Entwicklung von Kompetenzen. Diese Angebote haben sich bewährt und ihre Berechtigung. Dennoch kann durch den Fokus auf die Defizite der Eindruck entstehen, es bedürfe einer eigenen Didaktik und Methodik. Dabei ist Bildung im Alter zunächst auch Erwachsenenbildung, die didaktisch gleich umgesetzt wird, wie die Arbeit mit jüngeren Erwachsenen. So geht es auch in der Arbeit mit Älteren um Teilnehmendenorientierung, die Berücksichtigung von Erfahrungen und Lebenswelten sowie die Frage nach der Verwertbarkeit des Gelernten (siehe auch „Prinzipien erwachsenengerechten Lehrens und Lernens“). Es geht also auch bei der Bildung mit alten Menschen um die Verbindung mit Interessen und Lebenslagen.
Eigene Altersbilder hinterfragen
Alter wird oft negativ konnotiert und mit Defiziten verbunden. Für Lehrende in der Erwachsenenbildung ist es deshalb in einem ersten Schritt notwendig, die eigenen Bilder und Vorstellungen von „Alter“ zu hinterfragen. Die typischen gesellschaftlichen Altersbilder sind widersprüchlich und dienen oft mehr der Abgrenzung als der Identifikation. Dies zeigt sich beispielsweise in Zuschreibungen wie „fitte Alte“ versus „pflegebedürftige Alte“ oder „reiche Alte“ versus „armutsgefährdete Alte“. Diese Klischees beeinflussen nicht nur das eigene Bild von älteren Menschen, sondern auch die Bildungsarbeit mit ihnen. Für Lehrende gilt es daher, das eigene Altersbild zu reflektieren und sich von Stereotypen zu lösen (siehe auch „Didaktik Leitfaden für die Bildungsarbeit mit älter werdenden Frauen und Männern“- PDF).
Mit der Frage nach Stereotypen und Altersbildern ist grundsätzlich auch zu überlegen, wann man in Bildungsangeboten explizit eine Altersgruppe anspricht. Bewirbt man ein Angebot als eines für die Altersgruppe 60+, kann das Teilnehmer*innen motivieren, aber auch von einer Teilnahme abhalten. Es kann motivieren, wenn Personen ein Bildungsangebot suchen, um sich mit der eigenen Peergroup zu vernetzen. Es kann aber auch Menschen von einem Angebot abhalten, wenn sie „alt sein“ negativ und defizitorientiert interpretieren.
Persönliche Motivation ist entscheidend
Betrachtet man die jeweilige Lebensphase der Lernenden in der nachberuflichen Lebensphase, so lässt sich ein Unterschied zu anderen Altersgruppen vor allem darin erkennen, dass Menschen im Ruhestand in der Regel freiwillig an Bildungsveranstaltungen teilnehmen. Natürlich gibt es Ausnahmen und Grenzfälle, wie z.B. Bildungsveranstaltungen für pflegende Angehörige, bei denen fraglich ist, wie freiwillig die Beschäftigung mit dem Thema tatsächlich ist. Jedenfalls sind Menschen im Ruhestand nicht mehr gezwungen, sich beruflich weiterzubilden. Für die Bildungsbeteiligung und den Lernerfolg spielt daher die persönliche Motivation eine entscheidende Rolle.
Erfahrungen berücksichtigen
Ein weiterer Punkt, in dem sich ältere Lernende von jüngeren unterscheiden, ist die Lebenserfahrung. Ältere Menschen haben bereits mehr Leben hinter sich als vor sich und dabei viel Lebenserfahrung gesammelt. Die Arbeit an der eigenen Biografie und die Berücksichtigung von Erfahrungen in Bildungsveranstaltungen gewinnt daher mit zunehmendem Alter an Bedeutung.
Bildungsangebote, die diese Erfahrungen und Biografien berücksichtigen, können die Teilhabe älterer Menschen an Lern- und Bildungsangeboten fördern. Ein Beispiel dafür ist ein Weiterbildungskurs zum autobiografischen Schreiben der Universität Graz: Vor dem Hintergrund persönlicher Erfahrungen und Erinnerungen setzten sich die älteren Teilnehmenden mit den fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts auseinander. Am Ende entstand ein Buch mit elf Beiträgen von Teilnehmerinnen und Teilnehmern des Kurses über die 1950er Jahre.
Das Beispiel macht deutlich, dass Partizipation in der Bildungsarbeit mit Älteren über eine reine Förderung der Inanspruchnahme von Bildungsangeboten hinaus gehen kann. Partizipation von Älteren in der Bildungsarbeit kann auch heißen, ihnen eine gestaltende, verbindliche Rolle zuzusprechen.
Barrierefreiheit wird wichtiger
Barrierefreie Bildungsangebote kommen allen Menschen zugute. Für ältere Menschen ist Barrierefreiheit jedoch besonders wichtig. Denn mit zunehmendem Alter steigt die Wahrscheinlichkeit einer Behinderung oder gesundheitlichen Einschränkung. In Gruppen mit pflegebedürftigen, behinderten oder dementen Menschen ist eine differenzierte Gestaltung der Lernsettings notwendig. Kleine Gruppen, kurze Veranstaltungen, eine ruhige Atmosphäre und Pausen sind hier besonders wichtig (siehe auch „Didaktik Leitfaden für die Bildungsarbeit mit älter werdenden Frauen und Männern“- PDF).
Die Berücksichtigung von Krankheit im Bildungssetting bedeutet allerdings nicht, dass man nur die Erfahrung von Kranksein berücksichtigen muss, auch andere Erfahrungen können Platz haben. Das zeigt etwa die Veranstaltung „Koffer der Erinnerungen“ des Museums Kunsthaus Graz. Bei diesem Angebot für Menschen mit und ohne Demenz stehen die Geschichten der Teilnehmenden im Fokus. Der „Erinnerungskoffer“ enthält Bilder und Objekte zu verschiedenen Themen, die einen Bezug zur Lebensrealität der Museumsbesuchenden haben. Die Auseinandersetzung mit den Gegenständen soll Erinnerungen bei den Museumsbesuchenden mit Demenz wecken und zu gemeinsamen Gesprächen und Austausch anregen.
Bildungsarbeit mit Älteren entspricht damit wie andere Bildungsarbeit auch den Charakteristika der Erwachsenenbildung - es geht um die Reflexion der Lehrenden, um die Berücksichtigung von Erfahrungen und Lebenssituationen und um die Förderung der aktiven Mitgestaltung.
- Beitrag auf EPALE
- UNO: OHCHR and older persons
- WHO: Ageing
- Dossier: Barrierefreie Erwachsenenbildung
- Bildungsinformation barrierefrei aufbereiten: Ein paar Tipps
- UNO: Older persons
- Altern, Lernen und Bildung 2030: Perspektiven und Bedarf (PDF)
- Didaktik-Leitfaden für die Bildungsarbeit mit älter werdenden Frauen und Männern (PDF)
- Handreichung: Wie Bildung im Alter gelingt (PDF)
- Buch versammelt persönliche Erlebnisse aus den 1950er Jahren
- Mehr Teilhabe für Menschen mit Demenz durch Bildungsarbeit
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