Rechtsextremismus als Herausforderung für Demokratie und Erwachsenenbildung

10.11.2025, Text: Antonia Unterholzer, Redaktion/CONEDU
Bildungsforschung und Angebote der politischen Bildung zeigen, wie die politische Erwachsenenbildung auf Rechtsextremismus reagieren, präventiv wirken und langfristig demokratische Haltungen stärken kann.
Am besten funktioniert die Vorbeugung rechtsextremer Einstellungen durch kontinuierliche Bildungsangebote.
Foto: Unsplash Lizenz, Al Amin Mir, https://unsplash.com

In Österreich sind die Anzeigen rechtsextremer Straftaten 2025 im Vergleich zum Vorjahr um rund 40% gestiegen, berichtete die Tageszeitung „Der Standard“ vor wenigen Wochen. Dazu gehören Verstöße gegen das Wiederbetätigungsgesetz, Holocaust-Leugnung und Verhetzung. „Der Standard“ schreibt von einem Rekordhoch rechtsextremer Straftaten in Österreich im Vorjahr.

Wie kann die politische Erwachsenenbildung auf solche gesellschaftlichen Verschiebungen reagieren? Wie lässt sich präventiv arbeiten? Und welche Bildungsansätze wirken langfristig gegen rechtsextreme Tendenzen?

Ungleichheit, Ausgrenzung, Autorität: Was hinter rechtsextremen Einstellungen steckt

Die gängigste Beschreibung von Rechtsextremismus wird mit den Dimensionen Antiegalitarismus, Ethnozentrismus und Autoritarismus gefasst. Dazu kommt eine verharmlosende oder verherrlichende Darstellung des Nationalsozialismus.

Antiegalitarismus ist die Einstellung, dass nicht alle Menschen grundsätzlich gleich und vor allem nicht gleichwertig (zu behandeln) sind. Dahinter steht die Vorstellung, dass bestimmte Gruppen von Menschen, etwa aufgrund von Herkunft, Geschlecht, Religion oder sozialem Status, mehr Wert als andere haben.

Ethnozentrismus heißt, dass die Werte, Eigenschaften und Besonderheiten der eigenen Volksgruppe (Ethnie) über jene von anderen gestellt werden und als einzig „richtige“ zu sehen sind. Er beschreibt also eine Denkweise, bei der die eigene Kultur als Maßstab für alle anderen angesetzt wird. Diese kommt oft in einem „Wir gegen die Anderen“-Motiv zum Ausdruck. Rechtsextremismusforscher*innen fügen hier oft die sogenannte „gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit“ hinzu. Darunter versteht man abwertende und ausgrenzende Haltungen gegenüber diskriminierten sozialen Gruppen, bis hin zur Rechtfertigung von Gewalt gegen sie.

Der Begriff Autoritarismus bezeichnet eine grundsätzlich antidemokratische und antipluralistische Haltung, die Hierarchien, starke Führungspersönlichkeiten sowie Gehorsam und Unterordnung bejahen. Zumeist ist mit Autoritarismus eine Staatsform gemeint, in der die politische Macht bei einer Person oder einer Partei liegt.

Mediale Überspitzung oder reale Gefahr für die Demokratie?

Rechtsextremismusforscher*innen aber auch Bildungswissenschaftler*innen warnen, dass rechtes Gedankengut (wieder) salonfähig geworden ist, wie etwa Severin Sales Rödel in einem Beitrag über Erwachsenenbildung in Zeiten rechtsgerichteter Politik. Das „Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes“ (DÖW) zeigt im Rechtsextremismusbarometer 2024, dass zwar nur zwei Prozent der österreichischen Bevölkerung sich offen als rechts(extrem) bekennt, rechtsextremes Denken, Ideen und Ideologien aber auf weit mehr Zustimmung in der Gesamtbevölkerung stoßen. 29 % der Befragten finden, dass Muslim*innen die Zuwanderung nach Österreich untersagt werden soll. Im Jahr 2021 befürworteten laut dem Demokratieradar des Austrian Democracy Labs 14 % der befragten Österreicher*innen einen „Führer, der Österreich zum Wohle aller mit starker Hand regiert“.

Die Studienautor*innen des Rechtextremismusbarometers sehen keinen Anlass zu Alarmismus, da der Großteil der Befragten klar demokratisch gesinnt ist, betonen jedoch, dass die Ergebnisse auf eine wachsende gesellschaftliche Tendenz zur Abwertung von „Anderen“, auf Minderheitenverachtung sowie ein mit sinkendem Vertrauen in demokratische Institutionen verbundenes Bedürfnis nach Autorität und Abgrenzung hinweisen.

Wie Rechtsextremismusprävention durch Erwachsenenbildung gelingen kann

Reichen punktuelle Workshops zur Rechtsextremismusprävention, wenn Hass, Menschenfeindlichkeit und Demokratiedistanz zunehmen? Bildungswissenschaftler*innen betonen, dass politische Bildung mehr sein muss als eine kurzfristige Reaktion auf Krisen. Sie darf sich nicht auf Präventionsprogramme beschränken, „nur weil der Hut gerade brennt“. Wirksam wird sie, wenn sie als langfristiger, lebensbegleitender Lernprozess verstanden wird, der Menschen befähigt, ihre politische Urteils- und Handlungsfähigkeit weiterzuentwickeln, betont die Bildungswissenschaftlerin Christine Zeuner.

