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Biografiearbeit als Türöffner zu Lernerfolgen

04.07.2009, Text: Beatrix Bertsch, VHS Götzis, Redaktion: Barbara Kreilinger, VÖV
"Nein, nein!", war bei jedem vorgestellten Rechenweg der verzweifelte Aufschrei von Hr. Markus. "So haben wir das nicht gelernt." Durch Biografiearbeit in der VHS Vorarlberg lernt er schließlich, neue Lernwege zu gehen. (Grund-/Basisbildung an Öst. Volkshochschulen, Teil 6)
Lern-Biografie als selbstverständlicher Bestandteil der Grundbildung

Erst als Hr. Markus (31) sich an seinen großen Lernerfolg in der Volksschule und die Unterstützung durch seine Mutter erinnert, ist er bereit, neue Lernwege zu gehen. Steigen Erwachsene wieder in den Lern-Prozess des Schreibens, Lesens und Rechnens ein, gehört die Lern-Biografie ganz selbstverständlich dazu. Das Erinnern öffnet fürs Verarbeiten und Neulernen. Dabei ist es wichtig, dass Menschen sich aussprechen können und für die Lern-Begleiterin wird sichtbar, wo sinnvoll angesetzt werden kann.

Erfolge werden sichtbar

Auch Erfolge müssen verdaut werden, findet Hr. Josef (40). Er musste auf Grund eines Brandes am elterlichen Hof zu Hause beim Wiederaufbau helfen und kam so selten in die Schule. Mit vierzig schafft er den Durchbruch beim Lesen.

 

Biografisches Arbeiten dient grundlegend

  • zur Standortbestimmung,
  • zum Erkennen der Lern-Ansatzstelle und
  • zum Empowerment der im Erwachsenenalter Lernenden.

 

Die Volkshochschule Vorarlberg steht für aktives, initiatives, lebenslanges Lernen. Erwachsene, die in basisbildende und in den Kulturtechniken stärkende Lernprozesse einsteigen, haben bewusst oder unterbewusst

  • das Bedürfnis zu erinnern,
  • den eigenen Standort wahrzunehmen und zu orten
  • lernend Erfahrungen zu wenden und darauf dann aufzubauen.

 

Das eigene Leben und die Lebenserfahrungen wirken in die Lernbiografie. Lernen verändert im Tun und Beobachten das Selbstbild, eröffnet Freiräume für nächste Schritte, die zuvor gar nicht im Blickfeld waren. Die Erkenntnis „Ein Lernen ohne den Atmungsprozess des Erinnerns, Loslassens und Neubildens ist in der Basisbildung Erwachsener unmöglich“, wird dadurch von Lernenden und Lern-Begleitenden erfahrbar.

 

Eine 35-jährige Frau im Kurs „Sprechen + Schreiben + Lesen“ konnte gut formulieren. Aber, sie schrieb Worte, die ihr emotional wichtig waren, mit großen Anfangsbuchstaben. Biografisch erinnerte sie ihr von der Lehrerin ständig kritisiertes langsames Lernen. Emotionales Erfassen in Worte zu kleiden braucht Zeit. Sie erkannte, dass sie den Empfindungen sehr großen Wert beimisst und das mit großem Anfangsbuchstaben kundtut. Diese Verknüpfung - einmal bewusst gemacht - war dann schnell aufgelöst.


Das Lern-Ernte-Buch

Eine Möglichkeit biografisch ans Schreiben-Lernen heranzugehen stellt das Portfolio, ein Lern-Ernte-Buch, dar. Dabei werden die formalen Abschlüsse, die informellen Kursteilnahmen und die Erfahrungen im Beruf, im Ehrenamt, der Familie dargestellt und aufgezeichnet.

 

Zeugnisse, Kursbestätigungen, Erfahrungsberichte werden gesammelt, die Mappe individuell, mit Fotos gestaltet, Schreiben wird aktiv und sinnvoll geübt und gleichzeitig am Bewusstwerden des roten Fadens der Biografie gearbeitet.

 

Biografisches Arbeiten kann ein Türöffner fürs Lernen sein. Im Grunde ist es die Basis des zirkulären menschlichen Lernens überhaupt: Reflektiertes Leben verändert durch das Lernen aus der eigenen Biografie.


gefördert durch:

  • BM:UKK
  • ESF
  • Land Vorarlberg

 

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