Klaus-Peter Hufer und Jana Trumann geben in einem Bericht über Präventionsmöglichkeiten der Erwachsenenbildung am Beispiel der Bildungsarbeit gegen Rechtsextremismus Einblicke und Handlungsempfehlungen. Sie schildern, dass politische Erwachsenenbildung dann präventiv gegen menschenverachtende Einstellungen wirkt, wenn sie Reflexions- und Handlungsfähigkeit stärkt und Räume schafft, in denen gesellschaftliche Fragen diskutiert und persönliche Haltungen hinterfragt werden können. 

Nachhaltige Wirkung entsteht vor allem durch kontinuierliche Bildungsangebote, dialogische Formate und persönliche Beziehungen zwischen Teilnehmenden und Lehrenden. Langzeitseminare zeigen dabei deutlich stärkere Effekte als einmalige Veranstaltungen. Entscheidend ist, dass politische Bildung alltags- und lebensweltnah gestaltet wird.

Ansätze und Angebote politischer Erwachsenenbildung

In der politischen Erwachsenenbildung gibt es eine Vielfalt an Ansätzen, wie auf Rechtsextremismus und Populismus reagiert werden sollte: von Demokratiebildungsangeboten über Argumentationstrainings bis zu Workshops für Multiplikator*innen. Hier drei Beispiele - zur Veranschaulichung, und ohne Anspruch auf Vollständigkeit.

Das DÖW bietet einen Workshop zum Rechtsextremismus in Österreich für Jugendliche und Erwachsene an. Die Teilnehmenden lernen, rechtsextreme Ideologien und Verschwörungserzählungen zu erkennen und darauf zu reagieren. Gemeinsam werden historische und aktuelle Formen des Rechtsextremismus, seine ideologischen Merkmale und Geschlechterdimensionen diskutiert. Außerdem werden zentrale Begriffe geklärt, die rechtsextreme Medien- und Organisationslandschaft analysiert sowie Möglichkeiten der Prävention und des eigenen Handelns erarbeitet.

Die Beratungsstelle Extremismus bietet neben Workshops für Erwachsene die Fortbildungsreihe „Extremismus - Umgang und Interventionsmöglichkeiten” an. Die Fortbildung bietet die Möglichkeit, praxisnahe Inhalte zur Einschätzung extremistischer Positionen und Gesinnungen, pädagogische Techniken sowie professionelle Zugänge und Haltungen als Basis der Extremismusprävention zu erlernen und zu erproben.

Seit vielen Jahren etabliert ist ein Format der Österreichischen Gesellschaft für Politische Bildung (ÖGPB): In der zweitägigen Trainer*innenausbildung „Argumentationstraining gegen Stammtischparolen“ lernen Teilnehmende, diskriminierenden und pauschalisierenden Aussagen entgegenzutreten. In praktischen Übungen werden typische Stammtischparolen gesammelt, analysiert und mögliche Reaktionsstrategien erprobt. Neben der Entwicklung überzeugender Argumente werden auch die gesellschaftlichen und psychologischen Hintergründe solcher Aussagen reflektiert.

Politische Bildung am Arbeitsplatz und Rechtsextremismusprävention

Viele Angebote politischer Bildung erreichen vor allem jene, die sich bereits für das Thema interessieren oder beruflich damit befassen. Wie aber können Menschen erreicht werden, deren Einstellungen in eine rechtspopulistische oder rechtsextreme Richtung tendieren? Hufer und Trumann betonen, dass Menschen mit gefestigten rechtsextremen Einstellungen kaum durch politische Bildung ansprechbar seien. Offeneren Haltungen, die noch nicht verfestigt sind, könne jedoch durch Bildung und Reflexion begegnet werden.

Ein zentraler Ort, an dem Menschen mit unterschiedlichen politischen Ansichten aufeinandertreffen und Dialog entstehen kann, ist der Arbeitsplatz, betont Erwin Feierl-Giedenbacher in einem Beitrag zu Extremismus und gewerkschaftlicher Weiterbildung. Genau hier setzte die Seminarreihe „Extremismus – Was tun?“ der Arbeiterkammer Oberösterreich im Jahr 2016 an. Das Programm richtete sich an Betriebsrät*innen und griff Themen wie Alltagsrassismus, gesellschaftliche Spannungen und den Umgang mit rechtsextremen Tendenzen im Betrieb auf. Ziel war es, solidarische Kompetenzen zu stärken, Radikalisierungstendenzen früh zu erkennen und Handlungsmöglichkeiten zu entwickeln, um dies auch wieder zurück in den Betrieb zu tragen und als Multiplikator*innen zu fungieren. 

Nachrichtenserie „Demokratiebildung in der Erwachsenenbildung“

Der Sturm auf das US-Kapitol im Jahr 2021, Angriffe auf deutsche Politiker*innen während des EU-Wahlkampfes und das Erstarken demokratiefeindlicher Bewegungen zeigen, wie tief die Demokratie in der Krise steckt. Wie können wir sie schützen und gestalten? Unsere Nachrichtenserie beleuchtet, welche Rolle Demokratiebildung dabei spielt und informiert über Neuigkeiten, Projekte und Publikationen.

Dieser Beitrag ist zuvor auf EPALE erschienen und wurde für erwachsenenbildung.at geringfügig bearbeitet.

Weitere Informationen:
Quelle: EPALE E-Plattform für Erwachsenenbildung in Europa

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